Wenn es ein Buch gibt, dass jeder Jugendliche auf der Welt mindestens einmal gelesen haben sollte, dann ist das mit Sicherheit das erstmals im Jahre 1947 unter dem Titel "Het Achterhuis" veröffentlichte Tagebuch der Anne Frank, eines damals 14jährigen jüdischen Mädchens, das zusammen mit seiner Familie und einigen anderen Personen "untertauchte", um der drohenden Festnahme durch die Nazis zu entgehen.
Nachdem ich dieses wunderbare, schreckliche Buch mehrere Male gelesen habe, fiel mir vor einiger Zeit dann das Buch von Melissa Müller in die Hände. Den Namen der Autorin kannte ich schon von ihrem Buch über Hitlers Privatsekretärin Traudl Junge, das zu der Zeit einige Fuore machte. Im Klappentext wurden mir einige neue biographische Fakten über Anne, ihre Familie und die anderen Hinterhausbewohner sowie Annes Zeit in diversen Duchgangslagern bis hin zu Bergen-Belsen, wo sie ihren viel zu frühen Tod fand, versprochen. Was aber mein Interesse vorwiegend weckte, waren angekündigte Passagen des Tagebuchs, die vor der Erstveröffentlichung von Annes Vater Otto Frank entweder verändert oder ganz gestrichen worden waren - das überraschte mich doch ziemlich, hatte ich doch geglaubt, dass Annes Gedanken im Original veröffentlicht worden waren. Ich machte mich also mit Neugier an das Buch, und diese Neugier wurde belohnt. Aber dazu später :-)
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Eine kurze Geschichte von Anne und ihrem Tagebuch
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Für alle, die das "Tagebuch" nicht gelesen haben und nicht besonders viel über Anne Frank wissen (ich hoffe mal, es sind wenige), werde ich hier noch einmal einen kurzen Abriss der Geschehenisse liefern:
Annelies Marie Frank wird 1929 in Frankfurt am Main als Tochter von Otto und Edith Frank geboren. Ihre große Schwester Margot ist zu diesem Zeitpunkt 3 Jahre alt. Die Kindheit der beiden ist zunächst glücklich. Bankier Otto versorgt seine kleine Familie, Mutter Edith kümmert sich um den Haushalt. Doch mit der Machtübernahme der Nazis und dem anschwellenden Hass gegen die jüdische Bevölkerung wird das Leben in Deutschland für die Franks immer beschwerlicher. Bald wird über Flucht ins Ausland nachgedacht. Als Otto Frank eine Arbeit in Amsterdam angeboten wird, zögert er nicht länger. Er will sich zunächst dort etablieren und seine Familie später nachholen. Diese kommt zunächst bei der Großmutter in Aachen unter (in unmittelbarer Nähe zur Grenze eben, für den Notfall) und folgt Otto 1934 nach Holland. Margot und Anne haben sich schnell mit dem Leben dort arangiert und fühlen sich schon bald völlig als Niederländerinnen.
Doch die Franks haben nicht mit der Eroberungswut des Naziregimes gerechnet, und mit der Eroberung der Niederlande 1940 sind sie auch dort ihres Lebens nicht mehr sicher. Schnell wird auch die jüdische Bevölkerung in Holland schikaniert und verfolgt.
Trotz allem jedoch entwickelt sich Anne zu einem selbstbewußten, beliebten und energiegeladenen Mädchen, das besonders durch seine schon früh auftretenden schriftstellerischen Neigungen auffällt. Als sie von ihrem geliebten Papa "Pim" zu ihrem 13. Geburtstag ein Tagebuch erhält, ist das für sie der Himmel auf Erden, und bald sollten nur wenige Tage vergehen, an denen sie ihrem Tagebuch nichts anvertraut. Ich werde, hoffe ich, dir alles anvertrauen können, (...) und ich hoffe, du wirst mir eine große Stütze sein."
- so lautet ihr erster Eintrag. Sie ahnte noch nicht, wie wahr diese Zeilen bald werden sollten.
Denn der 5. Juli 1942 bildet einen schrecklichen Wendepunkt in Annes sorglosem Teenagerleben: Ihre Schwester Margot erhält einen Aufruf; sie soll in ein Arbeitslager nach Deutschland gebracht werden. Jeder wußte natürlich, was das bedeutet: Konzentrationslager.
Doch Otto Frank hat vorgesorgt: Im geheimen Hinterhaus seines Betriebes war von ihm und seinen holländischen Freunden Miep Gies, Viktor Kugler, Johannes Kleiman und Bep Voskuijl ein Versteck eingerichtet worden, das seine Familie vor der Verhaftung durch die Nazis schützen sollte. In einer Nacht- und Nebelaktion ziehen die Franks zusammen mit dem Ehepaar van Pels und deren Sohn Peter ins Hinterhaus ein, später kommt noch der Zahnarzt Fritz Pfeffer dazu, den Anne nicht leiden konnte und im Tagebuch frech nur als "Dussel" tituliert.
Über zwei Jahre gelingt es den Untergetauchten, durch ausgeklügelte Tagesabläufe und die Hilfe ihrer holländischen Freunde, unentdeckt zu bleiben. 1944, kurz vor Kriegsende, werden die Franks und ihre Mitbewohner jedoch verraten. Sie werden verhaftet und ins Durchgangslager Westerbork gebracht. Von dort aus kommt die Familie zunächst ins Lager Auschwitz, wo sie getrennt wird. Anne und Margot werden schließlich ins KZ Bergen-Belsen überstellt, wo sie, durch Hunger, Kälte und Krankheit geschwächt, kurze Zeit hintereinander sterben. Anne wurde 15 Jahre alt. Wer die Familien Frank und van Pels verraten hat, ist bis heute unbekannt.
Otto Frank sollte das einzige Familienmitglied sein, das den Krieg überlebte. Sein erster Weg nach der Freilassung führt ihn zu Miep Gies, die ihm das Tagebuch seiner jüngsten Tochter überreicht - sie hatte es nach der Razzia im Versteck gefunden und an sich genommen. Otto Frank entschließt sich schließlich, das Vermächtnis seiner Tochter an die Öffentlichkeit zu bringen. Der Rest ist, wie man so sagt, Geschichte.
Meine Meinung zum Buch -auf einen einfachen Nenner gebracht - bei diesem Titel handelt es sich bei aller Tragik der Ereignisse um ein fesselnd geschriebenes Sachbuch, dass einige neue Fakten auf den Tisch bringt, dabei aber auch durch sensibel erzählte Parts besticht. Die Familie Frank bleibt für den Leser nicht abstrakt, sondern die einzelnen Mitglieder und auch die Anderen "Untergetauchten" werden für den Leser greifbar - auch anhand des Bildmaterials, das in dem Buch zu finden ist und von Familenfotos über amtliche Dokumente und kopierte Seiten aus Annes Tagebuch recht viel umfaßt. Viel von dem Fotomaterial ist auch auf der (übrigens hervorragenden) Website des Anne Frank Hauses (www.annefrank.org) zu finden, die auf jeden Fall einen Blick lohnt.
Auch das versprochene Zusatzmaterial enttäuscht nicht. Besonders tragisch ist hier die Beschreibung von Anne's weiterem Schicksal - Müller konnte dazu Interviews mit damaligen Mitgefangenen führen, deren Aussagen jedoch manchmal ein wenig auseinander gehen - wahlweise wird Anne so beschrieben, wie man sie sich anhand ihrer Aufzeichnungen vorstellt - ein fröhliches, selbstbewußtes Mädchen, dass seinen Leidensgenossinen auch in der größten Not Mut zu machen versteht - ein wahrscheinlich eher idealisiertes Bild - oder auch verängstigt, schwach, vom Hunger gezeichnet, kahlgeschoren - wie es wohl eher der Wirklichkeit entsprochen haben mag.
Insgesamt ist das Buch, beginnend mit der Festnahme der Franks, in 10 Kapitel aufgeteilt und enthält außerdem ein Nachwort von Miep Gies, einer der Helferinnen der Franks, die bald zur Vertrauten von Anne wurde. Ferner findet man einen ausführlichen Stammbaum der Familien Frank und Hollaender (Familie der Mutter).
Sehr interessant sind vor allem auch die verwendeten Interviews mit Zeitzeugen, die am Rande in Annes Tagebuch auftauchen und deren weiteres Schicksal von Müller noch weiter verfolgt wird; beispielweise Annes erste Liebe Hello Silberberg, dem auf abenteuerliche Weise die Flucht aus Nazideutschland gelang; oder Annes bester Schulfreundin Jacqueline van Maarsen, die selber ein vielbeachtetes Buch über ihre Beziehung zu Anne geschrieben hat
Ich persönlich konnte das Buch einfach nicht aus der Hand legen und habe es doch in recht kurzer Zeit durchgelesen, was bei Sachbüchern ja tendenziell eher selten ist. Dieses Buch hier ist allerdings so ergreifend und spannend geschrieben, dass es auch ausschließliche Romanfreunde interessieren dürfte.
Ich kann nur jedem ans Herz legen, dieses Buch begleitend zu Annes Tagebuch zu lesen, wobei ich ich insbesondere Schüler ansprechen möchte, die das Thema Nationalsozialismus und Holocaust vielleicht gerade im Unterricht durchnehmen. Ihr werdet nicht nur einige interessante uns spannende Hintergrundinformationen über Annes Leben gewinnen können, sondern auch massenhaft Stoff für Referate; für deren Vorbereitung sich dieses Buch meiner Meinung nach ebenfalls gut eignet, da es neben aller Faktenfülle nicht sehr schwer lesbar ist.