Ich bin einer, der Kings Bücher im Alter von 11 Jahren kennengelernt hat, und damals alles von ihm verschlungen hat, was man kriegen konnte. Irgendwann musste ich feststellen, das mich King zunehmend mehr langweilte, und so lese ich seitdem nur noch alle paar Jahre ein Buch des angeblichen "Meister des Grauens".
"Das Mädchen" kaufte ich mir in der vorliegenden "Sparausgabe" für 3,99, was mal ein großes Lob an den Verlag verdient. In Zeiten, wo man zunehmend auf die wenigen Cents in der Tasche achten muss, und irgendwie alles teurer zu werden scheint, ist ein "Sparbuch" genau das richtige, und mit Ausnahme einer fehlenden Coverillustration stellt sich mir die Frage, wo der Verlag eigentlich wirklich gespart hat... Ein Beweis, das viele Bücher irrsinnig überteuert sind.
Doch nun zum Buch selbst: King, der normalerweise als wenig geistreicher Horrorautor den amerikanischen Vorstadthorror geprägt hat, in dem harmlose Gartenhecken und Wäschewrangler zu monströsen, satanischen Vernichtungsberserkern mutieren, hat sich in "Das Mädchen" dem wahren Horror zugewandt: Dem Wald. Im Wald ist es dunkel, im Wald knackt und raschelt es ununterbrochen, und die Schatten der Bäume könnten doch alles mögliche sein. Wer einmal nachts alleine im Wald ohne Taschenlampe spazieren war, und wirklich mal versucht hat, den regulären Weg zu verlassen, weiß wie unheimlich es werden kann. Im vorliegenden Roman bekommt das vor allem die neunjährige Trisha zu spüren, die eben mal kurz pinkeln war, Mutter und Bruder - in einer Auseinandersetzung vertieft - nicht bescheid sagt (bzw. nehmen diese sie garnicht wahr), und schon ist es passiert. Sie findet den Weg nicht mehr, und läuft fortan ziellos auf der Suche nach einem "Ausgang" durch den Wald, der lediglich natürliche Gefahren in sich birgt, die jedoch alleine in der Phantasie des Mädchens zu enormen Ungetümern avancieren. Dunkelheit, Stolperfallen, Mücken, Wespen, verendete Tiere, irgendwann geht der Proviant aus, die Folgen des Genusses unabgekochtes Wasser aus einem Bach zu trinken, und zu alledem Geräusche, die Trisha gerade Nachts heimsuchen, sorgen dafür, dass das Mädchen sich vorstellen muss, dass da irgendetwas ist, ein Ding lauert, obgleich die Vernunft sagt, dass sie sich alles nur einbildet. Doch gerade in der Einbildung liegt die Angst begründet, vor dem furchtbaren Ding, das einfach da sein muss. Unterstützung bei ihrem langen Marsch durch unwegsames Gelände erhält sie durch ihren Walkman (der einzige Kontakt zur Außenwelt), dessen Batterien jedoch zunehmend schwächer werden, und durch ihren imaginären Begleiter, Tom Gordon, einem Spieler der Red Sox, dessen Fan sie ist.
Sprachlich habe ich King selten in so grandioser Form erlebt. Ausführlich und Detailreich verwebt er die Spinnfäden im Wald zu einer glaubhaften Erzählung, die einige Stunden spannende Unterhaltung garantiert. Viele Kingfans mögen dieses Buch nicht, weil es kein typischer Kingroman ist. Ich persönlich halte King für stets dann am besten, wenn er Experimente wagt, die Pfade des amerikanisch kitschigen (und seit den 80ern überholten) Vorstadthorrors verlässt, um auch mal zu zeigen, das er auch auf literarisch hochwertigem Niveau packend unterhalten kann. Leider tut er das viel zu selten.