Gerade gekauft, über Nacht und Tag gelesen: ein irres Buch. Es ist erst einmal ein extrem spannender und perfekt komponierter Thriller mit einem Schluss, der sich gewaschen hat. Ein außergewöhnlicher literarischer Held: Sebastian Zacharias, der in russischer Kriegsgefangenschaft zum Bolschewiken wird und dann auch zum Mitarbeiter der russischen Geheimpolizei Tscheka. Er wird unvermeidlich in deren Verbrechen verstrickt, bei der Bekämpfung der Konterrevolution oder dem, was die Bolschewiki dafür halten, und bei der gewaltsamen Beschaffung von Nahrungsmitteln für die hungernden Städte.
Schon im russischen Kriegsgefangenenlager hatte Zacharias Ernst Reuter kennen gelernt - ja, den späteren Regierenden Bürgermeister von Westberlin. Der wurde 1918 Volkskommissar des deutschen Wolgagebiets, ging dann nach Berlin als Leiter der Berliner KPD-Organisation und war ein bedeutender Vertreter des ultralinken Flügels der Kommunisten.
Lenin und Feliks Dserschinski, Leiter der Tscheka und Ex-Genosse Rosa Luxemburgs, schicken bald auch Zacharias nach Berlin. Sein Auftrag: Über Rosa Luxemburg wachen, auch in dem Sinn, nach Moskau zu berichten, was sie vorhat.
Bald entdeckt Moskau, dass Luxemburg unter Revolution und Sozialismus etwas anderes versteht als Diktatur und Zentralismus. Als mehr durch einen Zufall die Revolution in Berlin ausbricht im März 1919, da wird schnell klar, dass die Dinge in Deutschland anders laufen als in Russland. Während sich die Bolschewiki bemühen, das selbst verursachte Chaos mit Terror zu ersticken, besteht Luxemburg darauf, die Arbeiter zu überzeugen und an der Macht teilhaben zu lassen. Reuter ist der Kopf der "Leninfraktion" in der deutschen KP, auch Zacharias erhält von Moskauer Boten, wie dem superfinsteren Bronski, den Auftrag, Luxemburg auszuschalten. Es beginnt ein Kampf um Leben und Tod. Mehr wird nicht verraten.
Das Buch ist aber nicht nur ein Thriller, sondern der Leser erfährt ungemein viel über die Auseinandersetzungen und Schwierigkeiten des Jahres 1919, in dem in Deutschland die Weichen gestellt wurden in Richtung 1933 und 1939, dem Machtantritt der Nazis und der Entfesselung des Zweiten Weltkriegs. Ich finde das Buch noch intensiver als die ausgezeichneten Ditfurth'schen Vorgänger "Der 21. Juli" und der "Consul".