Und kurzweilige Unterhaltung ist "Das Mädchen aus Paris" in der Tat. Es hat sehr viel Spaß gemacht, dieses Buch zu lesen, und mit Ellen in die "Tiefen" Pariser Literaturzirkel und Männerkleidung tragender Literatinnen einzutauchen und mitzuerleben, wie sie allmählich die Liebe ihres Vaters gewinnt.
Ellen Paget ist eine engagierte junge Frau, die ihren Lebensunterhalt als Erzieherin in einem Brüsseler Internat, in dem sie selbst Schülerin gewesen ist, verdient. Sie hat einen wachen Verstand, den sie zu nutzen versteht und der ihr die Freundschaft Professor Bosschères einträgt, für den sie mehr als nur Freundschaft empfindet. Durch diese harmlose Liebelei, die der Leiterin des Internats nicht passt, muss Ellen mit ihrer Patentante nach Paris fahren. Dort soll sie nicht nur die gänzlich verzogene hyperaktive Menispe erziehen, die Tochter der Nichte ihrer Patentante, sondern gleichzeitig auch die Freundin von Louise, jener Nichte, werden, was gänzlich misslingt.
Im Endeffekt schafft es Aiken ihre Protagonistin in jede erdenkliche Schwierigkeiten zu bringen. Und wenn Ellens Verschwinden aus Brüssel schon wie eine überstürzte Entscheidung wirkt, wirkt ihr plötzlicher Aufbruch nach England wie eine Flucht. Doch erst in England schafft es Ellen anzuwenden und zu vervollkommnen, was sie gelernt hat. Sie gewinnt Zugang zu ihrer kleinen Halbschwester, Vicky, die sie an Menispe erinnert, erkennt, in welch einem Dilemma ihr Bruder steckt und welches Los ihre zwei Schwestern mit ihren Ehemännern gezogen haben. Ellen verliert jedoch ihr Ziel nicht aus den Augen und beginnt auch ihren Vater zu verstehen und Liebe und Mitleid für ihn zu empfinden.
Wirklich spannende Momente gibt es in dem Buch nur wenige, dafür eine Reihe von kleineren an den jeweils richtigen Stellen. Erfreulich ist, dass Ellen Paget in den drei Episoden des Buches von einer jungen Frau, die sich vorbehaltlos in die Entscheidungen, die andere für sie treffen, fügt zu einer selbstständigen Frau entwickelt, die in der Lage ist, nicht nur Entscheidungen zu treffen, sondern auch Risiken einzugehen und sich nicht scheut, um Hilfe zu bitten, selbst bei Menschen, mit denen sie Probleme hat.
Dürftig ist die "Romanze", die ich nicht gerne als Romanze bezeichnen möchte. Von Emotionen zwischen beiden ahnt der Leser nicht das geringste, nur dass "Er" sich mindestens einmal in "Ihr" Leben einmischt. Dass beide sich lieben, kommt für den Leser sehr plötzlich und ohne Vorankündigung, darum ein Sternchen Abzug. Es scheint, als wäre die Romanze nur eingefügt worden, um Ellen am Ende nicht gänzlich alleine dastehen zu lassen. Das Ende ist meines Erachtens nach ebenso dürftig und lässt zu viele Fragen offen. Zudem fehlte mir eine letzte Auseinandersetzung zwischen Ellen und der Haushälterin ihres Vaters.
Dennoch ein schönes Lesevergnügen. Aiken versteht es, den Ton der Zeit einzufangen und ein lebendiges Bild der jener Epoche zu kreieren. Sie bleibt dabei nicht an den gehobenen Kreisen hängen, sondern lässt den Leser auch in die Lebensverhältnisse der unteren Schichten einen Blick erhaschen.