"Das Mädchen mit den Goldaugen" ist die düstere Erzählung eines erotischen Abenteuers, das für die Titelheldin mit einem grausamen Tod endet. Balzac demonstriert an seiner Hauptfigur, dem adligen Dandy Henri de Marsay, wie korrumpiert eine Gesellschaftsschicht ist, wenn sie beginnt, aus purem Überdruss gefährliche Vergnügungen zu suchen. Trotz vieler treffender und kurzweiliger Schilderungen: Die Geschichte selbst ist es nicht, was den Text berühmt gemacht hat - ihr Ende ist ein bisschen verworren, und der bemühte Anstrich von Geheimnis und Verbrechen in leicht orientalischem Flair zeigt Balzac nicht gerade in seinem Element. Bekannt geworden ist dieser Text für das der Handlung vorangestellte Gesellschaftspanorama aus der Hölle Paris: Auf 25 Seiten entwirft Balzac einen gesellschaftlichen Kosmos, den Keim seines umfassenden Gesamtwerks "Die menschliche Komödie". Pointiert und bissig beschreibt er alle sozialen Schichten seiner Zeit, der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Keine kommt dabei gut weg, die Vertreter aller Schichten sind letztlich getrieben von ihrer Geldgier und Vergnügungssucht. Obwohl die Gesellschaft heute anders aussieht, ist vieles doch übertragbar. Und gerade in der eindrücklichen Beschreibung ewigen Gehetztseins, der hamsterartigen Betriebsamkeit als zerstörerische Kraft, dürften viele auch heute noch Elemente des eigenen Lebens wiedererkennen.