Erster Satz:
Als sie den jungen Mann sah, der ihr fröhlich pfeifend und mit wirbelndem Gehstock in dem abgedunkelten Gang entgegenkam, wusste Finley Jayne sofort, dass sie arbeitslos sein würde, noch ehe die Sonne aufging.
Meine Meinung:
Finley Jayne hat gerade ihre Anstellung bei einer adligen Familie verloren, da ihr der Sohn ebendieser nachgestellt hat. In solchen Momenten, wenn sie sich in Bedrängnis fühlt, übernimmt ihre dunkle Seite die Führung, und diese hat einige "schlagkräftige" Argumente. Bei ihrer Flucht aus dem Haus ihres ehemaligen Arbeitgebers wird sie von Griffin King auf seinem mit Dampf betriebenen Veloziped angefahren und schwer verletzt in sein Haus gebracht. Nach ihrer Genesung stellt sie fest, dass Griffin der Duke of Greythorne ist und er zusammen mit seinen Freunden dem Verbrechen in London den Kampf angesagt hat.
Finley ist auf den ersten Blick eine Heldin, wie sie mir gefällt: tough, nicht auf den Mund gefallen, schlagkräftig und mit einer gehörigen Portion Misstrauen versehen, was andere Menschen und insbesondere Männer angeht. Dieses Misstrauen wirft sie aber schnell über Bord, als sie auf den Verbrecher Dandy trifft, den sie mehr als anziehend findet. Wogegen Griffin ihr natürlich auch den Atem raubt... Scheinbar weisen heutzutage fast alle Jugendromane eine Dreiecksliebesgeschichte auf, und hier gibt es sie gleich zweimal. Finley muss sich zwischen zwei Männern entscheiden ebenso wie Emily, die in Griffins Truppe der geniale Kopf ist und sich sehr gut mit Maschinen auskennt.
Auf den zweiten Blick konnte Finley mich jedoch nicht überzeugen, genauso wenig wie die anderen Charaktere. Das liegt zum einen daran, dass sie ihre Überzeugungen ach so schnell über Bord werfen kann. Im einen Moment ist sie Männern gegenüber misstrauisch, im anderen bändelt sie gleich mit zwei Männern an. Oder liegt das an ihrer dunklen bzw. hellen Seite? So genau habe ich das nicht verstanden. Auch hat sie bisweilen seltsame Gefühlsanwandlungen. Als Beispiel sei zu nennen, als ihre Mutter bedrängt wird, das Geheimnis zu lüften, warum Finley diese dunkle Seite besitzt, was übrigens ziemlich unspektakulär ab ca. Seite 100 auf drei Seiten abgehandelt wird. Ihre Mutter ist sehr aufgebracht, wird von ihrem Stiefvater getröstet und Finley bekommt, zum ersten Mal in ihrem Leben wohlgemerkt!, ein Gefühl von Eifersucht und wünscht sich sehnlichst einen Mann her, der sie auch so nett anschaut. Dies kommt auch noch öfter vor. Bei Finley genauso wie bei anderen. Ich hatte das Gefühl, als ob die Autorin bestimmte Dinge gerne in der Geschichte unterbringen wollte, u.a. um Sinneswandlungen darzustellen, dies aber oft nicht zum Charakter gepasst hat, wie ich ihn bis dato kennengelernt hatte. Handlungen, Gedanken und Gefühle waren für mich oft nicht nachvollziehbar.
Insgesamt betrachtet sind die Charaktere eher oberflächlich gezeichnet, keiner von ihnen wird mir im Gedächtnis bleiben. Dies gilt im Grunde genommen auch für die ganze Handlung. Wichtige Schlüsselmomente werden im Eiltempo abgehandelt, die Autorin rast regelrecht durch die Geschichte.
Kady Cross hat allerdings eine schöne Steampunkwelt erschaffen, angefangen bei Finleys Kleidung, ganz klassisch mit Korsett, öfter auch mal mit kurzen Hosen über wichtige Steampunkelemente, die in keinem Roman des Genres fehlen dürfen, wie z.B. Luftschiffte, Dampfdroschen, Gaslampen und eigene Kreationen, wie die Metallmenschen oder die Velozipeds. Das hat mir wirklich gut gefallen.
Als richtig schlecht kann ich den Roman trotzdem nicht bewerten. Denn er kann mit einer gewissen Spannung aufwarten, allein aufgrund der Tatsache, dass sich die Autorin eben nicht in Details verliert und die Handlung schnell voranschreitet. Und schließlich ist der Roman für Jugendliche gedacht, und für diese Zielgruppe ist der Roman mit Sicherheit geeignet. Ist einfach leichte Kost, nette Unterhaltung für zwischendurch. Die Folgebände werde ich mir aber nicht zulegen.
Fazit:
Der Roman zählt in meinen Augen zur Kategorie "Popcorn-Kopfkino", einfach leichte Kost für zwischendurch, die nicht anstrengt, einem aber auch nicht lange im Gedächtnis bleibt. Die Charaktere und das Setting sind recht oberflächlich gezeichnet, die Handlung jedoch nicht unspannend, da sich die Autorin nicht in Details verliert. Sie rast aber stellenweise auch durch die Geschichte. Mir reicht das nicht, damit ich mir auch noch die Folgebände zulege, dafür interessiert mich der Fortgang der Geschichte dann doch nicht genug.