Nachdem ich vor einiger Zeit di Fulvios Bestseller-Roman
Der Junge, der Träume schenkte gelesen hatte und ziemlich begeistert war, habe ich "Das Mädchen, das den Himmel berührte" schon vor Wochen euphorisch vorbestellt. Leider hat mich dieser Roman dann doch sehr enttäuscht.
Der junge Mercurio lebt in den Abwasserkanälen Roms und verdingt sich als Betrüger, so wie andere Straßenkinder auch, als er mitbekommt, wie Ercole, ein ebenfalls auf der Straße lebender zurückgebliebener Junge, von dem jüdischen Kaufman Shimon Baruch getötet wird. Als er seinerseits Shimon Baruch schwer verletzt und zu töten geglaubt hat, flieht er zusammen mit den Straßenkindern Benedetta und Zolfo in Richtung Venedig.
Auch der jüdische Arzt Isacco, der mit seiner Tochter Giuditta von der Insel Negropontes kommt, eigentlich aber auch nur ein Betrüger ist, ist auf dem Weg nach Venedig, genauso wie der Hauptmann Lanzafarme mit seiner von einem Kriegszug heimkehrenden Truppe, der fanatische Mönch Amadeo und der erstaunlich schnell genesene Shimon Baruch, der sich - ebenfalls in betrügerischer Art und Weise - eine neue Identität zulegt und auf Rache an Mercurio sinnt.
Es dauert auch nicht lange, bis sich die Personenkonstellationen neu finden: Benedetta, die sich in Mercurio verliebt hat, schließt sich – vom Hass auf Giuditta zerfressen, weil Mercurio sich in diese verliebt hat – als Geliebte einem Fürsten an, um von dort aus ihre Intrigen zu spinnen. Währenddessen freunden sich Lanzafarme und Isacco an, der mittlerweile in dem neu gegründeten Ghetto von Venedig lebt. Mercurio hingegen hat sich eine "neue" Mutter gesucht, bei der er zeitweise auch lebt ... Undsoweiterundsofort. Im Verlaufe des Romans kommen noch unzählige weitere Charaktere hinzu, tauchen auf, tauchen wieder ab, werden längere Zeit nicht thematisiert, um dann zu einem späteren Zeitpunkt – vielleicht – doch noch einmal eine Rolle zu spielen. "Das Mädchen, das den Himmel berührte", Giuditta, ist dabei nur eine von vielen. Die meisten Personen sind irgendwie Betrüger oder prostituieren sich (außer Giuditta natürlich), hauptsächliche Handlungsorte sind die Armenviertel und das Ghetto von Venedig.
Dieser Roman krankt – wie leider viele "historische" Romane - daran, dass seine Figuren modern denkende und sprechende Menschen in einer archaischen Welt sind. Dabei war anhand des Klappentextes nicht zu erahnen, dass es sich um einen "historischen" Roman handelt: Tatsächlich beginnt die Handlung im Jahre 1515, in einer Zeit, in der mittelalterliches Gedankentum noch eine große Rolle gespielt hat, zum Beispiel auch bei der Behandlung von Krankheiten.
Überfrachtet mit viel zu vielen Charakteren, die gelegentlich auch noch sehr eindimensional ausgestaltet sind, stellenweise sehr dialoglastig und da eben auch in einer viel zu modernen Sprache, fehlt dem Roman einfach Atmosphäre. Man muss sich immer wieder bewusst in Erinnerung rufen, dass die Handlung vor fast 500 Jahren angesiedelt ist, das hätte ich sonst gelegentlich beim Lesen wirklich vergessen, so wenig unterscheiden sich Sprache, Personen und Beschreibungen von einer im Heute angesiedelten Handlung. Trotz seiner Länge bleibt er sehr an der Oberfläche, auch zum Beispiel, was das Leben im jüdischen Ghetto anbelangt. Wer historische Romane ohne viel Tiefgang mag, in denen Hass, Intrigen, Mord und Totschlag ausschweifig beschrieben werden und in denen ein bisschen Liebe und Herzschmerz eine Rolle spielen, kann sich vielleicht dennoch mit diesem Roman anfreunden, der im bestmöglichen Falle ein "Historienschmöker" ist. Für mich war es aber leider nichts.