Der deutsch-österreichische Komponist Gustav Mahler sträubte sich vehement dagegen, seine Sinfonie für zwei Singstimmen und Orchester, der er den Beinamen "Das Lied von der Erde" gab, als seine neunte Sinfonie zu verkaufen. Mahler wusste wohl zum Zeitpunkt der Komposition bereits, dass er an einer unheilbaren Herzkrankheit sterben würde, und so ist es gewiss nicht korrekt, Mahlers Auswahl der Liedtexte aus Hans Bethges Übersetzung "Die chinesischen Flöte" nach Gedichten von Li Tai-Po ausschließlich auf eine Mode seiner Zeit zurückzuführen, die die Exotik des Fernen Ostens für sich entdeckte. Die sechs Gedichte nämlich, die er sich aussuchte, befassen sich allesamt mit einer verzweifelten Liebe zum Leben und gleichzeitig mit einem Abschiednehmen von der Welt. Auch das Thema Alkohol spielt eine entscheidende Rolle. Autobiographische Züge sind hier ebenso unverkennbar, indes Mahler cholerischer Alkoholiker gewesen ist.
"Das Lied von der Erde" besteht aus sechs sehr ungleichen Liedern: Während die ersten fünf Stücke zwischen drei und zehn Minuten dauern, hat das monumentale sechste Lied eine Länge von etwa dreißig Minuten. Es nimmt folglich nicht wunder, dass sich dieses gewaltige Werk demjenigen, der es zum ersten Mal hört, nicht allzu leicht eröffnet.
Das erste Lied, "Das Trinklied vom Jammer der Erde", ist ein leidenschaftliches, verzweifeltes Stück voller Agonie, aber dennoch geprägt von der heißen Liebe zum Diesseits. Dasselbe gilt für das wesentlich ruhigere Lied "Der Einsame im Herbst". "Von der Jugend" entwirft ein verführerisches Trugbild vom menschlichen Spross, und "Von der Schönheit" schildert die Gefühle eines Außenseiters. Unter der galoppierenden Frische des Liedes "Der Trunkene im Frühling" verbirgt sich tiefe Verzagtheit. Damit reiht sich auch dieses in den thematischen Reigen ein. Den Abschluss macht "Der Abschied", jenes wundervolle, tiefsinnige Stück, das beweist, wie weit untereinander verflechtet Singstimme und Orchester ausgearbeitet sind. Mahler imaginiert hier zwei Freunde, die sich auf Zeit - oder für immer - trennen.
Die vorliegende Einspielung durch die Altistin Christa Ludwig, den Tenor René Kollo sowie die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Herbert von Karajan entstand Mitte der 70er Jahre und erfreut sich einer sehr guten Aufnahmequalität. Karajan spielte neben dem "Lied von der Erde" noch Mahlers Vierte, Fünfte, Sechste und Neunte ein sowie die beiden Rückert-Liederzyklen. Aber nicht nur deswegen muss diese Aufnahme als ein bedeutendes Tondokument ersten Ranges angesehen werden, auch wenn die DGG dasselbe, was die Präsentation anbelangt, unterwert verkauft.
Dass Karajan seine Berliner über die Jahre zu einem herausragenden Klangkörper geformt hat, ist weitläufig bekannt. Doch dass das reicht freilich nicht aus, um ein derart diffiziles Werk wie "Das Lied von der Erde" ausgezeichnet darzubieten, liegt auf der Hand. Und tatsächlich vermag es Karajan, differenziert und transparent die Tiefgründigkeit mahlerscher Musik zu erforschen und einen packenden, farbenreichen und warmen Vortrag zu produzieren. Teils scharf akzentuiert und kontrastreich nuanciert zeigt er, dass er trotz seiner verhältnismäßig wenigen Beiträge als wahrer Mahler-Spezialist zu gelten hat.
Hinzu kommt die ausgezeichnete gesangliche Leistung insbesondere Christa Ludwigs. Ludwig hat diesen Zyklus während ihrer langen Tätigkeit sehr oft gesungen. Ihre ganze Erfahrung scheint sie hier auf die Schallplatte bannen zu wollen. Außerdem stand sie mit Herbert von Karajan auf vertrautem Fuße. René Kollo liefert ebenso einen gelungenen Vortrag ab, singt nicht nur einfach, sondern (er)lebt seine Rolle. Gewiss, er erreicht nicht diese Perfektion und Vollendung wie seinerzeit Fritz Wunderlich an der Seite Ludwigs und Otto Klemperers. Dennoch verdient seine Interpretation höchstes Lob.
Fazit: Eine bemerkenswerte Bereicherung, die den "großen" Einspielungen in kaum etwas nachsteht!