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Das Medici-Siegel
 
 
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Das Medici-Siegel [Gebundene Ausgabe]

Theresa Breslin , Petra Koob-Pawis
4.1 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (11 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Matteo (der eigentlich gar nicht Matteo heißt) hat Glück im Unglück. Durch einen Sturz im Wasser entgeht der Sohn von Zigeunern im Jahr 1502 nur knapp einem Mordversuch seines "Erziehers" Sandino, der ihn im Stehlen unterwies. Ausgerechnet die Gruppe um den berühmten Maler und Wissenschaftler Leonardo da Vinci zieht den halbtoten Knaben an Land. Von nun an nimmt Leonardo Matteo, der dem "Meister" allerlei Lügenmärchen über seine Herkunft auftischt, unter seine Fittiche. Das erste Abenteuer führt die beiden an die "Totenpforte" des Spitals von Averno: Leonardo will hier die eigentlich verbotenen anatomischen Studien an Leichen vollführen. Der Pförtner würde sie am liebsten abweisen. Aber als der Maler ihm das Siegel der Borgia unter die Nase hält, weicht er erschrocken zurück und öffnet mit einer tiefen Verbeugung die Tür.

Leonardo scheint ein Günstling der einflussreichen (und grausamen) Familie der Borgia -- und ihres mächtigsten Sprosses, des Fürsten Cesare -- zu sein, ebenso wie er die Gunst der nicht minder einflussreichen Medici besitzt. Aber durch Matteo gerät er in eine Geschichte, durch die sein Schicksal sich auf mörderische Weise zu wenden droht. Denn der Junge hat etwas gestohlen, was sowohl Cesare Borgia als auch die Medicis gern in ihren Besitz bringen würden. Und dabei sind sie bereit, bis zum Äußersten zu gehen ....

"Sakrileg für Jugendliche" nennt der Verlag vollmundig den Roman Das Medici-Siegel der Autorin Theresa Breslin. Glücklicherweise wird diese Kategorisierung dem Buch nur im Ansatz gerecht. Tatsächlich erfährt man hier mehr über die Zeit der italienischen Renaissance und das faszinierende Leben Leonardo da Vincis als in Dan Browns spekulativem Bestseller, bei dessen Ideen sich Breslin aber tatsächlich auch bedient. Dieser historische Detailreichtum und der spannende, fiktive Plot machen Das Medici-Siegel zu einem Lesevergnügen für Jugendliche ab zwölf Jahren. --Stefan Kellerer

Pressestimmen

"Großartig zu lesen, leidenschaftlich geschrieben." (Guardian )

"Anspruchsvoller Schmöker, der sicher ganz schnell seine Fans finden wird." (Bulletin Jugend & Literatur )

"Lesestoff für echte Bücherwürmer, die großen Genuss finden an dicken Wälzern mit dementsprechend dichtem Inhalt." (Buchkultur )

Kurzbeschreibung

Gefährliche Intrigen und heimtückischer Verrat in der geheimnisvollen Welt Leonardo da Vincis!

Italien 1502: Fernab vom großen politischen Geschehen entgeht der junge Matteo mit einem Sprung in den Fluss knapp einem Mordanschlag. Kräftige Hände ziehen ihn an Land. Sie gehören keinem Geringeren als Leonardo da Vinci. Der Meister reist in Diensten des finsteren Fürsten Cesare Borgia durchs Land und Matteo darf ihn begleiten. Plötzlich verkehrt er, der Straßenjunge, in wohlhabenden Familien und Klöstern. Und Leonardo führt ihn ein in die Geheimnisse der Künste und der Wissenschaften. Doch Verbrechen und Tod verfolgen die beiden Reisenden und treffen gerade die, die Matteo liebt. Aber nicht dem Meister folgen sie. Matteo, der Junge, dessen Herkunft im Dunkeln liegt, ist ihr Ziel: Er trägt etwas bei sich, so gefährlich, dass die Borgias wie die Medicis bereit sind, jeden Mord zu begehen, um es in ihre Hände zu bringen …

• »Sakrileg« für Jugendliche
• Ein gewaltiges, fesselndes Zeitporträt der italienischen Renaissance
• Faszinierende Einblicke in da Vincis Leben und Schaffen

Klappentext

"Großartig zu lesen, leidenschaftlich geschrieben."
Guardian

"Anspruchsvoller Schmöker, der sicher ganz schnell seine Fans finden wird."
Bulletin Jugend & Literatur

"Lesestoff für echte Bücherwürmer, die großen Genuss finden an dicken Wälzern mit dementsprechend dichtem Inhalt."
Buchkultur

Über den Autor

Theresa Breslin, geboren in Schottland, arbeitete als Bibliothekarin mit einem speziellen Interesse an Kinder- und Jugendliteratur, bevor sie sich ganz aufs Bücherschreiben verlegte. Ihre Kinder- und Jugendbücher gewannen zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u.a. die begehrte "Carnegie Medal". Theresa Breslin hat vier Kinder und lebt mit ihrem Mann bei Glasgow.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Anmerkung der Autorin
Das Italien der Renaissance
Zur Zeit der Renaissance war Italien kein einheitliches Staatsgebilde. Vielmehr wurden die einzelnen Regionen der italienischen Halbinsel von verschiedenen Stadtstaaten regiert. Den Süden beherrschte das Königreich Neapel, auf das sowohl Frankreich wie auch Spanien Besitzansprüche erhoben. Deshalb hatten Armeen dieser beiden Länder Teile Italiens besetzt.Im Norden war die mächtige Republik Venedig auf der Suche nach neuen Eroberungen. Der Papst verfügte damals über geistliche und weltliche Macht und herrschte über weite Gebiete Mittelitaliens einschließlich der Romagna.
In den italienischen Stadtstaaten herrschten wohlhabende und einflussreiche Familien. Eine der berühmtesten waren die Medici in Florenz. Zur Zeit der Medici, besonders unter der Regierung von Lorenzo dem Prächtigen, erlebten Kunst und Kultur eine Hochblüte. Aber schon 1494, nur wenige Jahre nach Lorenzos Tod, wurden die Medici aus Florenz verbannt.

Teil 1
Der Mord
Italien, Romagna, im Sommer 1502

Kapitel 1
Der erste Schlag trifft mich seitlich am Kopf. Ich taumle, stürze beinahe zu Boden.
Sandino macht ein paar Schritte vorwärts, steigt über den Mann, der tot zu seinen Füßen liegt. Den Mann, den er vor meinen Augen ermordet hat.
Jetzt will er mich töten.
Ich weiche zurück. Er packt seinen Knüppel fester, schlägt damit gegen meinen Magen.
Schmerzgekrümmt krieche ich auf die Felsen. Weg, nur weg von ihm.
Er knurrt ärgerlich und folgt mir.
Verzweifelt schaue ich mich um. Unter mir und hinter mir nichts als der Fluss, der reißendes Hochwasser führt.
Sandino grinst. »Hier kommst du nicht mehr weg, Junge.« Er hebt den Arm. Holt wieder mit seinem Knüppel aus.
Schnell drehe ich den Kopf zur Seite, um seinem Schlag auszuweichen, aber auf den nassen Steinen verliere ich den Halt.
Er stößt einen Fluch aus.
Ich stürze.
Ich spüre das eiskalte Wasser bis ins Mark. Sofort reißt der Fluss mich mit sich fort.
Die Strömung zerrt an mir, reißt an meinen Kleidern, zieht an meinen Beinen. Ich schlucke Unmengen von Wasser, aber ich kämpfe, um den Kopf über der Oberfläche zu halten, und versuche zu schwimmen. Mein Zappeln richtet nichts aus gegen die Gewalt der Strömung, die mich in ihrem gierigen Griff gefangen hält. Ich muss das Ufer erreichen. Ich muss.
Meine Kräfte schwinden. Ich kann den Kopf nicht mehr über Wasser halten.
Dann ein entsetzliches Brausen.
Ein Wasserfall!
Das Brausen wird lauter, die Strömung nimmt zu. Nur noch Sekunden trennen mich vom Tod. Mit allerletzter Kraft reiße ich die Arme nach oben und schreie um Hilfe. Ich werde über den Rand des Wasserfalls geschleudert und taumle hinab in die schäumende, kochende Gischt.
Brodelnde Wassermassen donnern auf mich herab und ziehen mich in die Tiefe. Ich bin in dem Strudel gefangen, kann mich nicht aus seinem tödlichen Wirbel befreien. Noch treibe ich mit dem Gesicht nach oben, schnappe mit weit aufgerissenem Mund nach Luft. Das herabstürzende Wasser nimmt mir die Sicht. Da, ein Regenbogen aus tausend Facetten! Über ihm ist Licht und Leben. Dann verschwimmt wieder alles und das Blut tost in meinem Kopf.
Mir ist, als betrachte ich mich selbst aus großer Höhe. So als ob mein Geist meinen Körper von einer anderen Ebene aus beobachtet. Von der Erde an einen anderen Ort entrückt, schaue ich dem verzweifelten Todeskampf eines zehnjährigen Jungen zu.
Ein Atemzug. Und dann nichts mehr.
Berstendes Licht.
Tiefste Dunkelheit.

Kapitel 2
Zwei Hände packen mich am Kopf. Ich sehe nichts. Höre keinen Ton. Kein Geruch dringt in meine Nase. Aber eine Berührung, ja, die spüre ich. Kräftige Finger unter meinem Kinn und auf meiner Stirn. Ein Mund auf meinem, ganz sachte. Lippen auf meinen Lippen. Sie bedecken sie ganz. Hauchen mir Leben ein mit ihrem Kuss.
Ich schlage die Augen auf. Ich sehe das Gesicht eines Mannes.
»Ich bin Leonardo da Vinci«, sagt er. »Meine Gefährten haben dich aus dem Fluss gezogen.« Er deckt mich mit einem weiten Mantel zu.
Ich blinzle. Der Himmel tut meinen Augen weh, seine Farbe ist kalt und sein Blau schmerzhaft.
»Wie heißt du?«, fragt mich der Mann.
»Matteo«, flüstere ich.
»Matteo.« Seine Stimme betont jede einzelne Silbe.»Ein schöner Name.«
Die Umrisse seines Gesichts verschwimmen wieder vor meinen Augen. Ich huste, spucke Wasser und Blut. »Ich sterbe«, sage ich und fange an zu weinen.
Er wischt mir die Tränen aus dem Gesicht. »Nein. Du wirst leben, Matteo.«

Kapitel 3
Er nennt mich Matteo.
Das kommt daher, dass ich, als er mich damals halb tot aus dem Wasserfall gezogen hat, noch geistesgegenwärtig genug war, meinen richtigen Namen zu verschweigen. Matteo war der erste Name, der mir einfiel.
So wie der Name war beinahe alles, was ich ihm danach über mich erzählt habe, gelogen.
An dem Tag, an dem sie mich retteten, haben er und seine Begleiter neben dem Wasserfall ein kleines Lagerfeuer angezündet, damit meine Kleider trocknen konnten. Ich selbst wäre liebend gerne gleich so weit wie irgend möglich von diesem Ort geflohen, aber ich hatte keine Wahl. Mein Schädel brummte noch von Sandinos Schlag und ich konnte mich kaum auf den Beinen halten, geschweige denn weglaufen. Sie wickelten mich in einen pelzgefütterten Mantel und legten mich in die Nähe des Feuers. Es war Spätsommer, noch nicht sehr kalt, aber die Tage waren schon kürzer geworden und die Sonne stand nicht mehr so hoch am Himmel.
»Zingaro?«
Der dickere der beiden Begleiter sprach das Wort »Zigeuner« in ihrer Sprache aus, während er das Feuer anfachte.
Als der Mann, der sich Leonardo nannte, mich prüfend ansah, schloss ich rasch die Augen. »Er sieht aus wie diese Leute, und doch...«
Der Dritte, in dessen Mantel man mich gehüllt hatte, schüttelte den Kopf. »Möglicherweise gehört er zu einer Gruppe, die nach Süden zieht. Dem fahrenden Volk ist es neuerdings verboten, Mailand zu betreten, und man beschuldigt sie aller möglichen Diebstähle und Betrügereien.«
»Bei Bologna haben sie ein Lager aufgeschlagen«, sagte der Dicke. »Das ist nicht weit von hier.«
In mir verkrampfte sich alles, als ich das hörte. Meine Leute wollten in Bologna den Winter verbringen. Wenn mich diese Männer für einen Zigeuner hielten, kamen sie vielleicht auf die Idee, mich bei ihnen abzuliefern. Im Lager würde man mich erkennen, mich willkommen heißen und gerne aufnehmen. Aber ich wollte nicht nach Bologna. Dort würde mich der Brigant Sandino zuallererst suchen - falls er Zweifel daran hatte, dass ich umgekommen war. Vielleicht hatte er sogar schon ein paar seiner Schurken vorausgeschickt, um mich auf der Straße dorthin abzufangen. Mir schauderte noch jetzt, wenn ich an den Schlag dachte, den mir Sandino mit seinem großen Knüppel versetzt hatte.
Der Mann, den sie Leonardo nannten und der mir Atem eingehaucht hatte, sagte: »Er ist klein, aber das könnte an schlechter Ernährung liegen. Ob er tatsächlich zu diesen Ausgestoßenen gehört, wird sich bald genug herausstellen - wenn er aufwacht und seinen Mund aufmacht.«
Da war es für mich klar, dass ich ihnen keinesfalls meine wahre Herkunft preisgeben durfte. Sie mochten vielleicht Mitleid mit einem ertrinkenden Jungen haben, aber gegen mein Volk hatten sie Vorurteile.
Fahrendes Volk gibt es in vielen Ländern. Wir sind bekannt als gute Hufschmiede, geschickte Korbflechter und Schlosser, und man sagt uns nach, dass wir die Zukunft vorhersagen können. Letzteres macht uns oft verdächtig, aber wenn jemand gegen Bezahlung sein künftiges Schicksal erfahren will, dann ist ein Zigeuner so gut wie jeder andere in der Lage, zu erraten, was die Zukunft dieser Person bringen mag.
Meine Großmutter war unglaublich geschickt in diesen Dingen. Sie verstand die Kunst, sich so mit anderen zu...

Auszug aus Das Medici-Siegel von Theresa Breslin , Petra Koob-Pawis. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Anmerkung der Autorin
Das Italien der Renaissance
Zur Zeit der Renaissance war Italien kein einheitliches Staatsgebilde. Vielmehr wurden die einzelnen Regionen der italienischen Halbinsel von verschiedenen Stadtstaaten regiert. Den Süden beherrschte das Königreich Neapel, auf das sowohl Frankreich wie auch Spanien Besitzansprüche erhoben. Deshalb hatten Armeen dieser beiden Länder Teile Italiens besetzt.Im Norden war die mächtige Republik Venedig auf der Suche nach neuen Eroberungen. Der Papst verfügte damals über geistliche und weltliche Macht und herrschte über weite Gebiete Mittelitaliens einschließlich der Romagna.
In den italienischen Stadtstaaten herrschten wohlhabende und einflussreiche Familien. Eine der berühmtesten waren die Medici in Florenz. Zur Zeit der Medici, besonders unter der Regierung von Lorenzo dem Prächtigen, erlebten Kunst und Kultur eine Hochblüte. Aber schon 1494, nur wenige Jahre nach Lorenzos Tod, wurden die Medici aus Florenz verbannt.

Teil 1
Der Mord
Italien, Romagna, im Sommer 1502

Kapitel 1
Der erste Schlag trifft mich seitlich am Kopf. Ich taumle, stürze beinahe zu Boden.
Sandino macht ein paar Schritte vorwärts, steigt über den Mann, der tot zu seinen Füßen liegt. Den Mann, den er vor meinen Augen ermordet hat.
Jetzt will er mich töten.
Ich weiche zurück. Er packt seinen Knüppel fester, schlägt damit gegen meinen Magen.
Schmerzgekrümmt krieche ich auf die Felsen. Weg, nur weg von ihm.
Er knurrt ärgerlich und folgt mir.
Verzweifelt schaue ich mich um. Unter mir und hinter mir nichts als der Fluss, der reißendes Hochwasser führt.
Sandino grinst. »Hier kommst du nicht mehr weg, Junge.« Er hebt den Arm. Holt wieder mit seinem Knüppel aus.
Schnell drehe ich den Kopf zur Seite, um seinem Schlag auszuweichen, aber auf den nassen Steinen verliere ich den Halt.
Er stößt einen Fluch aus.
Ich stürze.
Ich spüre das eiskalte Wasser bis ins Mark. Sofort reißt der Fluss mich mit sich fort.
Die Strömung zerrt an mir, reißt an meinen Kleidern, zieht an meinen Beinen. Ich schlucke Unmengen von Wasser, aber ich kämpfe, um den Kopf über der Oberfläche zu halten, und versuche zu schwimmen. Mein Zappeln richtet nichts aus gegen die Gewalt der Strömung, die mich in ihrem gierigen Griff gefangen hält. Ich muss das Ufer erreichen. Ich muss.
Meine Kräfte schwinden. Ich kann den Kopf nicht mehr über Wasser halten.
Dann ein entsetzliches Brausen.
Ein Wasserfall!
Das Brausen wird lauter, die Strömung nimmt zu. Nur noch Sekunden trennen mich vom Tod. Mit allerletzter Kraft reiße ich die Arme nach oben und schreie um Hilfe. Ich werde über den Rand des Wasserfalls geschleudert und taumle hinab in die schäumende, kochende Gischt.
Brodelnde Wassermassen donnern auf mich herab und ziehen mich in die Tiefe. Ich bin in dem Strudel gefangen, kann mich nicht aus seinem tödlichen Wirbel befreien. Noch treibe ich mit dem Gesicht nach oben, schnappe mit weit aufgerissenem Mund nach Luft. Das herabstürzende Wasser nimmt mir die Sicht. Da, ein Regenbogen aus tausend Facetten! Über ihm ist Licht und Leben. Dann verschwimmt wieder alles und das Blut tost in meinem Kopf.
Mir ist, als betrachte ich mich selbst aus großer Höhe. So als ob mein Geist meinen Körper von einer anderen Ebene aus beobachtet. Von der Erde an einen anderen Ort entrückt, schaue ich dem verzweifelten Todeskampf eines zehnjährigen Jungen zu.
Ein Atemzug. Und dann nichts mehr.
Berstendes Licht.
Tiefste Dunkelheit.

Kapitel 2
Zwei Hände packen mich am Kopf. Ich sehe nichts. Höre keinen Ton. Kein Geruch dringt in meine Nase. Aber eine Berührung, ja, die spüre ich. Kräftige Finger unter meinem Kinn und auf meiner Stirn. Ein Mund auf meinem, ganz sachte. Lippen auf meinen Lippen. Sie bedecken sie ganz. Hauchen mir Leben ein mit ihrem Kuss.
Ich schlage die Augen auf. Ich sehe das Gesicht eines Mannes.
»Ich bin Leonardo da Vinci«, sagt er. »Meine Gefährten haben dich aus dem Fluss gezogen.« Er deckt mich mit einem weiten Mantel zu.
Ich blinzle. Der Himmel tut meinen Augen weh, seine Farbe ist kalt und sein Blau schmerzhaft.
»Wie heißt du?«, fragt mich der Mann.
»Matteo«, flüstere ich.
»Matteo.« Seine Stimme betont jede einzelne Silbe.»Ein schöner Name.«
Die Umrisse seines Gesichts verschwimmen wieder vor meinen Augen. Ich huste, spucke Wasser und Blut. »Ich sterbe«, sage ich und fange an zu weinen.
Er wischt mir die Tränen aus dem Gesicht. »Nein. Du wirst leben, Matteo.«

Kapitel 3
Er nennt mich Matteo.
Das kommt daher, dass ich, als er mich damals halb tot aus dem Wasserfall gezogen hat, noch geistesgegenwärtig genug war, meinen richtigen Namen zu verschweigen. Matteo war der erste Name, der mir einfiel.
So wie der Name war beinahe alles, was ich ihm danach über mich erzählt habe, gelogen.
An dem Tag, an dem sie mich retteten, haben er und seine Begleiter neben dem Wasserfall ein kleines Lagerfeuer angezündet, damit meine Kleider trocknen konnten. Ich selbst wäre liebend gerne gleich so weit wie irgend möglich von diesem Ort geflohen, aber ich hatte keine Wahl. Mein Schädel brummte noch von Sandinos Schlag und ich konnte mich kaum auf den Beinen halten, geschweige denn weglaufen. Sie wickelten mich in einen pelzgefütterten Mantel und legten mich in die Nähe des Feuers. Es war Spätsommer, noch nicht sehr kalt, aber die Tage waren schon kürzer geworden und die Sonne stand nicht mehr so hoch am Himmel.
»Zingaro?«
Der dickere der beiden Begleiter sprach das Wort »Zigeuner« in ihrer Sprache aus, während er das Feuer anfachte.
Als der Mann, der sich Leonardo nannte, mich prüfend ansah, schloss ich rasch die Augen. »Er sieht aus wie diese Leute, und doch...«
Der Dritte, in dessen Mantel man mich gehüllt hatte, schüttelte den Kopf. »Möglicherweise gehört er zu einer Gruppe, die nach Süden zieht. Dem fahrenden Volk ist es neuerdings verboten, Mailand zu betreten, und man beschuldigt sie aller möglichen Diebstähle und Betrügereien.«
»Bei Bologna haben sie ein Lager aufgeschlagen«, sagte der Dicke. »Das ist nicht weit von hier.«
In mir verkrampfte sich alles, als ich das hörte. Meine Leute wollten in Bologna den Winter verbringen. Wenn mich diese Männer für einen Zigeuner hielten, kamen sie vielleicht auf die Idee, mich bei ihnen abzuliefern. Im Lager würde man mich erkennen, mich willkommen heißen und gerne aufnehmen. Aber ich wollte nicht nach Bologna. Dort würde mich der Brigant Sandino zuallererst suchen - falls er Zweifel daran hatte, dass ich umgekommen war. Vielleicht hatte er sogar schon ein paar seiner Schurken vorausgeschickt, um mich auf der Straße dorthin abzufangen. Mir schauderte noch jetzt, wenn ich an den Schlag dachte, den mir Sandino mit seinem großen Knüppel versetzt hatte.
Der Mann, den sie Leonardo nannten und der mir Atem eingehaucht hatte, sagte: »Er ist klein, aber das könnte an schlechter Ernährung liegen. Ob er tatsächlich zu diesen Ausgestoßenen gehört, wird sich bald genug herausstellen - wenn er aufwacht und seinen Mund aufmacht.«
Da war es für mich klar, dass ich ihnen keinesfalls meine wahre Herkunft preisgeben durfte. Sie mochten vielleicht Mitleid mit einem ertrinkenden Jungen haben, aber gegen mein Volk hatten sie Vorurteile.
Fahrendes Volk gibt es in vielen Ländern. Wir sind bekannt als gute Hufschmiede, geschickte Korbflechter und Schlosser, und man sagt uns nach, dass wir die Zukunft vorhersagen können. Letzteres macht uns oft verdächtig, aber wenn jemand gegen Bezahlung sein künftiges Schicksal erfahren will, dann ist ein Zigeuner so gut wie jeder andere in der Lage, zu erraten, was die Zukunft dieser Person bringen mag.
Meine Großmutter war unglaublich geschickt in diesen Dingen. Sie verstand die Kunst, sich so mit anderen zu unterhalten, dass jeder, der mit ihr sprach, viel mehr von sich preisgab, als er eigentlich wollte. Dann gab sie ihm einen Rat, der genau zu ihm passte, so wie ein Schneider, der einem Menschen ein neues Kleidungsstück genau auf den Leib schneidert.
Aber meine Großmutter war auch eine kunstfertige Heilerin. Sie kannte die Krankheiten des Körpers und des Geistes. Und oft waren es gerade die Seelenqualen, die die Leute beschwerten - unglückliche Liebe, Einsamkeit, die Angst vor dem Altwerden. Viele kamen und baten sie um ein Mittel. Es waren keine übernatürlichen Fähigkeiten, die ihr zu erkennen halfen, welche Kümmernisse die Menschen plagten, sondern es war ihre Beobachtungsgabe. Menschen klar zu erkennen, war für sie so einfach, wie den Himmel zu beobachten, um das Wetter vorherzusagen, oder die Bäume zu betrachten, um die Jahreszeit zu bestimmen. Sie musste nur genau hinschauen und das, was sie sah, richtig deuten.
Wenn bei jemandem das Weiße in den Augen gelblich schimmerte, dann hatte er ein Leber- oder Nierenleiden und brauchte einen Petersilienaufguss, der das Blut reinigte. Litt jemand unter Schlaflosigkeit und Angstzuständen, dann empfahl sie ihm Kamille zur Entspannung und den milchigen Saft aus gepresstem Lattich zur Beruhigung. Am Hals konnte sie erkennen, ob eine Frau unfruchtbar war. Trockene, schrumpelige Haut deutete darauf hin, dass ihr Schoß leer war. Die Frauen fürchteten sich vor meiner Großmutter, weil sie ungefragt wusste, was ihr Anliegen war, aber sie verließen sie mit neuer Hoffnung und nahmen ein Mittel aus Raute und Wacholder mit, das die Zugänge zu ihrer Gebärmutter reinigen sollte.
Junge Mädchen baten oft um ein Mittel, das ihnen den künftigen Liebsten zeigen sollte. Meine Großmutter gab ihnen Büschel aus Schafgarbe mit, die sie unter ihr Kissen legen sollten, und einen Spruch, den sie vor dem Schlafengehen aufsagen mussten:
Zu den Füßen der Venus gewachsen bist du,
komm heimlich jetzt in meine Träume hinzu,
Schafgarbe, zeig mir den Liebsten mein,
eh' ich erwache im Morgenschein.

All das und viele andere Volksweisheiten kannte meine Großmutter.
Sie wusste auch, wann sie sterben würde.
Nicht, weil sie das zweite Gesicht hatte. Sondern weil sie wusste, wie ein Herz schlagen sollte, und erkannte, dass ihres immer schwächer wurde.
Weissagungen dieser Art haben wahrlich nichts mit Zauberei zu tun - aber sie erwecken dennoch den Neid anderer, und deshalb konnten wir nie lange an ein und demselben Ort bleiben. Die Geschäftsleute und die Zünfte der Städte wollten sich jede Konkurrenz vom Leibe halten. Deshalb schürte man Vorurteile gegen uns. So brauchte man uns keiner Straftat mehr zu beschuldigen, geschweige denn uns zu verurteilen - allein die Tatsache, dass wir Zigeuner waren, konnte schon unseren Tod bedeuten.
Deshalb beschloss ich zu lügen. Während ich sie mit halb geschlossenen Augenlidern beobachtete, fing ich damit an, mir eine Geschichte auszudenken, die ich den drei Männern erzählen würde.
Sie waren sicherlich keine Söldner, denn sie hatten keine Waffen bei sich. Ihre Pferde waren aus einem guten Stall, aber keine Paradepferde, sondern von kräftiger Statur, eher für lange Strecken als für schnelles Reiten geeignet. An den Sätteln hingen keine Jagdwaffen und ihre Mahlzeit war eher einfach. Sie bestand aus Käse, Brot, Obst und Wein. Ich schloss daraus, dass sie tagsüber unterwegs waren und sich jede Nacht ein anderes Quartier suchten.
Wie meine Großmutter es getan hätte, versuchte ich, den Grund ihrer Reise zu erraten. Die Satteltaschen waren prall gefüllt, doch nicht mit Waren oder Kleidungsstücken, sondern mit Büchern und Papieren. Die Männer waren weder Kaufleute noch Händler und Standesunterschiede schienen für sie keine Rolle zu spielen. Jeder ging mit jedem ungezwungen um, doch alle fügten sich widerspruchslos dem Mann, der sich Leonardo da Vinci nannte.
Von Anfang an nannte ich ihn den Meister. Später verbesserte mich einer seiner Begleiter und sagte, ich solle die Anrede Messere benutzen, da sie in gewisser Hinsicht respektvoller sei, aber sofort unterbrach Meister Leonardo ihn und sagte: »Wenn der Junge mich so nennen möchte, dann lass es gut sein. Er mag Meister zu mir sagen, wenn er es so will.«
So war und bleibt er für mich der Meister.

Kapitel 4
Mittag war schon vorüber und sie wärmten sich am Feuer und holten das Essen hervor. Der Dicke, den sie Graziano nannten, sah, dass ich aufgewacht war, und bot mir etwas davon an. Ich wich zurück. Der Meister hörte auf zu essen, streckte mir seine Hand entgegen und bat mich, näher zu kommen. Ich schüttelte den Kopf.
»Dann warten wir so lange.« Er stellte sein Essen beiseite und nahm ein Buch zur Hand.
Ich war gespannt, was passieren würde. Keiner störte ihn. Seine beiden Freunde unterhielten sich leise, während er las. Ihr Essen lag mitten im Gras. Inzwischen spürte ich großen Hunger und die Kälte des Wassers war mir bis in die Knochen gedrungen. Vorsichtig ging ich zum Feuer und setzte mich.
Der Meister legte sein Buch nieder und gab mir ein Stück Brot.»In unserer Gemeinschaft essen wir alle zusammen«, sagte er.
Ich blickte seine Begleiter an. Sie schwatzten miteinander und gaben mir zu essen und zu trinken, als sei ich einer von ihnen.
»Wir sollten aufbrechen«, sagte Graziano schließlich. »Sonst erreichen wir unser Ziel nicht, bevor es Nacht wird.«
»Ist dein Elternhaus hier in der Nähe?«, fragte mich der Meister.
»Ich habe keine Familie. Ich bin ein Waisenkind. Wenn ich Arbeit finde, verdinge ich mich als Stallbursche oder helfe bei der Ernte.« Ich hatte mir diese Sätze zurechtgelegt, sodass meine Antwort ohne Zögern hervorsprudelte.
»In welchen Diensten stehst du? Sicherlich wird man schon nach dir suchen zu so später Stunde.«
Ich schüttelte den Kopf.»Nein, sie werden denken, dass ich weitergezogen bin. Und genau das tue ich ja auch«, fügte ich schnell hinzu. »Sie haben mich geschlagen und verprügelt, und zu essen habe ich auch nichts bekommen, deshalb suche ich mir jetzt eine andere Anstellung.«
»Ja«, sagte der Dünnere, »man sieht, dass du schon lange nichts mehr gegessen hast.« Er lachte und machte eine ausholende Bewegung, um anzudeuten, wie viel Brot ich verschlungen hatte.
Ich wurde rot und legte das Brot, das ich in der Hand hielt, zurück.
»Hör auf damit, Felipe«, tadelte ihn der Meister. »Der Junge ist hungrig.« Er gab mir das Brot. »Felipe hat nur Spaß gemacht«, sagte er.
»Burschen wie der haben immer Hunger«, sagte Felipe finster.
Später fand ich heraus, dass Felipe dafür zuständig war, die Nahrungsmittel und die anderen Dinge des täglichen Bedarfs zu besorgen, und dass er oft wahre Rechenkunststücke vollführen musste, damit der Meister und seine Begleiter das Nötigste zum Arbeiten und Leben hatten.
»Möchtest du uns bis zu unserer nächsten Station begleiten?«,fragte der Meister, als sie sich zum Aufbruch rüsteten.
»Wo ist das?«
»Wir gehen flussabwärts bis zur Brücke und dann auf der anderen Uferseite entlang bis zu einem Ort, der Perela heißt.«
Ich versuchte, mir vorzustellen, was Sandino gerade tat, und kam zu dem Schluss, dass er mich ganz sicher suchen würde. Nicht, weil es ihn interessierte, ob ich noch lebte oder nicht, sondern aus einem ganz anderen Grund. Ich besaß nämlich etwas, das er unbedingt haben wollte, einen wertvollen Gegenstand, den zu stehlen er mich angestiftet hatte.
Vor einigen Monaten war er in dem Lager aufgetaucht, in dem ich seit dem Begräbnis meiner Großmutter lebte. Seit ich zurückdenken kann, waren meine Großmutter und ich immer alleine übers Land gezogen. Meine Mutter war gestorben, als ich noch ein Säugling war, und meinen Vater kannte niemand. Meist hielten wir uns von anderen Familien unseres Volkes fern, bis meine Großmutter eines Tages, als sie ihre Krankheit schon in sich spürte, den Karren zu einem Lager nördlich von Bologna brachte, damit ich nicht alleine wäre, wenn sie starb.
Sandino behauptete damals, entfernt mit meiner Großmutter verwandt zu sein. Da sie tot war, konnte sie ihm nicht mehr widersprechen. So ging ich mit ihm, denn er versprach mir ein Leben als Pirat, und ich war begeistert von der Vorstellung, über die Meere zu segeln. So, wie er es mir schilderte, schien mir nichts schöner, als ein Freibeuter zu sein. Aber er wollte mich gar nicht auf ein Schiff bringen. Sandino hatte von meiner Geschicklichkeit beim Aufbrechen von Schlössern gehört und im Dienste seines Auftraggebers einen mörderischen Plan ausgeheckt, bei dem er meine Fingerfertigkeit brauchte. Ich war genau der Richtige, der ihm helfen konnte, und in gewisser Weise habe ich das auch getan. Den Gegenstand, den ich auf sein Geheiß
hin gestohlen habe, hat er allerdings nie zu fassen gekriegt.
Ich trug ihn immer noch bei mir. In meinem Beutel.
Es war zu befürchten, dass Sandino dem Flusslauf folgen würde, um mich zu finden - egal, ob tot oder lebendig -, um mir diesen Gegenstand wieder abzunehmen. Ich hatte keine Ahnung, wie weit ich von ihm weg war. Der Fluss führte Hochwasser, vermutlich hatte er mich mehrere Meilen mitgerissen. Sandino und seine Leute hatten keine Pferde bei sich, deshalb mussten sie zu Fuß gehen. Es würde sie viel Zeit kosten, das Ufer nach mir abzusuchen. Vielleicht nahm Sandino auch an, ich sei ins Meer gespült worden oder ich hätte mich im Schilfdickicht verfangen, wo mich die Aale fressen konnten. Aber auch wenn er davon ausging, dass ich noch am Leben war - er würde gewiss nicht vermuten, dass ich den Fluss überquerte und nach Perela ging. Denn das hieße, den Weg zurück zu nehmen, zurück in die Richtung, aus der ich gekommen war. Meine Retter hatten Pferde, was bedeutete, dass ich schneller vorwärts kommen würde. Daher beschloss ich, fürs Erste mit ihnen zu gehen und später davonzulaufen, wenn es mir sicher erschien.
»Wir müssen vor Einbruch der Dunkelheit in Perela sein«, sagte Graziano.
»Wir werden dort in der Burg wohnen«, erklärte Felipe. »Einen Jungen, der in den Ställen zur Hand gehen kann, wird man da wohl durchfüttern.«
Der Meister streckte seine Hand aus und strich mir über die Stirn. Seine Finger waren zartgliedrig, seine Berührung war angenehm.»Du bist immer noch benommen von dem Schlag auf deinen Kopf, nicht wahr? Ich denke, wir sollten dich bis Perela auf einem unserer Pferde mitnehmen. Einverstanden, Matteo?«
Ich nickte.
»Wird der Borgia auch da sein, um mit Euch zu sprechen?«, fragte Felipe.
Der Meister zuckte mit den Schultern.»Wer weiß schon, wo Il Valentino ist oder wo er sein wird? Aber ist das nicht stets so bei einem Feldherrn? Niemand weiß genau, wo er sich gerade aufhält. Er schlägt blitzschnell zu wie eine Schlange und verschwindet dann, um dort wieder aufzutauchen, wo man ihn am wenigsten vermutet.«
Es war das erste Mal, dass ich sie über Prinz Cesare Borgia, den alle Il Valentino nannten, sprechen hörte, obwohl ich diesen Namen natürlich kannte. Wer kannte ihn nicht? Die Borgia waren in ganz Europa bekannt. Rodrigo Borgia saß auf dem Stuhl des Heiligen Petrus und regierte die Kirche als Papst Alexander VI. Dieser gottlose Mensch und seine berüchtigten Hurenkinder Cesare und Lucrezia wollten sich ganz Italien unterwerfen.
Die Tochter Lucrezia, blond und bildschön, war erst kürzlich mit dem Herzog von Ferrara vermählt worden. Ich war dort gewesen, im Auftrag Sandinos, als die Hochzeit im Frühling diesen Jahres in Ferrara gefeiert wurde. Es war ein Spektakel sondergleichen. Aber nicht alle Ferrareser waren Lucrezia freundlich gesonnen, viele hielten sie für eine berechnende Frau und glaubten, dass ihr Vater, der Papst, Herzog Ercole von Ferrara eine gewaltige Mitgift gezahlt hatte, damit sie seinen ältesten Sohn Alfonso, den künftigen Herzog, heiraten konnte. Als ich am Tag der Hochzeit durch die Menge schlenderte, hörte ich, wie man über sie murrte und sie mit Pfiffen verhöhnte.
Eine Frau bemerkte zu dem Schild, den der König von Frankreich Alfonso zur Hochzeit geschenkt hatte: »Auf des Herzogs neuem Schild ist ein Bildnis der Maria Magdalena. War die nicht auch eine Frau von lockeren Sitten?«
Viele Leute in der Nähe lachten, aber einige schauten sich auch nervös um, ob jemand bemerkt hatte, dass sie über das Haus Borgia spotteten. Die Borgia nahmen furchtbare Rache an allen, die ihre Familie beleidigten. Aber die Menge war in ausgelassener Stimmung und die Hänseleien gingen weiter.
Als sich der Festzug der großen Kathedrale näherte, in der die Trauungszeremonie stattfinden sollte, tuschelte man auf der Piazza: »Hoffentlich betet der Bräutigam andächtig, auf dass er länger lebt als ihr früherer Mann, der auf Geheiß ihres eigenen Bruders erdrosselt wurde.«
Zumindest hatte ich nun also herausgefunden, dass die Männer, mit denen ich weiterzureisen gedachte, in irgendeiner Beziehung zu Cesare Borgia standen. Für den Augenblick schien das für mich eher von Vorteil zu sein.
Auf einer kleinen steinernen Brücke überquerten wir den Fluss und wandten uns in Richtung Perela. Der Flussübergang war stark benutzt und viele Pferde hatten den Pfad zwischen Fluss und Straße platt getrampelt. Der Meister hatte mich vor sich in den Sattel gesetzt. Ich war noch immer in Felipes Mantel gewickelt und verbarg mein Gesicht darin, als er dem Brückenwächter seine Reisepapiere vorzeigte, die von Cesare Borgia höchstpersönlich ausgestellt worden waren.
Bis zu unserer Ankunft in dem Dorf Perela fand ich Zeit, über Sandino und das, was er als Nächstes vorhaben mochte, nachzudenken.

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