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Das Mädchen aus der Totenstadt: Monas Leben auf den Gräbern Kairos
 
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Das Mädchen aus der Totenstadt: Monas Leben auf den Gräbern Kairos [Gebundene Ausgabe]

Gerhard Haase-Hindenberg
4.1 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (7 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Leben zwischen Friedhofsmauern – die Entdeckung einer tabuisierten Welt

Reiseführer raten von einem Besuch der Totenstadt Imam-el-Shafi dringend ab, für die 18-jährige Mona jedoch ist dieser riesige Friedhof am Stadtrand von Kairo das Zuhause. Die Mausoleen bieten Unterschlupf für mehrere Zehntausend Ägypter, die kaum eine Chance haben, die ärmlichen Wohnverhältnisse je hinter sich zu lassen. Aber Mona träumt von einem anderen, besseren Leben, und als sie eine Arbeit im Stadtzentrum bekommt, will sie ihr Schicksal endlich selbst in die Hand nehmen.

Die illegale Besiedelung der Totenstadt wird zwar von offizieller Seite geduldet, doch deren Bewohner gelten beinahe als Aussätzige. Mona ist dort geboren und lebt mit ihren Eltern und sieben Geschwistern in drei winzigen Räumen eines Grabhofs. Ihre Gedankenwelt wird bestimmt vom Islam und einem fatalistischen Schicksalsglauben, ihre Zukunft sieht sie als Ehefrau und Mutter. Erst durch eine Arbeit in Kairos Geschäftsviertel lernt sie das westlich geprägte Zentrum von Afrikas größter Metropole und die Verlockungen der modernen arabischen Welt kennen. Aus Monas Tagebuchaufzeichnungen und intensiven Recherchen vor Ort erstellt Gerhard Haase-Hindenberg das authentische Porträt eines Mädchens, das zwischen zwei Welten pendelt. Zum ersten Mal berichtet ein Buch von der Lebenswirklichkeit in der Totenstadt, vom Denken und Fühlen seiner Bewohner, welches gleichermaßen von pharaonischer Tradition und islamischen Glaubenssätzen geprägt ist.

Über den Autor

Gerhard Haase-Hindenberg, Jahrgang 1953, Studium an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" in Ost-Berlin. Er arbeitete als Schauspieler, Regisseur und Autor an Theatern in Nürnberg, München und Berlin sowie für TV- und Kinofilme. Regelmäßig publiziert er Reportagen und Interviews in der "Welt" und der "Berliner Zeitung". 2006 erschien bei Heyne "Göttin auf Zeit", 2007 „Der Mann, der die Mauer öffnete“ und im Frühjahr 2008 „Das Mädchen aus der Totenstadt“.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Prolog

Viele Menschen nennen das Gebiet, in dem ich aufgewachsen bin, die Totenstadt. So wird unser Viertel auch in den Reiseführern der Fremden genannt, die manchmal durch unsere Straße laufen. Das hat mir einer aus Europa erzählt, der mich sogar heiraten wollte, obwohl er mich gar nicht kannte. Nur, weil ihm meine Augen gefallen haben. Das hat er zumindest zu meinem Vater gesagt, der nicht eingewilligt hat. Natürlich nicht. Schließlich gehörte dieser Mann nicht zu unserer Religion. Deshalb konnte mein Vater auch nicht mit ihm die Al-Fatiha lesen. Da war ich froh, denn es war kein junger Mann.
Totenstadt - auch in Kairo nennen viele Leute das Gebiet hier draußen so. Weil sie ihre Großeltern, Eltern, Onkel und Tanten in den Grabkammern unter unseren Höfen bestattet haben. Aber wenn sie zu uns herauskommen, um die Gräber ihrer Vorfahren zu besuchen, am Opferfest oder an anderen Feiertagen, sehen sie doch, dass es nicht nur eine Totenstadt ist. Denn wir leben ja hier. Hamdi, mein Vater, der ihnen die Gräber öffnet, wenn jemand gestorben ist. Der den Trauernden Wasser reicht und die Jungen holt, die die Koranverse rezitieren. Auch Nassra, meine Mutter, die meinem Vater acht Kinder geboren hat, von denen ich das älteste bin. Von vielen unserer Nachbarn haben schon die Großeltern hier gelebt. Es ist also nicht nur eine Totenstadt, sondern auch eine Stadt der Lebendigen. Und deshalb nenne ich sie nicht Totenstadt.
Wenn mich jemand fragt, wo ich wohne, dann sage ich: »Im Gebiet um Imam Al-Shafi'i.« So heißt die Moschee am anderen Ende unserer Straße. Daneben und auf der anderen Seite dieser Moschee stehen mehrstöckige Häuser mit Wohnungen. Ich könnte ja auch dort leben, wenn ich sage, dass ich »im Gebiet um Imam Al-Shafi'i« wohne. Jedenfalls nennt kaum jemand, der hier draußen auf den Grabhöfen von Imam Al-Shafi'i lebt, unser Viertel Totenstadt.

Als mir die obigen Sätze aus Monas »aufgeschriebenen Gedanken« übersetzt wurden, ahnte ich bereits, dass hinter den Zeilen in jenem abgegriffenen Heft mehr als eine erzählenswerte Lebensgeschichte steckt. Es war die ungewöhnliche Reflexion einer jungen Grabhofbewohnerin auf das eigene Schicksal, welches sie »Kismet« nannte. Drei Tage zuvor war ich mit meiner ägyptischen Mitarbeiterin Hoda Zaghloul hinausgefahren in jenes Gebiet, in dem auch deren Mutter begraben liegt, um für eine Reportage über die Totenstadt zu recherchieren. Ich hatte einen Reporter und einen Fotografen von Al Ahram dabei, Ägyptens großer Tageszeitung, die mir bei dieser Recherche behilflich sein wollten. Schließlich wusste ich um das Misstrauen der Grabhofbewohner gegenüber jenen Fremden, die exotisch finden, was für die Menschen in der Totenstadt alltägliche Normalität bedeutet: das Wohnen in kleinen Räumen oberhalb der Grabkammern oder auch in geräumigen Mausoleen. Kurzum: das Leben auf einem Friedhof. Aber ich konnte nicht ahnen, dass ich eine junge Frau finden würde, die mir ihre außergewöhnliche Lebensgeschichte anvertrauen wird. Es kam mir also der Zufall zu Hilfe. Als wir den unbewohnten Grabhof von Hodas Familie verließen, stand ein Junge da und sah uns mit seinen schwarzen sentimentalen Augen an. Auf meine Frage, wer dieses Kind sei, erklärte mir Tarek - der in diesem Gebiet staatlicherseits eingesetzte Grabmeister -, dass dessen Name Mahmoud sei und er mit seiner Familie auf einem Grabhof in der Nähe wohne. Wir begleiteten den Achtjährigen nach Hause und wurden von dessen Eltern und Geschwistern sehr freundlich aufgenommen. Bald erzählten die Mädchen, dass ihre große Schwester gut singen könne, auch malen, und ihre Gedanken würde sie immer in ein Buch schreiben. Außerdem sei sie sehr schön, aber leider zurzeit nicht da. Sie arbeite in einer großen Bank in Kairo, sagte die siebenjährige Aya, und es war ihr anzumerken, dass sie nicht die geringste Ahnung hatte, was genau eine Bank ist. Sie wusste auch nicht, welcher Art von Tätigkeit ihre Schwester dort nachging. Aber sie war voller Bewunderung für sie und erklärte, ich müsse unbedingt am Freitag (dem wöchentlichen islamischen Feiertag) wiederkommen, wenn Mona zu Hause sei. Ich war neugierig geworden, und so fiel es mir nicht schwer, ihr meine Rückkehr zu versprechen.

Meine kleine Schwester Aya erzählte mir am Abend als Erste, dass mich ein Mann aus dem Ausland kennenlernen will. Da habe ich gedacht, dass das wieder so ein Verrückter ist, der mir einen Heiratsantrag macht. Aber dann kam er mit Madame Hoda, die aus unserem Land stammt, und zwei Journalisten aus Kairo. Zunächst hat sich nur Madame Hoda mit mir unterhalten. Der fremde Mann wurde mir als »Mr Haase« vorgestellt, und weil sich das so ähnlich anhört wie der arabische Name Hasim, haben wir ihn fortan so genannt. Hasim und die beiden Journalisten haben mit meinen Eltern gesprochen und mit meinen kleineren Geschwistern. Ich habe Madame Hoda von meinen »aufgeschriebenen Gedanken« erzählt. Dann las ich ihr aus dem Heft vor, weil sie Schwierigkeiten hatte, meine Handschrift zu entziffern. Ich habe ihr erzählt, dass ich oft nachts aufwache und in den Spiegel blicke. An diesem Tag habe ich noch nicht erzählt, dass ich dann meist dunkle Gedanken habe und dass sie verschwinden, wenn ich sie aufschreibe.
Nach einigen Tagen hat Hasim mich dann gefragt, ob ich ihm helfen will, über mein Leben ein Buch zu schreiben. Auch über meine Gedanken und Gefühle. Ich war überrascht und wusste gar nicht, was ich davon halten sollte. Als ich ihn fragte, warum er das tun will, sagte er: »Weil ich glaube, dass du ein ganz besonderer Mensch bist!« Und er erklärte mir, wie dieses gemeinsame Buchschreiben aussehen soll. Erstmal sollte ich noch für einige Monate weiterhin meine Gedanken notieren. So wie bisher, und zwar alles, was mir durch den Kopf geht, was ich erlebt habe und was ich fühle. Dann würde er zurückkommen und sich mit mir darüber unterhalten. Es wäre dann eine richtige Arbeit. Ich habe zuerst meine Mutter gefragt und ihr gesagt, dass das eine Arbeit ist, wofür ich auch Geld bekomme. Sofort hatte sie Sorge, dass ich das ganze Honorar für modische Sachen ausgeben und nichts für die Aussteuer zurücklegen würde. Deshalb hat sie mit Hasim vereinbart, ihr die Hälfte meines Honorars für die Aussteuer zu übergeben. Es war für mich eine aufregende Sache, und ich schrieb und schrieb und fieberte dem Moment entgegen, wenn endlich die Arbeit mit Hasim beginnen würde.

Monas Aufzeichnungen wiesen streckenweise Anflüge jener typisch arabischen Fabulierlust auf, wie man sie beispielsweise aus den Dialogen in Nagib Machfus' großartigem Roman Die Midaq-Gasse kennt. Bis zu diesem Zeitpunkt aber war Mona noch nie mit irgendeiner Form von Belletristik in Berührung gekommen. Dies scheint im Umkehrschluss ein Beweis dafür zu sein, dass es Machfus meisterhaft verstanden hat, die Sprache der Basare und Vorstädte in den Rang von Literatur zu erheben. Aber es zeigte sich im vorliegenden Fall auch, dass die ausschweifenden Formulierungen oftmals dazu dienen, die eigenen Gedanken und Gefühle zu kaschieren. Nicht selten wird dann über sich selbst in der dritten Person gesprochen. Gemäß dem arabischen Brauch, einen Gesichtsverlust möglichst zu vermeiden. Zudem beförderte die für Mona ungewohnte Fokussierung auf ihre Person während der gemeinsamen Arbeit zeitweilig narzisstische Neigungen. Sie selbst beschrieb diesen Umweg später mit den Worten: Ich war ehrgeizig geworden. Dennoch: Monas tiefe Gedanken über ihre Kindheit, über das Leben an diesem ungewöhnlichen Ort und auch die Erfahrungen, welche sie in jener Zeit in der ihr fremden Welt von Downtown Kairo machte, schienen mir geeignet für ein Buch, welches gleichermaßen eine außergewöhnliche Biografie wie eine authentische Autobiografie sein würde.
Die Grundlage unserer gemeinsamen Arbeit bestand neben den Gesprächen auch in »Schreibtagen«, wie wir es nannten. Während ich die Disketten abhörte und protokollierte, schrieb Mona konkreter über dieses und...

Auszug aus Das Mädchen aus der Totenstadt. Monas Leben auf den Gräbern Kairos von Gerhard Haase-Hindenberg. Copyright © 2008. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Prolog

Viele Menschen nennen das Gebiet, in dem ich aufgewachsen bin, die Totenstadt. So wird unser Viertel auch in den Reiseführern der Fremden genannt, die manchmal durch unsere Straße laufen. Das hat mir einer aus Europa erzählt, der mich sogar heiraten wollte, obwohl er mich gar nicht kannte. Nur, weil ihm meine Augen gefallen haben. Das hat er zumindest zu meinem Vater gesagt, der nicht eingewilligt hat. Natürlich nicht. Schließlich gehörte dieser Mann nicht zu unserer Religion. Deshalb konnte mein Vater auch nicht mit ihm die Al-Fatiha lesen. Da war ich froh, denn es war kein junger Mann.
Totenstadt - auch in Kairo nennen viele Leute das Gebiet hier draußen so. Weil sie ihre Großeltern, Eltern, Onkel und Tanten in den Grabkammern unter unseren Höfen bestattet haben. Aber wenn sie zu uns herauskommen, um die Gräber ihrer Vorfahren zu besuchen, am Opferfest oder an anderen Feiertagen, sehen sie doch, dass es nicht nur eine Totenstadt ist. Denn wir leben ja hier. Hamdi, mein Vater, der ihnen die Gräber öffnet, wenn jemand gestorben ist. Der den Trauernden Wasser reicht und die Jungen holt, die die Koranverse rezitieren. Auch Nassra, meine Mutter, die meinem Vater acht Kinder geboren hat, von denen ich das älteste bin. Von vielen unserer Nachbarn haben schon die Großeltern hier gelebt. Es ist also nicht nur eine Totenstadt, sondern auch eine Stadt der Lebendigen. Und deshalb nenne ich sie nicht Totenstadt.
Wenn mich jemand fragt, wo ich wohne, dann sage ich: »Im Gebiet um Imam Al-Shafi'i.« So heißt die Moschee am anderen Ende unserer Straße. Daneben und auf der anderen Seite dieser Moschee stehen mehrstöckige Häuser mit Wohnungen. Ich könnte ja auch dort leben, wenn ich sage, dass ich »im Gebiet um Imam Al-Shafi'i« wohne. Jedenfalls nennt kaum jemand, der hier draußen auf den Grabhöfen von Imam Al-Shafi'i lebt, unser Viertel Totenstadt.

Als mir die obigen Sätze aus Monas »aufgeschriebenen Gedanken« übersetzt wurden, ahnte ich bereits, dass hinter den Zeilen in jenem abgegriffenen Heft mehr als eine erzählenswerte Lebensgeschichte steckt. Es war die ungewöhnliche Reflexion einer jungen Grabhofbewohnerin auf das eigene Schicksal, welches sie »Kismet« nannte. Drei Tage zuvor war ich mit meiner ägyptischen Mitarbeiterin Hoda Zaghloul hinausgefahren in jenes Gebiet, in dem auch deren Mutter begraben liegt, um für eine Reportage über die Totenstadt zu recherchieren. Ich hatte einen Reporter und einen Fotografen von Al Ahram dabei, Ägyptens großer Tageszeitung, die mir bei dieser Recherche behilflich sein wollten. Schließlich wusste ich um das Misstrauen der Grabhofbewohner gegenüber jenen Fremden, die exotisch finden, was für die Menschen in der Totenstadt alltägliche Normalität bedeutet: das Wohnen in kleinen Räumen oberhalb der Grabkammern oder auch in geräumigen Mausoleen. Kurzum: das Leben auf einem Friedhof. Aber ich konnte nicht ahnen, dass ich eine junge Frau finden würde, die mir ihre außergewöhnliche Lebensgeschichte anvertrauen wird. Es kam mir also der Zufall zu Hilfe. Als wir den unbewohnten Grabhof von Hodas Familie verließen, stand ein Junge da und sah uns mit seinen schwarzen sentimentalen Augen an. Auf meine Frage, wer dieses Kind sei, erklärte mir Tarek - der in diesem Gebiet staatlicherseits eingesetzte Grabmeister -, dass dessen Name Mahmoud sei und er mit seiner Familie auf einem Grabhof in der Nähe wohne. Wir begleiteten den Achtjährigen nach Hause und wurden von dessen Eltern und Geschwistern sehr freundlich aufgenommen. Bald erzählten die Mädchen, dass ihre große Schwester gut singen könne, auch malen, und ihre Gedanken würde sie immer in ein Buch schreiben. Außerdem sei sie sehr schön, aber leider zurzeit nicht da. Sie arbeite in einer großen Bank in Kairo, sagte die siebenjährige Aya, und es war ihr anzumerken, dass sie nicht die geringste Ahnung hatte, was genau eine Bank ist. Sie wusste auch nicht, welcher Art von Tätigkeit ihre Schwester dort nachging. Aber sie war voller Bewunderung für sie und erklärte, ich müsse unbedingt am Freitag (dem wöchentlichen islamischen Feiertag) wiederkommen, wenn Mona zu Hause sei. Ich war neugierig geworden, und so fiel es mir nicht schwer, ihr meine Rückkehr zu versprechen.

Meine kleine Schwester Aya erzählte mir am Abend als Erste, dass mich ein Mann aus dem Ausland kennenlernen will. Da habe ich gedacht, dass das wieder so ein Verrückter ist, der mir einen Heiratsantrag macht. Aber dann kam er mit Madame Hoda, die aus unserem Land stammt, und zwei Journalisten aus Kairo. Zunächst hat sich nur Madame Hoda mit mir unterhalten. Der fremde Mann wurde mir als »Mr Haase« vorgestellt, und weil sich das so ähnlich anhört wie der arabische Name Hasim, haben wir ihn fortan so genannt. Hasim und die beiden Journalisten haben mit meinen Eltern gesprochen und mit meinen kleineren Geschwistern. Ich habe Madame Hoda von meinen »aufgeschriebenen Gedanken« erzählt. Dann las ich ihr aus dem Heft vor, weil sie Schwierigkeiten hatte, meine Handschrift zu entziffern. Ich habe ihr erzählt, dass ich oft nachts aufwache und in den Spiegel blicke. An diesem Tag habe ich noch nicht erzählt, dass ich dann meist dunkle Gedanken habe und dass sie verschwinden, wenn ich sie aufschreibe.
Nach einigen Tagen hat Hasim mich dann gefragt, ob ich ihm helfen will, über mein Leben ein Buch zu schreiben. Auch über meine Gedanken und Gefühle. Ich war überrascht und wusste gar nicht, was ich davon halten sollte. Als ich ihn fragte, warum er das tun will, sagte er: »Weil ich glaube, dass du ein ganz besonderer Mensch bist!« Und er erklärte mir, wie dieses gemeinsame Buchschreiben aussehen soll. Erstmal sollte ich noch für einige Monate weiterhin meine Gedanken notieren. So wie bisher, und zwar alles, was mir durch den Kopf geht, was ich erlebt habe und was ich fühle. Dann würde er zurückkommen und sich mit mir darüber unterhalten. Es wäre dann eine richtige Arbeit. Ich habe zuerst meine Mutter gefragt und ihr gesagt, dass das eine Arbeit ist, wofür ich auch Geld bekomme. Sofort hatte sie Sorge, dass ich das ganze Honorar für modische Sachen ausgeben und nichts für die Aussteuer zurücklegen würde. Deshalb hat sie mit Hasim vereinbart, ihr die Hälfte meines Honorars für die Aussteuer zu übergeben. Es war für mich eine aufregende Sache, und ich schrieb und schrieb und fieberte dem Moment entgegen, wenn endlich die Arbeit mit Hasim beginnen würde.

Monas Aufzeichnungen wiesen streckenweise Anflüge jener typisch arabischen Fabulierlust auf, wie man sie beispielsweise aus den Dialogen in Nagib Machfus' großartigem Roman Die Midaq-Gasse kennt. Bis zu diesem Zeitpunkt aber war Mona noch nie mit irgendeiner Form von Belletristik in Berührung gekommen. Dies scheint im Umkehrschluss ein Beweis dafür zu sein, dass es Machfus meisterhaft verstanden hat, die Sprache der Basare und Vorstädte in den Rang von Literatur zu erheben. Aber es zeigte sich im vorliegenden Fall auch, dass die ausschweifenden Formulierungen oftmals dazu dienen, die eigenen Gedanken und Gefühle zu kaschieren. Nicht selten wird dann über sich selbst in der dritten Person gesprochen. Gemäß dem arabischen Brauch, einen Gesichtsverlust möglichst zu vermeiden. Zudem beförderte die für Mona ungewohnte Fokussierung auf ihre Person während der gemeinsamen Arbeit zeitweilig narzisstische Neigungen. Sie selbst beschrieb diesen Umweg später mit den Worten: Ich war ehrgeizig geworden. Dennoch: Monas tiefe Gedanken über ihre Kindheit, über das Leben an diesem ungewöhnlichen Ort und auch die Erfahrungen, welche sie in jener Zeit in der ihr fremden Welt von Downtown Kairo machte, schienen mir geeignet für ein Buch, welches gleichermaßen eine außergewöhnliche Biografie wie eine authentische Autobiografie sein würde.
Die Grundlage unserer gemeinsamen Arbeit bestand neben den Gesprächen auch in »Schreibtagen«, wie wir es nannten. Während ich die Disketten abhörte und protokollierte, schrieb Mona konkreter über dieses und jenes, worüber wir uns zuvor unterhalten hatten. Diese während der gemeinsamen Arbeit entstandenen Passagen unterscheiden sich - wie unschwer zu erkennen ist - von den eher inwendigen Betrachtungen der »aufgeschriebenen Gedanken« in jenem Heft. An anderen Tagen wiederum unternahmen wir »Exkursionen«. Das bedeutete, dass wir uns an Orte und zu Menschen begaben, die zu irgendeinem Zeitpunkt für längere oder kürzere Zeit, manchmal nur für einen einzigen Tag, in Monas Leben eine Rolle gespielt haben.

Ich habe Hasim vieles gezeigt, wo ich gelebt oder gearbeitet habe. Wir sind in Kairo zum Beispiel zur Staatsbank gegangen, in der ich noch gearbeitet hatte, als ich ihn kennenlernte, oder zu den Schulen, die ich zuvor besucht hatte. Manche dieser Exkursionen haben mir besonders viel Freude gemacht. Zum Beispiel, als wir noch einmal eine solche Schiffsfahrt auf dem Nil gemacht haben, wie ich sie an meinem achtzehnten Geburtstag mit meinen Freundinnen Safaa und Rania unternommen hatte. Es war fast genauso wie damals. Wieder waren Studenten auf dem Schiff und unterhielten sich über lauter Dinge, von denen ich nichts verstand, und wieder hatte einer von ihnen seinen Geburtstag gefeiert. Ich erlebte so meinen eigenen Geburtstag ein zweites Mal.

Um den Kern von Monas Gefühls- und Gedankenwelt zu erfassen, waren viele lange Gespräche und eben jene »Exkursionen« nötig. Doch beschreibt dieses Buch nicht etwa diesen gemeinsamen, gelegentlich mühsamen Weg zur authentischen Geschichte vom »Mädchen aus der Totenstadt«, sondern die Lebensgeschichte von Mona selbst. Sie aber hat auch unseren gemeinsamen Weg zu ihrer Biografie, wie sie schließlich Eingang in dieses Buch fand, als bedeutend empfunden. Jedenfalls bekannte die Einundzwanzigjährige am Ende dieser Arbeit in einem Interview gegenüber dem deutschen Fernsehjournalisten Niels Negendank:

Hasim und Madame Hoda haben mir gezeigt, dass ich für etwas gut bin. Ich habe alles, was in meinem Inneren vorging, auf den Tisch gelegt und mich selbst wie von außen betrachtet. Ich habe Mona sehr gut kennengelernt. Ich habe versteckte Sachen über sie erfahren, die ich nicht wusste. Ich habe die wahre Mona kennengelernt!
Gerhard Haase-Hindenberg
Seit jenem Tag weiß ich, wo ich lebe

Es war einer dieser Tage, wie sie zwischen Juli und September die Regel sind, an denen die Luft brütend heiß über der Gräberstadt flirrt. Selbst vom nahen Mokattam-Berg war kein kühlender Wind zu erwarten. Die staubigen Wege zwischen den Stelen der einfachen Begräbnisstätten und den hohen Mauern der Grabhöfe vermögenderer Familien waren nahezu menschenleer. Kaum einer machte sich in diesen Wochen von Downtown Kairo aus oder von den vornehmen Stadtvierteln westlich des Nils auf den Weg, um den Ahnen einen Besuch abzustatten. Und die Gemeinschaft derer, welche hier draußen in beengten Räumlichkeiten über den Mausoleen eine Wohnstatt gefunden haben, mutierte in den letzten Jahrzehnten zu einer Zweiklassengesellschaft. Dividiert in Familien, deren Hof an die allgemeine Wasserversorgung angeschlossen ist, und solche, die jenes lebensnotwendige Gut in großen Tonkrügen von oft weit entfernten Brunnen holen müssen.
Es war wenige Wochen vor Monas achtzehntem Geburtstag, als sie ihre Mutter und fünf ihrer damals sechs Geschwister zu den Großeltern begleiten musste, die zwei Straßen weiter wohnten. Dorthin, wo den beiden alten Leuten von einem Torabi, einem Grabmeister, ein kleiner, dunkler Raum über einem Grab zugewiesen worden war, nachdem sie vor drei Jahren aus jenem geräumigeren Grabhof vertrieben worden waren, in welchem sie Jahrzehnte gelebt hatten.
Niemand hatte mir gesagt, weshalb wir an diesem heißen Tag alle zusammen meine Großeltern besuchen mussten. Mein Bruder Emad war nicht dabei, weil er kurz zuvor eine Arbeit in einer Autowerkstatt gefunden hatte, und Samah war noch nicht geboren. Trotzdem ist es dort sehr eng gewesen. Normalerweise kommt die Großmutter immer zu uns, denn schließlich haben wir im Haus mehr Platz. Aber meistens sitzen wir draußen. Wahrscheinlich besucht sie uns immer dann, wenn sie mal für eine kleine Weile von meinem Gedi (Opa) wegkommen will. Der hat nämlich ständig etwas an ihr auszusetzen. Aber das würde meine Teta (Großmutter) natürlich nie sagen.
Früher war ich nur selten mit meinen Geschwistern zu den Großeltern geschickt worden. Dann aber war unsere Mutter nie dabei. Und jedes Mal, wenn wir wieder nach Hause kamen, hatten wir ein Geschwisterchen mehr.
Nach einer Stunde oder etwas länger hatte ich es an diesem Tag dort nicht mehr ausgehalten. Meine Schwester Sabrin quasselte die ganze Zeit, und weil mein Gedi schwerhörig ist, fragte er dauernd nach. Sabrin wurde immer lauter, und der kleine Karim begann zu schreien. Er war ja noch ein Baby. Meine jüngste Schwester Aya stritt sich mit Mahmoud. Der ist nur ein Jahr älter als sie, aber er spielte sich als ihr Beschützer auf. Dabei musste sie in dem Zimmer meiner Großeltern gar nicht beschützt werden. Mahmoud wollte nur zeigen, dass er was zu sagen hat, wie alle Jungen, die jüngere Schwestern haben. Die kleine freche Aya aber ließ sich das nicht gefallen. Dazwischen versuchte Hoda, meine zweitjüngere Schwester, ständig das lange graue Haar unserer Teta zu Zöpfen zu flechten. Aber die alte Frau wehrte sich. Schließlich setzte sie einfach das Kopftuch auf. Ich habe mich dann entschlossen, meine Tante Samira zu besuchen, die mit ihrer Familie wenige Straßenzüge entfernt wohnt. Nicht auf einem Grabhof, sondern in einem dieser dreistöckigen Häuser hinter der Moschee Imam Al-Shafi'i. Meine Mutter hatte nichts dagegen. Es ist immer nur mein Vater, der mir oft nicht erlaubt, zur Wohnung seiner Schwester zu gehen, und ich weiß nicht einmal, warum. Natürlich wollte Sabrin unbedingt mitkommen. Aber ihr Gequassel war es doch, weshalb ich von dort wegwollte. Und bei Tante Samira würde das ja auch so sein - ich kannte das von früheren Besuchen. Sabrin würde ihre schrille Stimme wieder höher und höher schrauben. Ich hätte dann keine Gelegenheit, meiner Tante, die ich mehr liebte als meine Mutter, all die Dinge zu erzählen, die mir auf dem Herzen lagen. Auch deshalb nicht, weil Sabrin es hinterher vor der ganzen Familie ausplaudern würde. Deshalb ging ich allein los ...

Das dünne Baumwollkleid klebte an Monas Körper, und der Schweiß lief ihr in schmalen Rinnsalen über das Gesicht. Der Mund des Mädchens war vollkommen ausgetrocknet, weshalb sie sich auf den eiskalten Karkadee, einem Malventee, freute, den sie bei Tante Samira bekommen würde. In deren Küche existierte nämlich der Luxus eines alten, ziemlich laut brummenden Kühlschranks.
Wie schon manches Mal zuvor, wenn Mona auf dem Weg zu einer ihrer zahlreichen Tanten und Onkel war, sah sie vor ihrem geistigen Auge jenes Schaubild, das einst ihre Lehrerin an die Tafel gemalt hatte. Es sollte helfen, den Schülern Verwandtschaftsverhältnisse zu erklären. Ganz oben auf dieser Tafel standen die Eltern, also Vater und Mutter. Darunter deren Geschwister, also Onkel und Tanten, dann deren Kinder und Enkel, die als Cousin und Cousine sowie als Großcousin und Großcousine bezeichnet wurden. Es gab dann noch die Verwandtschaftsbeziehungen von Nichten und Neffen, von Schwägerinnen und Schwägern - aber damit waren seinerzeit die meisten Kinder, die in der Gräberstadt Imam Al-Shafi'i aufwuchsen, schon hoffnungslos überfordert. Und bald war es die Lehrerin auch. Denn eine mehrfache Doppelung solcher Verwandtschaftsverhältnisse, wie hier draußen in der Totenstadt durchaus üblich, kommt in der ihr vertrauten städtischen Umgebung von Downtown Kairo oder anderen innerstädtischen Vierteln kaum vor. Monas Vater Hamdi zum Beispiel hat seine Cousine Nassra geheiratet, und so ist Mona - die Tochter der Cousine ihres Vaters - zugleich ihre eigene Großcousine. Aber auch Nassras Bruder Mahmoud hat seine Cousine geehelicht, nämlich Hamdis Schwester Samira - jene Lieblingstante von Mona. Somit ist das Geschwisterpaar Hamdi und Samira ebenso miteinander verschwägert wie Nassra mit ihrem Bruder Mahmoud. Und Mona ist nicht nur die Nichte ihrer Tante Samira, sondern auch deren Großcousine. Wie immer, wenn Mona versucht, sich über diese sie verwirrenden Verwandtschaftsverhältnisse klar zu werden, begann ihr der Kopf zu brummen, und an diesem Tag trug dazu auch noch die fast unerträgliche Hitze bei. Gedankenverloren ging sie an dem um diese Zeit gut besuchten Khawa, einem arabischen Kaffeehaus, vorbei, ohne auf die ausschließlich männliche Kundschaft zu achten, von denen die meisten Mona mit Blicken verfolgten. Sie alle waren Bewohner von Grabhöfen oder lebten mit ihren Familien in den angrenzenden, meist dreigeschossigen Wohnhäusern. Ortsfremde sind in diesem Khawa nicht zu finden, auch wenn der große, elegant gekleidete Mann im Durchgang zur Tür so aussieht, als gehöre er nicht hierher. Hier draußen aber kennt jeder den Mann im dreiteiligen Anzug mit Krawatte, den alle »Professor« nennen. Denn diesen Titel trägt er, der schon sein ganzes Leben in einem Wohnhaus hinter der Moschee wohnt, zu Recht. Auch Mona hatte gehört, dass dieser Mann an der Universität in Kairo arbeite. Genaueres aber hat hier draußen nie jemanden interessiert, obgleich die Männer im Khawa stolz sind, dass es jemand aus ihrem Viertel so weit gebracht hat. Deshalb hören sie ihm gern zu, wenn er ihnen gelegentlich etwas über die Geschichte ihrer Gegend erzählt. Zum Beispiel die Legende, dass der Erste, den man in diesem Gebiet bestattet habe, Mokattam geheißen hätte -wie jener Berg einige Kilometer nördlich. Dieser Mann soll angeblich ein Enkel von Noah gewesen sein. Dabei lacht der Professor immer und sagt: »Da muss Noah aber sehr, sehr alt geworden sein, denn die ersten Grabstätten sind hier bei uns erst seit dem 9. Jahrhundert überliefert. Das war das Jahrhundert, als Sheikh Imam Al-Shafi'i gestorben ist, der drüben in der Moschee bestattet wurde.«

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