Ein schon jetzt sehr interessanter Roman. Deswegen "schon jetzt", weil er ja noch nicht fertig ist. Ähnlich wie bei Harry Potter, nur noch um einiges langsamer, steht die Zahl der Einzelbände schon fest, nur bis sie mal erscheinen, vergehen viele Jahre. Im Moment haben wir 8 davon, und insgesamt 12 sollen es werden. Wobei der hiesige Verlag aus einem englischen Original immer zwei Bücher macht. Damit lässt sich mehr Geld einnehmen, was ich zwar nicht wirklich toll finde, aber ich werde deswegen keinen Stern abziehen, keine Sorge.
Zur Geschichte ist schon so viel gesagt worden, dass ich da nichts Neues beisteuern kann. Aber ich versuche es trotzdem.
Der Winter steht bevor. In dieser Welt dauern Sommer und Winter immer mehrere Jahre, insofern ist es ganz gut, wenn man beginnt, sich ein paar Vorräte anzulegen. Allerdings hat das Land erst mal andere Probleme.
Es beginnt auf einer Lokalfürsten-Burg, wo Eddard Stark an den Königshof berufen wird, um dort wichtige Aufgaben zu übernehmen. Also geht er mit seiner Familie in die Hauptstadt und gerät in eine Intrige, die dem König und noch vielen anderen das Leben kostet. Die Familie Stark wird in alle Winde verstreut, und jedes Mitglied muss sich auf seine eigene Weise durchbeissen.
Es folgt ein erbitterter Krieg, denn viele Leute fühlen sich berufen, die Nachfolge des Königs anzutreten. Imitten dieses Kuddelmuddels wird leider übersehen, dass sich im ewigen Schnee des Nordens eine Armee, bestehend aus blauäugigen Untoten formiert.
Und dann ist da noch die Geschichte von Daenerys, einer Exil-Prinzessin, deren Vater mal der König war, bis er wegen Wahnsinns abgesetzt wurde. Daenerys wird auf einem anderen Kontinent von ihrem Bruder, der ebenso wie Daddy nicht mehr alle Latten im Zaun hat, an einen Dschingis-Khan-Verschnitt (Khal Drogo) verkauft, damit dieser ihm helfen möge, den Thron seines Vaters zurückzuerobern. Als Hochzeitsgeschenk gibt es drei Dracheneier. Doch bis man herausfindet, wie daraus Drachen schlüpfen, muss so einiges passieren.
Fantasy also. Die Handlung geht mit Magie allerdings so extrem sparsam um, dass man bisweilen den Eindruck hat, einen historischen Mittelalter-Roman zu lesen. Aber warum auch nicht? Historische Romane und Fantasy bedienen immerhin sehr ähnliche Leserwünsche.
Und so beginnt die Geschichte nicht mit Orks und Trollen oder irgendwelchen Energiekugelverschiessenden bösen Mächten, sondern mit Intrigen am Königshof, familiären Tragödien und einer sehr detaillierten Beschreibung der Fantasy-Welt, die einen an England im 12. oder 13. Jahrhundert erinnert. G.R.R. Martin hat sich, was Namen, Orte und Konstellationen angeht, sehr eng an die englischen Rosenkriege angelehnt. So dürfte er bei der Familie Stark das Haus York und bei Lannister Lancaster im Kopf gehabt haben. Es gibt übrigens sehr viele Figuren, Namen, Verwandschaftsbeziehungen, was manche Leser überfordern mag. Die Betonung liegt aber auf MANCHE. Ich zum Beispiel bin mit so etwas eigentlich recht schnell überfordert und muss oft zurückblättern, weil ich nicht mehr weiss, wer wer ist - nicht aber in diesen Büchern. Ich habe kein einziges Mal den Überblick verloren.
Was macht die Faszination dieses Werkes aus? Was hebt es aus der Masse der Fantasy-Romane heraus? Man ist versucht, zu sagen, es sei die Brutalität. Es wird gemordet, verstümmelt und vergewaltigt was das Zeug hält. Sind es die unerwarteten Wendungen? Immer, wenn man denkt, es wird gleich dies und jenes passieren, kommt es völlig anders. Meist katastrophal anders.
Nun, ich denke mal, das Besondere an diesem Zyklus sind die detaillierten und sehr realistisch wirkenden Charaktere, von denen jeder seine guten Gründe hat, zu tun, was er tut. Platte Bösewichte, die die Welt beherrschen wollen, sucht man vergeblich - gottseidank - ebenso wie unfehlbare Helden in nie verschmutzenden Rüstungen. Die Menschen sind Menschen. Sie sind verletzlich, haben Gefühle, Charakterstärken und -schwächen, es gibt Humor ... und sie versagen oft im alles entscheidenden Moment. Wie im wirklichen Leben.
Gelegentlich blitzen auch mal Humor und Lebensmut auf, und da hat der Autor mit der Figur des Tyrion eine Glanzleistung hingelegt. Geboren als zwergwüchsiger Quasimodo, trotz seiner herausragenden Intelligenz verachtet vom eigenen Vater und stets im Schatten seines schönen aber sinistren Bruders, ist er dennoch ein lebensbejahender warmherziger Mensch mit Sinn für weltliche Freuden und einem herrlichen Sarkasmus, der ihn einem sofort ans Herz wachsen lässt.
Ebenfalls bemerkenswert ist für mich die Figur der Arya Stark, eines kleinen Mädchens, das in den Wirren des Krieges nach ihren Verwandten sucht und herumgestossen wird, sich aber dennoch in dieser Welt, die so gar nichts für kleine Mädchen ist, behaupten kann und sich zu einem nicht zu unterschätzenden gefährlichen kleinen Ding entwickelt.
Langer Rede kurzer Sinn: Das ist für mich die derzeitige Referenz für Fantasy. Grossartiger geht es kaum noch. Ein Geniestreich.