Seit fast 20 Jahren steht Drewermann`s Werk in meinem Bücherregal und erst jetzt fand ich Zeit und (?) Mut, das Buch zu lesen. Ich bereue, es nicht viel früher getan zu haben!
Drewermann geht bei seiner Interpretation des Markus Evangeliums von folgender Überlegung aus: Die Bibel ist weder ein historischer Tatsachenbericht noch ein reines Märchenbuch; vielmehr geht es um Zusammenhänge, die, unabhängig von ihrem individuellen historischen Gehalt, wahr sind. Diese Wahrheit ist aber nicht durch Haarspalterei, aufgehängt an einzelnen Worten oder Sätzen, zu begreifen, sondern es geht um das Grundsätzliche. In einfacheren Worten, um die Moral von der Geschicht! Und so zeichnet Drewermann ein Bild von Jesus und seinen Aussagen und Taten, das keinen erhobenen Zeigefinger beinhaltet, maßregelt oder sich selbst als die alles mit letzter Gewissheit interpretierende Instanz sieht. Für ihn besteht die Botschaft des Markus Evangeliums im Bild der Erlösung. Dabei meint er nicht die Erlösung von der Sünde, sondern die Erlösung von der Angst. Der Angst, die uns alle in so mannigfaltiger Sicht und so konstant und wiederkehrend befällt. Die Angst vor dem Sterben, der Leere, dem Versagen, der Liebe, dem Nicht-Geliebtwerden, einer schweren Erkrankung, Unheil schlechthin und so weiter und so fort. Dem Leser wird bei der Eigenreflexion sehr schnell klar, welche Ängste ihn selbst derzeit beschäftigen. Und dieser Angst setzt Jesus die Liebe Gottes entgegen, die es gilt mit Vertrauen aufzugreifen und die uns alle vor eben jener Angst in allen ihren Formen schützt!
Weiterhin interpretiert Drewermann auch das Verhältnis zu den Pharisäern und Schriftgelehrten. Nicht als Personen, aber in ihrem Verhalten sind sie Jesus verhasst. Er sieht in ihnen das schlimmste Übel. Damit ist eben jener Menschentyp gemeint, der denkt, die genaue, buchstabengetreue Befolgung der Regeln führt zum ewigen Heil. Und hier weist eben auch Jesus den Weg, der da heißt: nicht die Regeln zu befolgen ist das Ziel, sondern den Menschen zu lieben und wenn es eben bedeutet, dass die Regeln gebrochen werden müssen, dann ist es eben so!
Fazit: Mir hat dieses Buch viel gegeben und ich hätte es vermutlich schon viel eher lesen sollen. Ja, auch ich habe viele Ängste, obwohl ich von meinen Mitmenschen als eher angstlos eingestuft werde. Dieses Buch hilft mir, mit diesen Ängsten besser umzugehen. Besonders gut gefallen hat mir auch der Teil zum Thema Pharisäertum; gerade in einer Welt, in der die political correctness" so hoch angesehen ist und eine Welt, die Stunde um Stunde neue SOP`s (Standard Operating Procedures) hervorbringt, ist es wichtig, sich die eigene Zivilcourage zu bewahren und unsere Regelwerke in Bezug auf deren Menschlichkeit deutlichst zu hinterfragen. Ich freue mich schon auf Teil 2 seiner Interpretation!