Der größte Wunsch der Hebamme Helena Fechtner ist es, Medizin an der Universität zu studieren. 1802 ist diese Möglichkeit für Frauen aber nahezu undenkbar. Vielmehr soll sie den Sohn des Medikus aus Wernigerode heiraten. Als dieser mal wieder grob zu ihr ist, flieht sie Hals über Kopf. Auf dem Weg nach Halle wird sie Zeugin eines Unfalls, bei dem die Fürstäbtissin des Damenstifts aus Quedlinburg um ihr Leben kämpft. Helena greift selbstlos ein und aus Dankbarkeit bietet die Äbtissin ihr eine Ausbildung bei ihrem doch recht hochmütigen Leibarzt an. Nur schwer gewöhnt sich Helena an den barschen Ton des Arztes.
Sina Beerwald ist es auch in ihrem vierten historischen Roman gelungen, ein farbenprächtiges Bild vergangener Zeiten zu zeichnen. Das beginnende 19. Jahrhundert war sowohl politisch als auch gesellschaftlich vom Umbruch geprägt. Die Protagonistin Helena möchte nach dem Tod ihrer Familie durch die Blattern unbedingt eine Medizin zur Heilung entwickeln. Sie hat auch bereits eine Idee, welcher Stoff helfen würde. Die seinerzeit vorherrschende Meinung über Frauen lässt sie jedoch immer wieder scheitern. Diese gesellschaftliche Stellung hat die Autorin eindringlich geschildert. Den liebevoll gestalteten Charakteren verleiht sie Ecken und Kanten, sodass sie authentisch in ihrem Handeln wirken. Der Leibarzt Äskulap bietet hier aus heutiger Sicht eine unglaublich rüde Plattform, die andersherum auch einige humorvolle Dialoge hervorbringt. Dennoch wirken seine Äußerungen nie überzogen.
Weitere Themen, die am Rande mit einfließen sind beispielsweise die politische Lage Europas unter den Angriffen Napoleons. Die Fürstäbtissin Sophie Albertine war eine Cousine von Friedrich II, der ihr immer wieder die Auflösung des Damenstiftes wegen finanzieller Unterstützung des Krieges androhte. Das Damenstift bot vielen adeligen Frauen ein Zuhause. Ihre Familien nutzten diese Möglichkeit, eine vielleicht derzeitig schlechte Partie später besser verheiraten zu können, oder eben nicht mehr im direkten Kontakt zu haben. All diese Aspekte werden in diesem Roman zu einem Strang verknüpft, der die historische Zeit näher bringt. Die ausführliche Recherche zu den Themen, die geschickte Mischung von historisch belegten und fiktiven Personen und nicht zuletzt der gewohnt flüssige Schreibstil machen es fast unmöglich, das Buch wieder aus der Hand zu legen.