Am Freitag, den 1. November 1957, gegen 16.50 Uhr, wird die Besatzung des Funkstreifenwagens "Frank 40" (Modell Borgward-Isabella) vom 1. Polizeirevier in Frankfurt am Main zur Hausnummer 36 in die nahegelegene Stiftstrasse beordert. Das im dortigen Appartement 41 wohnhafte Fräulein Rosemarie Nitribitt, eigenen Angaben zufolge Mannequin, wurde seit einiger Zeit nicht mehr gesehen. Während sich vor der Wohnungstür die Milch- und Brötchenlieferungen von drei Tagen angesammelt haben, ist dahinter das leise Kläffen eines Pudels zu hören. Nachdem die beiden Polizeihauptwachtmeister Heinz Möller und Heinz Guvernator mit Hilfe eines Schlüsseldienstes in das Appartement gelangt sind, schlägt ihnen in der dunklen und überhitzten Wohnung Verwesungsgeruch entgegen. Vor dem Sofa im Wohnzimmer finden sie die Leiche einer jungen Frau, die aufgrund ihrer Liegezeit einen grässlichen Anblick bietet. Als der kriminalpolizeiliche Erkennungsdienst um 19.40 Uhr mit der Spurensicherung beginnt, war nicht nur ein Fenster geöffnet worden, sondern es hielt sich inzwischen auch ein wahres Spurenvernichtungskommando von über 20 Personen in der kleinen Wohnung auf. Die sofort durchgeführte Obduktion und spätere Tatrekonstruktion führen zum Ergebnis, dass Rosemarie Nitribitt ihren späteren Mörder gekannt, und in ihre Wohnung gelassen hat, wo er sie zuerst von hinten niedergeschlug und anschließend erwürgte. Neben Harald von Bohlen, Halbach, Harald Quandt und Gunter Sachs geraten zunächst noch andere Angehörige der bundesrepublikanischen "Haute volée" als einstige "Bekannte" der Ermordeten unter Tatverdacht. Die Massenmedien haben ihren Gesellschaftskandal. Der genaue Todezeitpunkt lässt sich nicht mehr feststellen, so dass der angeklagte Handelsvertreter Heinz Pohlmann schließlich im Juli 1960 aufgrund des rechtstaatlichen Prinzips "in dubio pro reo" vom Schwurgericht freigesprochen wird....
....bereits zwei Jahre zuvor, im Juni 1958, Rosemarie Nitribitt befindet sich gerade 6 Monate unter der Erde, kommt der unter der Regie von Rolf Thiele und nach einem Drehbuch von Erich Kuby produzierte Film "Das Mädchen Rosemarie" in die westdeutschen Kinos. Der 101 Minuten lange Streifen mit der 29jährigen Nadja Tiller in der Hauptrolle wurde nicht zuletzt deshalb so schnell produziert, weil die kriminalpolizeilichen Ermitlungen gegen Mitglieder der "besseren Gesellschaft" noch andauern. In einer Nachkriegszeit mit beginnendem Wirtschaftswunder, in der Pornographie verboten, Homosexualität und Kuppelei noch unter Strafe gestellt sind, bietet der Mord an einer Prostituierten, die einen prominenten Kundenkreis unterhielt, das voyeuristisches Spektakel, nach dem die erotomanische Bigotterie der Adenauerära geradezu lechzt....
....38 1/2 Jahre danach, am 13.12.1996 strahlt SAT1 die TV-Uraufführung von Bernd Eichingers gleichnamigem, 135minütigem Remake aus. Die Hauptrolle spielt die noch unbekannte, 21jährige Schauspielschülerin Nina Hoss. Die Entourage kann auch diesmal mit zahlreichen bekannten deutschen Schauspielern aufwarten. In vier Jahrzehnten hat sich die gesellschaftliche Moral jedoch derart liberalisiert, dass sich Regisseur und die Akteure über Tillers "propere Laszivität" hinaus, der bereits von "AllertCron" beschriebenen Stilmitteln bedienen können. Obgleich das Publikum des mittlerweile wiedervereinten Deutschlands diesbezüglich bereits gesättigt scheint, kommt die Neuverfilmung, vor allem die Darbietungen der Hauptdarstellerin weitaus frivoler und nackter daher. Ein besonderes Indiz für den liberalen Zeitgeist bietet die "Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft" (FSK) von der beide Filme ab einem Alter von 12 Jahren freigegeben wurden.
Vom eingangs geschilderten Kriminalfall, samt seiner schockierenden Anblicke bekommt der Zuschauer ebebsowenig zu sehen, wie vom anschließenden Gerichtsprozess. Auch die moralische Atmosphäre der späten 1950er ist verloren gegangen. Dennoch sind es neben der überzeugenden schauspielerischen Leistung von Nina Hoss, vor allem die zusammengetragenen "Kleinodien", die dem Remake den Charakter eines nostalgischen Tauchgangs verleihen: Geparkte und vorbeifahrende Vehikel wie ein Messerschmitt Kabinenroller oder eine BMW Isetta, Straßenschilder, Kindwagen, Bekleidung, Wohnungseinrichtung und eine Vielzahl weiterer kleiner Details, wie z. B. Wandposter des Jugendmagazins Bravo.
Bei der Filmhandlung hat man sich gegenüber den historischen Tatsachen jedoch großer Freiräume bedient. Hierzu einige Beispiele: Die Namen ihrer Bekannten sind durchweg fiktiv. Fräulein Nitribitt, wie man damals alleinstehende junge Frauen nannte, wohnte zuletzt nicht in einer Mietskaserne, sondern in einem nobelen Appartement mit Fussbodenheizung in der Nähe des Eschenheimer Tors am Nordrand der Frankfurter Innenstadt. Von einem Kunden bekam mit einem Opel Kapitän zwar eine Luxuskarosse geschenkt, das Daimler Benz 190 SL Caprio bestellte und bezahlte sie jedoch selbst. Entgegen dem Film war es nicht rot, sondern schwarz und hatte eine rote Lederpolsterung. Bei den Nummernschildern ist sogar ein doppelter Fehler unterlaufen. Mit weißer Schrift auf schwarzem Grund lautete es tatsächlich "H70-6425" und war kein Kennzeichen der Stadt Essen mit schwarzer Schrift auf weissem Grund. Das Vorhandensein von Tonbandaufnahmen basieren jedoch auf einem Gerücht, das bereits in den 1958er Film Eingang fand, wonach die Protagonistin mit Wirtschaftsspionage und Erpressung eine zweite Einnahmequelle betrieben habe.
Nina Hoss verkörpert die Geschäftstüchtigkeit, aber auch die tiefe Sehnsucht nach Normalität, im Leben einer sozial getrauchelten, jungen Frau die von der feinen Gesellschaft zwar gerne benutzt, jedoch ausgeschlossen und schließlich fallen gelassen wird. Ebenso überzeugend ist Mathieu Carrière als zunächst charmanter Franzose Fribert, der seine Maske jedoch fallen lässt, um seine wahren, skrupellosen Absichten zu offenbaren....
Die sehenswerte nostalgische Fallstudie ist mit 4 Amazonsternen zu bewerten.