Klar ist, dass die Neuverfilmung von Bernd Eichinger einiges zu bieten hat, was in der 58'er-Fassung mit Nadia Tiller so noch nicht möglich war: Die emotionale Schwermut, mit der Nina Hoss die Rolle der Nitribitt im Kampf um ihre "große Liebe", den Industrieadeligen Hartog, kämpfen lässt und ihr somit die Weihen einer melodramatischen Figur verleiht, hätte man in der immer noch sehr disziplinierten Zeit von '58 wahrscheinlich als unpassend empfunden; ebenso wie die für heutige Zuschauer (gerade bei dem Thema!) unerlässliche Prise Erotik ( = einmal freie Aussicht auf den Bär von Frau Hoss). Den deutlichsten Unterschied macht natürlich die FARBE bei der Neufassung aus - Eichingers Rosemarie darf ihrem Gewerbe in dem knalligen Rot, welches diese so oft auszeichnet, nachgehen - egal ob der Lippenstift, der Lackmantel oder der geschenkte Mercedes, und das hat für die Wahrnehmung eines optischen Mediums, wie es der Film nun mal ist, eine nicht von der Hand zu weisende Relevanz; Nadia Tiller musste sich noch damit begnügen, sich gelegentlich in einem schwarzen, mit Goldbrokat benähtem Body auf dem Sofa ihres Gästezimmers zu räkeln, damit im Rahmen der auf Graustufen reduzierten Farbgebung der Inszenierung ihrer Figur noch etwas Glamour abzuringen war.
Trotzdem kann die Schwarz-Weiss-Fassung von Rolf Thiele Stärken vorweisen, derer sich die Eichinger-Version komplett entledigt hat: Sehr überrascht war ich zum Beispiel über die geradezu brecht'sche Inszenierung der Handlung, die bisweilen zu einer Überspitzung der Situationskomik führt, die ans satirische grenzt - mit den für Brecht eben typischen Stilmitteln, zum Beispiel sehr gelungen adaptierten Lieder und Gedichten, die die Rahmenhandlung immer wieder auflockern, aber auch dazu dienen, den ansonsten unausgesprochen bleibenden himmelhohen Unterschied der (auch in dieser Geschichte) aufeinander prallenden Klassen zu illustrieren. Beispiel gefällig?
Was die Augen versprechen
Das ist nicht immer wahr,
Denn das Geld und die Liebe
Sind nur selten ein Paar.
Schlug die Spieluhr des Lebens
Auch schon längst eure Zeit -
Ihr, ihr wollt es nicht glauben,
Weil ihr Halb-Schwache seid...
Männer, so wie ihr,
Die sind fad' wie schales Bier
Denn ihr löscht nicht das Verlangen einer Frau.
Das, was ihr erweckt
Schmeckt so lau wie warmer Sekt;
Nicht die Haare nur, auch euer Herz ist grau...
(Eine Prostituierte in einer Bar über den Club der Industriellen)
oder
Dies Kind, meine Herrn,
Das heisst Rosemarie!
Die schob schon sehr früh
Ihren Rock über's Knie!
"Hoppla, mein Herr! Ich bin so frei - wie wär's denn?" -
"Wie schade Kind, der kriegt erst Geld am Ersten!"
Ein Kind uns'rer Zeit
So wie Rosemarie,
Die versteht sehr, sehr viel
Von der Geometrie!
"Wenn Du lernen willst, mein Lieber, komm und zahle!
Ich zeig' Dir dafür die Horizontale!"
Was sie treibt, was sie treibt - was sie weiss, was sie weiss,
Das macht heiss, das macht heiss - jeden Mann!
Sie ist ein Schoßkind der Natur -
Was man sehr wörtlich nehmen kann!
Und wer von den Herrn sie besessen
Wird sie niemals wieder vergessen!
(Rosemarie wird im Hinterhof des Kongresszentrums der Industriellen von ihren Luden angepriesen)
Abgerundet wird diese Darstellung zudem durch eine zusätzliche Überspitzung der Inszenierung, beispielsweise, wenn die Chauffeure der Industriellen im Parkdeck des Kongresszentrums die Türen ihrer Mercedesse mit der abgestimmten Präzision eines Uhrwerks hintereinander zuschlagen, und dadurch, dass viele Szenen stimmungsvoll mit einem elektronisch-experimentellen Soundtrack untermalt werden, der im besten Sinne als Avantgardistisch zu bezeichnen ist - und das ist für die Zeit, aus der der Film stammt, schon wirklich allerhand!
Die Eichinger-Neufassung reduziert diese im Original noch vorhandenen unruhigen Spitzen im Sinne eines möglichst gefälligen Fernsehspiels einfach weg - verloren geht damit natürlich auch die Schärfe der Kritik an den "oberen Zehntausend"; ein Regisseur wie Eichinger muss heute ebenso wahrscheinlich wie damals zu viele Klinken bei Schlipsträgern putzen, um diese wie seinerzeit Thiele zu den parasitären Witzfiguren stilisieren zu können, die sie in der Original-Fassung noch waren. Die einzige Belustigung, die die Herren im feinen Zwirn bei Eichinger noch erwecken, bleibt den Szenen vorbehalten, wo sich die Kronprinzen von Macht und Reichtum im Bett der Nitribitt über die Erbärmlichkeit ihres Lebens und die Gefühlskälte ihrer Frauen ausweinen dürfen - ansonsten werden sie bei Eichinger, nicht unsympathisch, eben als die edlen Angehörigen der wohlbetuchten Klasse dargestellt, die ja nichts dafür können, das sie (im Gegensatz zum Rest der Bevölkerung) reich geworden sind.
Dies kompensiert Eichinger, indem er zu Beginn des Filmes ein paar Schlaglichter auf den Werdegang der jugendlichen Rosemarie wirft (was Thiele, nah genug an der Zeit, wohl nicht brauchte); seine Rosemarie will sich nicht damit abfinden, dass die Reichen alleine allen Spaß auf Erden haben sollen - das ihrer sozialen Herkunft unangemessene Anspruchsdenken, sich ohne harte Arbeit modische Kleider und teure Kosmetik leisten zu können, führt sie beinahe "zwangsläufig" dazu, die Laufbahn einer Prostituierten-Karriere einzuschlagen, und entschuldigt somit diejenigen, die die Verhältnisse im Nachkriegsdeutschland so geordnet haben, dass sie von dem Lebenshunger solcher Protagonisten wie Rosemarie zu profitieren verstehen.
Abgesehen davon hält sich die Eichinger-Inszenierung in den relevanten Szenen an Thiele's Vorlage - zuweilen bis auf's Wort (z.B. "Wo sind die Bänder?" - "Weg. Deins auch." - "Meins!?" - "Ich dachte, ich könnte eines Tages auch eins von Dir brauchen! Du warst schliesslich nicht umsonst mein Lehrer." - "...pass auf! Da wo Du Dich jetzt hinbegibst, ist es glatt!").
Unter der Darsteller-Riege kann die Thiele-Inszenierung mit vielen Größen aus dem Nachkriegsdeutschland punkten, vor allem Mario Adorf, Gert Fröbe und in einer kleinen Nebenrolle sogar der noch bemerkenswert junge Horst Frank.
Aber auch die Eichinger-Truppe fährt (für deutsche Verhältnisse) zu Höchstleistungen auf: Nina Hoss erreicht mit vollem Körpereinsatz eine Qualität, deren Einsatzmöglichkeiten Nadja Tiller '58 natürlich verschlossen bleiben mussten und lässt ihre Vorgängerin so hinter sich; Heiner Lauterbach erfüllt mit einer seiner weniger lustlos gespielten Rollen die Anforderungen des wohlbetuchten Gentleman in fortgeschrittenem Alter, in den eine Frau sich romantisch verlieben kann - eine Fähigkeit, die Carl Raddatz dieser Figur nicht verleihen konnte (und '58 wohl auch nicht musste). Matthieu Carriére lässt mit seiner engagierten Darstellung des Fribert Peter Van Eyck weit hinter sich, Hannelore Elsner beweisst ihre schauspielerischen Qualitäten damit, dass sie das Klassenbewusstsein der Rolle von Hartogs einnehmender Schwester Marga in der '58er-Fassung mit einer Detailtreue rekonstruiert, über die man heute nur staunen kann; Katja Flint in ihrer kleinen Nebenrolle als Hartogs Verlobte ist dermaßen "verkleidet", dass man sie kaum wieder erkennt (kann man auch als schauspielerisches Können bezeichnen) und sogar Horst Krause ist dazu in der Lage, mit seinem Vorgänger in der Rolle des schwergewichtigen Großindustriellen Bruster, Gert Fröbe, mitzuhalten.
Alles in allem ist die Eichinger-Inszenierung sicherlich das unterhaltsamere Programm für den Zuschauer heutiger Tage - doch hat die ursprüngliche Fassung von '58 Qualitäten, aufgrund derer man sie nicht geringer schätzen bzw. aufgrund ihrer dem Zeitgeist ihrer Tage geschuldeten etwas biedereren Form nach Eichingers Remake nicht zum Alteisen entsorgen darf.