"The animated figures stand
Adorning every public street
And seem to breathe in stone, or
Move their marble feet."
(Pindar, Seventh Olympic Ode)
In der märchenhaften Erzählung "Das Marmorbild" (1819/1826) steht Eichendorff noch ganz unter dem Einfluss der Antikenverehrung des 19. Jahrhunderts und führt heidnische Elemente in Form der Göttin Venus ein. Die erste Veröffentlichung erschien als Frauentaschenbuch, die spätere kam mit dem "Taugenichts" zusammen in die Öffentlichkeit (hier: Rezension kpoac)
Florio, ein junger Dichter trifft im italienischen Lucca auf den Sänger Fortunato und auf den dämonischen Landbesitzer Donati. Unentschieden zwischen beiden, der erlösenden (Fortunato) und der dämonischen (Donati) Kraft, verlässt er ohne seinen Diener (= Gewissen) seine Herberge. Er stößt nachts in einem italienischen Garten zufällig auf eine steinerne Venusfigur (Göttin der Liebe, der Verlangens, der Schönheit), deren Anblick in ihm ungewohnte sehnsüchtige Gefühle auslöst. Diesem sehnsüchtigen Verlangen gilt es nachzugehen, er glaubt, die Statue wie in den Metamorphosen zum Leben erwecken zu müssen. Die Erlebnisse an diesem Abend flößten ihm Furcht ein. "Er wusste nun selbst nicht mehr, was er wollte, gleich einem Nachtwandler, der plötzlich bei seinem Namen gerufen wird." (28) Am folgenden Tag hilft der klare Morgen wenig, der Realität nahezu kommen, vielmehr in der verbliebenen Melancholie des Mondscheins macht er sich auf den Weg des Vor-Abends, um die Umgebung, die ihm Furcht einflösste, nochmals zu erkunden. Bei Tag zeigt sich Anderes, doch die Erinnerung dominiert sein Empfinden. Unerwartet und plötzlich kommt er auf seiner phantastischen Kopf-Reise in einen Park mit goldenen Vögel, plätschernden Brunnen, hohen Bäumen, die sich sanft berühren, jedoch menschenleer und doch ein geträumter Traum vom vergangenen Leben. Lautenklänge holten ihn zurück und er sieht eine hohe Dame in unbeschreiblicher Schönheit, güldenes gelocktes Haar, ein blaues Kleid umhüllte einen schönen Körper. Es ist Venus, die am Vor-Abend gewünscht Lebendige aus Marmor (vorgestellte Verwandlung), sie ist es, die verdrängte Sehnsüchte wachruft und ohne ihn zu bemerken anstimmt: "Was weckst du Frühling, mich von neuem wieder? / Dass all die alten Wünsche auferstehen, / Geht übers Land ein wunderbares Wehen; / Das schauert mir so lieblich durch die Glieder. / Die schöne Mutter grüßen tausend Lieder, / Die, wieder jung, im Brautkranz süß zu sehen; / Der Wald will sprechen, rauschend Ströme gehen, / Najaden tauchen singend auf und nieder [...] / Versinkend zwischen Duft und Klang vor Sehnen." (31)
Florio steht in blühenden Träumen, sein Erleben ist Vergessen durch die Zerstreuung des Lebens. Die alten Wünsche scheinen die Zeit davor zu meinen, es könnte das Paradies sein, es könnte die Zeit vor der Revolution gemeint sein, die neben dem Schlechten auch viel Gutes im selben Zuge hinwegspülte. (mehr: Schiller, Sämtliche Gedichte, Rezension kpoac)
Auf einem späteren Maskenfest erscheint Florio dann ein junges Mädchen, - wiederum ein übertragenes Bild der Venus in griechischem Gewande. Ihr Anblick mit den Klängen der Tanzmusik wecken in ihm "Lieder, die unten gebunden schliefen, und Quellen und Blumen und uralte Erinnerungen." Sein ganzes "eingefrornes, schweres, stockendes Leben" scheint plötzlich wieder zu einem "leichten klaren Strom" zu werden, "auf dem das Herz mit rauschenden Wimpeln den lange aufgegebenen Wünschen fröhlich wieder zufährt."(39) Doch seine Angebetete verschweigt ihren Namen. "Nehmet die Blumen des Lebens, wie sie der Augenblick gibt, und forscht nicht nach den Wurzeln im Grunde"(44), ist ihre Antwort. Doch lernt er Bianka kennen, sein Innerstes bebt vor Freude und in den folgenden Begegnungen gewinnt er mehr und mehr Sehnsucht nach den irdischen und verführerischen Dingen. Und doch ergreift ihn Angst vor dem nahenden Abgrund.
"Herr Gott, lass mich nicht verlorengehen in der Welt!"(56) Den zentralen Wendepunkt des Stückes spürt man hier, die Verführung der Sinne ist gestoppt, statt seiner ist es eine Schlange, die mit grünlichgoldenem Schweife den Abgrund hinunterstürzt. Die Wiederholung der paradiesischen Verführung ist gebannt. Doch hiermit ist der ganze Konflikt des Stückes bezeichnet: Antiker Polytheismus in seiner sinnlichen und dämonischen Gewalt meldet sich aus den Tiefen einer christlichen Seele und stellt die Frage, ob das neue religiöse Wertesystem so stark ist, um mit den archaischen Relikten umgehen zu können. Antike und Christentum werden gegenübergestellt, Frömmigkeit hat sich gegen Heidentum zu beweisen, die Weimarer Klassik und der Idealismus mit ihrem Antiken- bzw. Hellenenkult hat sich der christlichen Verantwortung zu stellen. Doch Eichendorff löst den Konflikt zu einfach: der dämonischen Gewitternacht folgt ein einfaches Lied, aus dem Garten tönt: "Frisch auf, wer Gott noch loben mag!"(59)
Als Florio am nächsten Tag an dem alten Palast vorbeikommt, erkennt er, dass es eine Ruine ist und er wohl geträumt hat. Der alte Tempel der Venus existiert nicht mehr, inzwischen hat die Mutter Maria die "schöne Heidengöttin"(65) abgelöst. "Nun bin ich frei! Ich taumle noch!"(66). Die unsteten Geister der Verführung sind gebannt. Die himmlische Führung hat ihn wieder: "O Vater du erkennst mich doch", verschiebt seine Sehnsucht auf ein stabiles Leben in christlich geordneten Bahnen. Eine "stillklare Heiterkeit" durchzieht seine Seele und erquickt ihn "innerlichst" mit neuem Mut. Die hübsche Bianka-Venus (Reine-Liebe), in die er sich während des Maskenfestes verliebt hatte, entpuppt sich als normal Sterbliche. Zunächst als Knabe verkleidet, nimmt sie Florio die Angst einer Venus. Doch die weiße wie dunkle Seite zeigt, dass reine Liebe nicht von sinnlicher zu trennen ist. Das Erotische bleibt eben das Geheimnisvolle. Dennoch. Florio fühlt sich neu geboren, weil "ein Traum sein Lehrer war" (Calderon), glaubt, dass alles gut in der unvollkommenen Realität wird und weiß, dass er niemals von Biankas Seite möchte. Sie lächelt mit strahlenden Augen zustimmend "und so zogen die Glücklichen fröhlich durch die überglänzten Auen in das blühende Mailand hinunter". (68)
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Vier weitergehende Anmerkungen / Querverweise für den zusätzlich Interessierten:
1. Ist es Eichendorff gelungen, mit Florio den inneren Konflikt zwischen Traum, Wirklichkeit und Natur und Religion wirklich zu überwinden? Am Schluss bleibt zwar der von der Natur überwucherte Palast in der Ferne zurück, dessen Geist dem Protagonisten so viel Verlockung und Qual bereitete. Dennoch scheint eine zusätzliche Bekräftigung Fortunatos notwendig: "Glaubt mir, ein redlicher Dichter kann viel wagen, denn die Kunst, die ohne Stolz und Frevel, bespricht und bändigt die wilden Erdengeister, die aus der Tiefe nach uns langen."(66) Hier liegt Eichendorffs Selbst- und Rückbezug des Geschilderten. Diese Erzählung ist ein Teil seiner (Eichendorffs) Biographie in einer Zeit, in der die Romantik den Pantheismus huldigte und den gesellschaftlich gefestigten Katholizismus durchaus Paroli bieten wollte. Die Kunst bändigt die wilden Erdgeister, eben die Natur und die Triebe in uns, schreibt Eichendorff; wie auch Goethe zuvor im Faust, Prolog im Himmel, die schwankenden Erscheinungen durch dauerhafte Gedanken festigen wollte. Nehmen wir diese Kunst als Kultur, dann findet sich dieser Gedanke bei Freud im "Das Unbehagen in der Kultur" wieder; nämlich Kultur als Schutz gegen die Natur.(vgl Rez. kpoac) oder als Ausgleich der Mängel (Arnold Gehlen: Mensch als Mängelwesen).
2. Ovids Metamorphosen X, 243-297 gelten als Basis für die Verwandlung der Statue in eine Lebendige. Dieser Wunsch des zyprischen Bildhauers ging durch die Welt, wie Sie Anfangs mit Pindar bereits lesen konnten, doch finden Sie diesen Mythos der Erschaffung aus dem Wunsche, der Phantasie, des Traums oder den (indirekten) Verweis darauf bei Dante II, 20, Schiller (Ideal), Shaw (Schauspiel), Rousseau (Erzählung), E.T.A Hoffmann (Olimpia, in: Der Sandmann), Büchner, Grillparzer (Zanga, in: Der Traum ein Leben) etc; in der Kunst Max Ernsts "Schwankende Frau", Pygmalion als Oper, im Musical My Fair Lady um einige zu nennen -- ein Mythos für die Ewigkeit. Selbst die Jetztzeit lässt mit Lara Croft in Tomb Raider am Computer diesen Gedanken wieder aufleben.
3. Schopenhauer hat in seinem Hauptwerk beredt sich zur Poesie, Phantasie und Traum geäußert. Sinngemäß gilt, dass das Kunstwerk die Auffassung der platonischen Idee im ästhetischen Genuss dadurch erleichtert, "dass das zur rein objektiven Auffassung des Wesens der Dinge erforderte Schweigen des Willens am sichersten dadurch erreicht wird, dass das angeschaute Objekt selbst gar nicht im Gebiete der Dinge liegt, [..], in dem es kein Wirkliches, sondern ein bloßes Bild ist".
Poesie ist daher eine rein objektive Auffassung. Das wirkliche Leben erscheint poetisch, wenn man es mit den Augen der Phantasie, des Traumes betrachtet (absolut vs. real; vgl. Calderon). Daher werden die Szenen in fremde Länder verlagert, um die dramatische Wirkung durch die Notwendigkeit erhöhter Vorstellungskraft zu befördern. "Poesie ist die Kunst, durch Worte die Einbildungskraft ins Spiel zu versetzten".
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