Schon lange wollte ich einmal Näheres über die alte griechische Heldensage von Troja wissen. An Homers Originalverse habe ich mich angesichts deren Schwülstigkeit nie herangetraut, der altmodische Gustav Schwab, der einen Götter- und Heldennamen an den anderen reiht, verstaubt seit Jahren im Bücherregal. Durch Zufall stieß ich auf Colleen McCullough und erwartete aufgrund der Dornenvögel eher einen Liebesroman à la Barbara Wood oder Rosamunde Pilcher. Zu meiner Überraschung läßt McCullough jedoch die Helden selbst sprechen und erzählt die Geschichte des Trojanischen Krieges von dessen Ursachen (Vormachtstellung der Trojaner über die Dardanellen), seinem Auslöser (Flucht Helenas mit Paris aus Amyklai), seinem Verlauf (10-jährige Belagerung Trojas durch die Griechen wegen Unüberwindbarkeit der Stadtmauern) bis zu seinem Ende (der Trick mit dem Pferd). Damit gelingt es der Autorin, auch einen humanistisch ungebildeten Leser zu fesseln und ihm die erforderlichen Hintergrundinformationen zu vermitteln.
Wer nämlich könnte besser als Peleus selbst die Geschichte von Thetis erzählen, die all ihre neugeborenen Söhne tötete (denn nur wer stirbt, wird als Gott unsterblich), und die er nur mühevoll daran hinderte, Achilles ebenfalls zu töten. Auf diese Weise erklärt McCullough auch Verwandtschaftsverhältnisse (Odysseus erzählt z.B. über das Bruderverhältnis von Agamemnon und Menelaos), erläutert Götterbeziehungen (wer gehört zu Artemis, wer zu Poseidon, wer zu Apollo ?) und interpretiert Handlungen (Motive des Aeneas, sich so oder so in den Schlachten zu verhalten).
Dabei ist weniger wichtig, ob McC. historisch immer korrekt arbeitet und Maßeinheiten, Uhrzeiten oder Entfernungen exakt angibt, denn schon Homer, sein Konkurrent Hesiod oder der Römer Vergil haben es mit der echten Historie nicht immer so genau genommen. Wichtig ist, daß McC. die Helden zu neuem Leben erweckt und schweren Stoff auch Neulingen leicht und nachhaltig vermittelt. Ihr verstecktes Anliegen zu zeigen, daß bei Erhalt der "alten Religion" und Aufrechterhaltung des Matriarchates vielleicht alles anders gekommen wäre, stört dabei wenig.
Mißlungen ist lediglich die Landkarte der antiken Welt eingangs des Buches, die leider nicht alle im Text erwähnten Orte und Landschaften aufzeigt. Oder ist bis heute noch unklar, wo Skythien gelegen haben soll ? Hier fühlt sich der Neuling mit seinen Fragen allein gelassen.