Von Aufmachung und Klappentext sowie vom Ruf des Autors her hatte ich mehr erwartet. Da ist von einem "furiosen Buch" und von "Erzählkunst" die
Rede. Der Mediävist (aha) Fried erweist sich beim Lesen aber als aufdringlicher Alt-Philologe mit einem unsäglichen Hang zu vermeidbaren Fremdwörtern und eingestreuten Satz-Gebirgen mit Verschachtelungen in Gedankenstrichen,Kommata und Klammern, in denen der Leser mehrfach schlicht die Lust am Lesen verliert. Stilistisch zieht Fried die uralte, überholte Show der "Humanisten" des vorletzten Jahrhunderts ab. Lateinische, alt-deutsche, -französiche und -englische Zitate im Überfluß - mir reicht die Übersetzung ins heutige Deutsch, der O-Ton könnte von mir aus in den Anmerkungen verschwinden - ich glaub´s ihm auch so. Nicht immer werden sie übersetzt, und gelegentlich blitzt seine ganze Bildung auf, wenn er altes Griechisch stehen läßt. Lesern ohne altsprachliche und laien-theologische Kenntnisse ist dringend die Beiziehung entsprechender Handbücher zu empfehlen. Kirchen- und kultur-
geschichtliche Laien als Zielgruppe? - Thema verfehlt, Herr Fried!
Inhaltlich erschlägt der Autor mit einer Fülle an Informationen und Personen. Schnell aber drängt sich die Frage auf, wie man ein solches umfassendes Werk ohne ein gleichrangiges Sachregister herausbringen konnte. Gut ist die fundierte Ausarbeitung der theologischen Entwicklungen dieser Zeit. Da wird (endlich) neben den reinen Macht-Aspekten der Kirche auch ihre Ernsthaftigkeit im Suchen nach christologischen Wahrheiten in all ihren Schattierungen ausgebreitet,
in den Kreuzzügen zumal (um mal ein Lieblingswort des Autors zu gebrauchen).
Weniger gut die Umsetzung des zweiten Anspruchs im Untertitel: Kultur.
Eigentlich keine Überraschung, dass dieser Autor unter Kultur (s)eine
einseitige "literate" Kultur der Philosophie und der daraus abgeleiteten
kirchen- und gesellschaftsrechtlichen Werke versteht. Andere "Kultur" - Malerei, Architektur, Dichtung, Musik, usw - verflacht dagegen oder gänzliche Fehlanzeige. Logisch, dass dann auch so gut wie nichts vom Alltag jener Epoche auftaucht. Die Handelnden sind und bleiben kirchliche und weltliche Herrscher und Denker jeglicher Hierarchie-Stufen.
Und zum Schluß: können Herausgeber solcher Bücher nicht endlich mal ihren
missionarischen Ansatz aufgeben, uns von der Nicht-Existenz eines "finsteren Zeitalters" zu überzeugen?! Wer, bitte, hängt denn diesem
Vorurteil samt seiner inhaltslosen Tradierung noch an?