Es ist sehr schwer sich eine Meinung zu dem Thema zu bilden. Liest man das Buch von Georg Bossong, so könnte man davon ausgehen, dass es in Spanien des 10. und 11. Jahrhunderts eine Zeit der friedlichen Convivencia gegeben hätte, die sich durch eine nie degewesene Toleranz der drei großen monotheistischen Weltreligionen ausgezeichnet hätte. Leider trifft das nicht die Wahrheit.
Das Problem bei der Bewertung dieses Teils der spanischen Geschichte besteht darin, dass sich wenigstens im deutschen Sprachraum keine ernsthaften Historiker mit dem Thema beschäftigen, sondern nur Kulturwissenschaftler. Das führt zu einer unheimlich beengten Sichtweise. Für die Bewertung einer mittelalterlichen Gesellschaft, die sich grundsätzlich dadurch auszeichnet, dass der überwiegende Teil der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig ist, kann man nicht zu einer ordentlichen Bewertung der Gesellschaft kommen, wenn man den Blickwinkel nur auf die Kultiviertheit einer winzigen Oberschicht richtet und sich durch das Verschmelzen der Kulturen in imposanten Bauwerken oder in Gedichten beeindrucken lässt.
Wo ist in diesem Buch von den Lebensbedingungen in der Landwirtschaft die Rede? Ist es wirklich so bedeutsam, dass im Verlauf von über hundert Jahren einige wenige Mitglieder der arabischen und christlichen Oberschichten sich zum Schachspiel trafen? Ist es verwunderlich, dass die dünne arabischstämmige Oberschicht die Christen in ihrem Herrschaftsgebiet am Leben ließ, wenn diese Christen ihnen ein Leben im Luxus ermöglichten? Ähnlich wie antike Gesellschaften sorgten viele Sklaven und ähnlich rechtlose Menschen dafür, dass eine kleine Oberschicht die Muse hatte sich Kultur und Wissenschaft zu widmen.
Leider ist es abseits der Wissenschaft schöner, wenn man behaupten kann, dass das Zusammenleben der drei monotheistischen Weltreligionen schon früher möglich war. Trotzdem sollte das skandalöse Verherrlichen einer Gesellschaft, die auf Unterdrückung und Ausbeutung basierte, aufhören. Ich persönlich habe im Rahmen von kulturwissenschaftlichen Kursen an der Universität diese idealisierende Form von Al-Andalus gelehrt bekommen. Auch heute wird es noch so unterrichtet, was ich als Geschichtsfälschung empfinde.
Das Buch bekommt von mir trotzdem 3 Sterne, weil es einen guten Überblick über das Thema vermittelt, solange man es mit gesunder Skepsis liest.