Gerda Weiler ,Das Materiarchat im Alten Israel
Vorweg möchte ich gleich sagen: Dies ist das beste Buch, welches ich in den letzten Jahren gelesen habe. Warum? Gerda Weiler hat in ihrem wissenschaftlichen Buch in anschaulicher Weise Fragen beantwortet, die bereits christliche Kinder bewegen. Was ist das Geheimnis von Weihnachten, von Ostern ? Warum trägt Maria immer einen blauen Mantel? Warum hat Moses Hörner? Nicht nur Wissenschaftlern, die sich mit Religionen im vorderen Orient beschäftigen, gibt Gerda Weiler einen neuen Bezugsrahmen, auch Suchenden, die sich mit der Geschichte Palästinas und Ägyptens beschäftigen. Es geht um den Ursprung der Menschheit, um Lebensräume vor fast dreitausend Jahren. Aber es geht auch um die Ursprünge unserer abendländischen Kultur.
Gerda Weiler analysiert aus historischen Texten, aus dem alten Testament. Sie legt Zeile um Zeile offen, dass in diesem Werk eine Kultur die andere überlagert und Kulte und Texte neu gedeutet wurden. Sie zeichnet ein Bild des Materiarchats um 1000 bis 600 vor unserer Zeitrechnung und zeigt auf, wie Geschichte gewesen sein könnte. Plötzlich öffnet sich ein Fenster und der Leser hat ein Bild vor Augen, das die Welt auf den Kopf stellt. Nicht die Kirche hat die Jungfräulichkeit der Maria "erfunden", sondern dies war die Definition der Himmelskönigin, die nicht altert und den Sohn jedes Jahr neu gebiert, mit dem Sohn-Geliebten das Hohe Lied singt und sich mit ihm vereinigt. Sie ist die unangetastete, selbstbestimmte Frau die sich den Geliebten wählt. Wenn die Priester und Bibelschreiber dies so genau aufgenommen haben, dann nur deshalb, weil das Volk es seit Jahrhunderten so lebte. Als dieses Wissen nicht mehr vorhanden war, machten die Mütter in der Bibel nicht mehr viel Sinn, so dass Luther die Bibel von vielen "Ungereimtheiten" befreite. Laut Weiler ist auch das Paar Adam und Eva nicht der Ursprung der Welt, sondern die Königin mit ihrem König, den sie erwählt hatte. Eva stammt aus Jerusalem, sie ist die Königin des Himmels des dort zelebrierten Baal-Kultes. Auch das Symbol des Stiers, welches wir später bei den Griechen mit Zeus wiederfinden, hat hier seinen Ursprung. Die Verehrung des heiligen Kalbs am Berg Sinai ist in der Bibel beschrieben, deshalb trägt Moses auch die Baalsmaske - als Priester dieses Kultes.
Gerda Weiler hat dieses Buch geschrieben, weil die fast zweitausendjährige christliche Dogmatik mit ihrer Interpretationsgeschichte der hebräischen Bibel den Frauen Grenzen setzt. Frauen, die auf der Suche nach ihrem Ursprung sind, sind von der Materialfülle überfordert. Es gibt Bibeltexte, zu denen allein die Bibliographie ihrer Bearbeiter einen dicken Band füllt. Es gehört Geduld und Ausdauer dazu, die Bibel zu lesen. Ohne Kommentar ist vieles unverständlich. Die christlichen Kommentare aber verfestigen die patriachale Tendenz, die in der Bibel ohnehin vorherrschend ist. Doch Frauen, so Gerda Weiler, haben ein Recht auf Weltdeutung.
Sie zeichnet ein Bild der Königin des Himmels, die keine Vergänglichkeit hat und den blauen Himmelsmantel trägt. Sie war, als noch nichts geboren wurde, sie bestand vor allem Anfang, sie wird sein die Ewigkeit. "Wie es nur eine Schöpfung gibt, so hat im materiachalen Kultverständnis die kosmische Herrin nur einen Sohn. Als ihre polare Entsprechung ist er die Erde; er vertritt die Naturrhythmen, er muss blühen, reifen und welken. Mit der Ernte und dem Absterben der Natur geht auch der Sohn-Geliebte zurück in die Unterwelt. Nach der Dürre und Trockenheit erlöst die kosmische Herrin die Menschen aus der Not und Angst vor Unfruchtbarkeit, indem sie diesen Sohn wiederbelebt, ihn wieder einsetzt in seine Rechte. Die Menschen betrachten diese Erlösung nie als völlig gesichert. Sie beten und opfern, sie feiern die Heilige Hochzeit, um mit ihrem Kult sich einzubinden in die Wiedergeburtskraft der Göttin. Durch seine Wiedergeburt wird der "Gott" zum Helden und Retter der Menschheit. Und je mehr durch die theologische Spekulation und Interpretation männlicher Priester die Aktivität im Kult auf das Männliche verschoben wird, um so ausschließlicher wird dieser Sohn zum Erlöser und Heiland aus eigener, männlicher Machtvollkommenheit." Gerda Weiler beschreibt viele Mutter-Sohn Konstellationen in Ägypten mit Horus als Sohn der Isis, die phönizische Himmelkönigin Anat mit dem Sohn-Geliebten Ba'al und viel später taucht Mutter und Sohn als Maria mit Jesus wieder auf.
Der Leser wird durch die Bücher Mose begleitet, durch die Chronik, Jesaja, Hiob und natürlich die Bücher der Könige. Wir erleben, wie sich die neue Interpretation über die alten Texte gelegt hat und weshalb auch die Namen der Mütter zu genau festgehalten wurde - bis heute leiten sich die Nachkommen der Juden nur von der Mutter ab.
Das Buch ist für alle geeignet, die sich mit ihrer christlich-jüdischen Geschichte beschäftigen wollen, die verstehen wollen, wie es zum Patriarchat kam, weshalb es den Marienkult gibt und wie wunderschön das hohe Lied des Salomon ist:"Ihr Töchter Jerusalems, kommt und schaut an, ihr Töchter Zions, den König Salomo mit der Krone, mit der seine Mutter ihn krönte am Tage der Hochzeit, am Tage seiner Herzensfreude." Denker aller Zeiten sehen in seinen Strophen das Mysterium der Menschheit verschlüsselt. Die Liebeslyrik einer versunkenen Epoche. Jedoch die offene Liebessprache der frei über sich selbst verfügenden Frau sind erhalten geblieben.
Wenn Sie dieses Buch gelesen haben, werden Sie jedes Marienbild mit anderen Augen sehen - jede Bibelstelle bekommt eine neue Bedeutung und auch unsere "Kirchenfeste" stehen plötzlich wieder in alter materiachalischen Bedeutung vor uns, Weihnachten das Fest der Windersonnenwende, der Geburt des Sohnes, Ostern, mit dem ersten Vollmond im Frühjahr, als Fest der heiligen Hochzeit. Aber auch für Psychologen ist dieses Buch interessant, denn Gerda Weiler widerspricht der Jung'schen Psychologie - denn Jung rechtfertigt die Machtstellung des Mannes mit seinem anscheinend zeitlosen Begriff: dem "Archetypus". Gleichzeitig schafft es Gerda Weiler in den christlich-jüdischen Dialog einzusteigen und eine Brücke zu schlagen. Sie schreibt "diese traditionellen christlichen Meinungen über das Judentum sind das Ergebnis einer Moral, die unerwünschte Charakterzüge abspaltet und auf "Die Anderen" projeziert. Derartige Projektionen gehören allgemein zum Unterbewußten der kollektiven Psyche von Männern und Frauen. Wir haben die dringende Aufgabe, diese verdrängten Züge bewußt zu machen und zu verarbeiten. Wenn wir uns um Verständnis und Toleranz bemühen, werden wir es nicht mehr nötig haben, das sogenannte "Böse" zu projezieren - weder auf die Juden, noch auf die Frauen, noch auf irgendeine Gruppe von Menschen.
Claudia Schmitz, Frankfurt, 24. April 2001