Lachenmanns "Mädchen mit den Schwefelhölzern" ist mit das großartigste was die Neue Musik der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts zusammengebracht hat, vielleicht neben dem "Prometheo" von Luigi Nono. Lachemann ist so etwas wie der Reinhold Messner der Neuen Musik, er hat quasi einen Achttausender der Musik erklommen: er befreite die Musik von den Konventionen des Serialismus und etablierte das Geräusch, untergraben von der Theorie der instrumentalen Variante der konkreten Musik. In diesem Sinne lassen sich in der Musikgeschichte des 20.Jahrhunderts folgende "Leuchttürme" etablieren: Die Entwicklung des Serialismus, des Minimalismus, der konkrten Musik, der akustischen konkreten Musik, der algorithmischen Musik und der Spektralharmonik. Aus diesen Töpfen schöpfen heute viele Generationen von Komponisten.
Erschreckend auch wie stark reduziert in dieser Version die "Zwei Gefühle" in Erscheinung treten. Soviel Rücknahme hätte man Lachenmann garnicht zugetraut.
Von zwei Dingen ist die Oper stark "infiziert": einerseits das klassische Märchen von Andersen das in heimischer Atmosphäre unter dem Christbaum den Kindern erzählt wird mit dem typischen moralischen Habitus, andererseits die Geschichte der 1970`er Jahre in Deutschland und die RAF. Hinter dem Mädchen mit den Schwefelhölzern kann man nämlich auch Gudrun Enslin assoziieren und so ergibt sich auch ein zeitkritischer Bezug.
In seinem Werk "Mouvement" zitiert Lachenmann den "lieben Augustin" und man erkennt das Lachenmann immer verschmitzt heimliche Gesellschaftskritik in seine Werke einbaut, die an den besthenden Zuständen einer neoliberalen, globalisierten Welt rüttelt, deren größte Angst der Terrorismus ist - das Schreckgespenst unserer Zeit.
Das Ende der Oper ist im wahrsten Sinne des Wortes minimalistisch aber keine Minimal Music. Man kommt sich vor wie vielleicht der Weltumsegler Wilfried Erdmann oder der Wüstenwanderer Bruno Baumann. Man fühlt sich in dieser Musik der Einsamkeit ausgesetzt. So wird das nicht Perfekte das Unglatte oder wie Roger Willemsen sagt der Knacks im Menschen geweckt und man fühlt sich in seinem unperfekten, fehlbarem ertappt.