Vor wenigen Stunden habe ich eines meiner Lesehighlights dieses Jahres, das nun immerhin schon sechs Monate alt ist, zugeklappt und fange so langsam an wieder aus dem Persien des 17. Jahrhunderts aufzutauchen. "Das Lied der Rosen" von Anita Amirezzvani ist ein kunstvoll gestalteter, farbenprächtiger, harmonischer und fachmännisch geknüpfter Teppich aus Worten und Geschichten, ein historischer Roman, wie man ihn selten findet.
Neun Jahre hat Anita Amirezzvani an ihrem Erstlingsroman gearbeitet und im Nachwort schreibt sie, daß sie sich während der Arbeit daran oft vorkam wie Ali Baba in den Märchen aus Tausendundeiner Nacht, als er die magischen Worte "Sesam, öffne Dich!" spricht und eine Höhle voll schimmernden Goldes und glänzender Edelsteine entdeckt. "Die Schätze, die sich mir enthüllten," schreibt die Autorin "waren Bücher über die Geschichte und Kultur des Iran in vormoderner Zeit, die beinahe genauso verborgen und von Wenigen beachtet in staubigen Bibliotheksregalen standen. Ich verbrachte Stunden damit, diese Schätze zu erforschen, und je mehr ich las, um so mehr faszinierte mich, was ich fand." Eine Faszination, die bei der Lektüre dieses Romans für ihre Leser förmlich greifbar wird.
"Das Lied der Rosen" spielt in den Zwanzigerjahren des 17. Jahrhunderts in Persien. Einer Zeit, zu der es dem regierenden Schah gelungen war, die persischen Landesgrenzen dauerhaft zu sichern, Feinde im Inneren zu bezwingen und ein Klima zu schaffen, in dem die Künste gedeihen konnten, allen voran die Teppichkunst. Perserteppiche genossen in Europa die Aufmerksamkeit von Königen, Adligen und reichen Kaufleuten und erregten die Aufmerksamkeit von Künstlern wie Rubens, Velàzquez und Van Dyck. Schah Abbas der Große lies im ganzen Land Teppichmanufakturen einrichten, in welchen die Teppichknüpferei als Kunstform erhoben wurde.
In dieser Zeit kommt Unheil über eine junge Teppichknüpferin und ihre Familie. Ihr Vater verunglückt tödlich, bevor er einen guten Ehemann für sie gefunden hat. Um Überleben zu können, müssen Mutter und Tochter zu Verwandten in die Stadt Isfahan ziehen, wo sie wie Dienstboten behandelt werden. Die Chancen der jungen Teppichknüpferin eine gute Heirat eingehen zu können, sind niedriger als gering, da ihr die nötige Mitgift für eine solche Heirat fehlt. Ein hartes, arbeits- und entbehrungsreiches Leben scheint gewiss. Durch ihre Schnelligkeit und Kunstfertigkeit im Knüpfen von Teppichen und ihrem zeichnerischen und gestalterischen Talent im Umgang mit Mustern und Farben kann sie Geld verdienen, aber im Reich von Schah Abbas können Frauen lediglich als Arbeiterinnen tätig sein. Teppiche selbst entwerfen oder verkaufen dürfen sie nicht oder haben nicht die Möglichkeit dazu. Glücklicherweise erkennt ihr Onkel, der eine hohe Position in der Teppichmanufaktur des Schahs inne hat, das Talent seiner Nichte und fördert dieses. In seinem Haus lernt die junge Frau einen reichen Mann kennen, der sie zur Frau nehmen will - jedoch lediglich in einem Sigheh, einer Ehe auf Zeit.
Ähnlich wie in anderen historischen Romanen ist Anita Amirrezvanis Heldin und Ich-Erzählerin eine junge, starke Frau, die um ihr Überleben, um ihre Chance im Leben und ihre Träume kämpfen muss. Ganz anders als in vielen historischen Romanen ist die Protagonistin ganz ein Kind ihrer Zeit und ihrer Kultur und verhält sich altersgemäß. Abgesehen davon, dass sie einige Schicksalsschläge einstecken muss, zeigt sich im Verlauf ihrer Entwicklung auch einiges Fehlverhalten, geht zu hohe Risiken ein und trifft Fehlentscheidungen, was sie immer wieder büßen muss. Der Autorin gelingt es, die Entwicklung der Ich-Erzählerin fühl- und erfahrbar zu machen, sie individuell auszugestalten und sie gleichzeitig als typisches Kind ihres Umfelds darzustellen.
Aus der Sicht der jungen Frau macht Anita Amirrezvani iranische Kultur lebendig und verständlich und schafft es, obwohl sie einen historischen Roman geschrieben hat, Verständnis und Einblick in die Welt der Frauen hinter dem Tschador zu schaffen.
Obwohl Anita Amirrezvanis Sprache alles andere als nüchtern ist, erzählt sie wertfrei und ohne moralischen Zeigefinger. Dies zeigt sich insbesondere in ihrer Darstellung der als Sigheh bezeichneten Ehe auf Zeit, die seit Jahrhunderten ein Teil der iranischen Kultur ist und noch heute praktiziert wird, für die betroffenen Personen aber dennoch eine komplexe und ungewöhnliche Situation darstellt. Die in den Roman eingebettete Liebesgeschichte und Liebesszenen sind sensibel umgesetzte Teile der Entwicklung der jungen Teppichknüpferin. Fast schon nebenbei beleuchtet die Autorin die Teppichkunst und gibt interessante Einblicke in persische Muster, Farbgebungen, Färbe- und Knüpftechniken.
In Anlehnung an die orientalische Erzähltradition und Anerkennung dieser, hat die Autorin mehrere Geschichten, Nacherzählungen und Variationen traditioneller iranischer oder islamischer Geschichten, in die Rahmenerzählung eingebettet.
In einem Nachwort gibt die Autorin erläuternd Informationen zur Historie, historischen Abgrenzung, Teppichkunst und den von ihr verwandten Quellen.
"Das Lied der Rosen" ist ein unvergleichlicher, kunstvoller, manchmal schlichter, manchmal märchenhafter, aber immer faszinierender historischer Roman, der geeignet ist, seinen Lesern iranische Kultur und Werte näher zu bringen und verständlicher zu machen. Nicht oft fehlt mir der sechste Amazon-Stern. Bei diesem Roman wünschte ich, ihn vergeben zu können.