Marcelo Figueras: Das Lied von Leben und Tod
Teo, ein Mann von riesenhaftem Wuchs, ist in den Wäldern Patagoniens auf der Flucht vor einem Wolf, dem Lupus fabulus. Als er sich auf einen Baum retten kann, muss er feststellen, dass dieser Wolf in lateinischer Sprache zu ihm spricht. Wenig später findet sich an des Wolfes Stelle eine Frau wieder und Teo ist sich sicher, dass es sich bei dem sprechenden Wolf um eine Halluzination gehandelt haben muss. Er lernt nun diese Frau namens Pat näher kennen, die im Argentinien des Jahres 1984 vor ihrem Mann, einem hohen Militär, in die Berge Patagoniens geflohen ist. Pat hat sich in einem nahe gelegenen Dorf mit ihrer Tochter Miranda niedergelassen, denn der Vater will die Tochter zu sich holen. Es entspinnt sich eine zarte Liebesgeschichte zwischen Teo und Pat. Doch allmählich beginnt Teo zu Recht an Pats Geschichte zu zweifeln: Ist Mirandas Vater wirklich tot, wie sie behauptet? Und wovor ist Pat dann eigentlich auf der Flucht? Das Militärregime Peróns ist seit drei Jahren zu Ende und auch wenn die Nachwehen in Argentinien noch spürbar sind, gibt es eigentlich keinen Grund zu fliehen.
Marcelo Figueras hat sich mit diesem prallen und sinnlichen Roman voll überbordender Fantasie eindeutig der südamerikanischen Erzähltradition des magischen Realismus verpflichtet. Das Lied von Leben und Tod" ist ein farbenfroher und zutiefst menschlicher Roman, der durch eine märchenhafte Fabulierkunst und seine gleichzeitig ungeschminkten Darstellung der brutalen Wirklichkeit Argentiniens besticht. Der Autor entfaltet mit Herz und grandiosem Erzähltalent ein sinnliches und barockes Panorama des Lebens, in dem sich der Leser lustvoll verlieren kann. Es gibt sehr viele Andeutungen und Verweise auf Literatur, Musik, Politik und Zeitgeschehen und dadurch gibt es leider so manche Stellen, die den Leser etwas überfordern. Der Überblick geht stellenweise verloren und so entsteht Leerlauf. Auch wirken viele Rand - und Nebenfiguren etwas blass und eindimensional. Dennoch kann man sich getrost auf diesen Roman einlassen, sich den Rätsel hingeben, da die Auflösung am Schluss sehr überraschend und völlig unerwartet daherkommt.
Das Lied von Leben und Tod" ist ein Text, der leichtfüßig erzählt; ein Schelmenroman, der auch als ein kritisches Vexierbild des heutigen Lateinamerika verstanden werden kann.