Ein voller Erfolg: Dieser Roman erweckt eins der faszinierendsten Gemälde der Kunstgeschichte vibrierend zum Leben. Griet, das Mädchen mit dem Perlenohrring, erzählt von ihrer Jugend als Magd bei der Familie des Malers Vermeer, und ihre Erzählung kulminiert in der Schaffung des berühmten Gemäldes, für das sie mit den Ohrringen von Vermeers eifersüchtiger Frau Modell saß.
An dem Roman stimmt einfach alles. Die Ich-Erzählerin Griet ist großartig gelungen; sie kommt in ihrer Bescheidenheit, aber auch in ihrer Klugheit und Integrität überzeugend rüber. Griets Angehörige, Vermeers Familie, aber auch Griets Bewunderer Peter sind durchweg dreidimensionale Figuren. Griets zarte Beziehung zu Vermeer passt dabei haargenau zu ihrem bodenständigen Charakter. Die Darstellung von Griets täglichem Leben in der Familie Vermeer mit ihren so unterschiedlichen und differenziert gezeichneten Gestalten nimmt gefangen. Das Holland des späten 17. Jahrhunderts wird in diesem Roman lebendig, und Griet lebt authentisch innerhalb ihres Standes in einer bunt schillernden Gesellschaft.
Am mitreißendsten sind Griets Schilderungen der Bilder Vermeers - durch die Kraft ihrer Beschreibungen werden die Bilder lebendig. Vermeer hingegen bleibt lange Zeit eine fast nebulöse Gestalt, die nur ab und zu, dann aber mit prägnanter Nachhaltigkeit, ins Griets Leben tritt. Vermeer wird einerseits als genialer Künstler geschildert, doch andererseits kommen seine Feigheit und sein Egoismus bei der Erschaffung seiner Bilder wunderbar gut heraus - was er alles von Griet verlangt, damit er das perfekte Bild von ihr erschaffen kann, zeigt, dass er keinerlei Rücksicht auf sie nimmt. Im Gegenteil, die Beziehung der beiden weist sogar leicht sadistische (er) und masochistische (sie) Züge auf; die körperliche Vereinigung von Liebenden wird dadurch ersetzt, dass er Griet Löcher durch ihre Ohrläppchen bohren lässt. Als echter Künstler verliert er nach Fertigstellung des Werks auch das Interesse an seiner Muse...
Ein vielschichtiger Roman mit ganz herausragenden Figuren, allen voran natürlich Griet. Und selten sind Gemälde in einem Buch so lebendig geworden! Rundum gelungen. 5 Sterne.
PS: Ganz besonderes Highlight ist das ungekürzte Hörbuch im englischen Original, ausgezeichnet gelesen von Ruth Ann Phimister!