Die beiden Autoren sind laut Klappentexter womöglich die besten Radiomoderatoren Deutschlands. Dem mag so sein. Auch weil sie ihrer Fangemeinde Rituale bieten. Aber wie dieses Buch zeigt, macht sie das noch nicht zu einem Experten-Duo, das uns die geheimnisvolle Welt der Rituale erklärt. Zwar erwähnen sie im Vorwort, dass sich Soziologen und Anthropologen ab Ende der 1980er-Jahre vermehrt für Rituale interessieren, lassen ihre Leser aber im Dunkeln, was diese darüber herausgefunden haben. Daher machen Volker Wieprecht und Robert Skuppin auch keine Unterschiede zwischen Gewohnheiten, Gepflogenheiten, Traditionen, Moden, häufigen Verhaltensmuster und Ritualen. Das finde ich bei einem Werk, das sich Lexikon der Rituale nennt, eigentlich schade.
Ritualen spenden Zuversicht und Sicherheit, regeln den sozialen Verkehrt, vereinfachen und strukturieren unser Leben. Aber solche Funktionen erfüllen auch gesellschaftliche Normen und Gesetze, ohne dass wir diese als Rituale bezeichnen würden. Aber wenn man Begriffe nicht genauer definiert, lässt sich unter ihnen auch so ziemlich alles einordnen. Den meisten Lesern mag dies egal sein, mich stört zu große Beliebigkeit.
Die knapp sechzig aufgeführten Rituale werden auf beste Moderatorenart vorgestellt. Also unterhaltsam und abwechslungsreich. Je nach Laune oder Quellenlage nähern sich die Autoren einem "Lexikonartikel" von einer bestimmen Seite. Mal steht Geschichtliches im Vordergrund, mal Humoriges oder Gesellschaftliches. Bei einigen Ritualen wird ziemlich seriös recherchiert und Zahlenmaterial beigebracht, bei anderen muss sich der Leser mit Anekdotischem und persönlichen Meinungen zufrieden geben. Auch stilistisch kann also von einem Lexikon keine Rede sein.
Lässt man Begriffliches und die Kritik am Titel weg, fällt die Bewertung sofort positiver aus. Denn es macht einfach Spaß, sich selbst auf diese Weise im Spiegel zu sehen und an Zeiten erinnert zu werden, in denen man mit der Schultüte herumlief, um den Maibaum tanzte oder Ostereier suchte. Oder auf den zahlreichen Schwarz-Weiß-Bildern mit den merkwürdigen Untertiteln die Welt in ihre ganzen Verschrobenheit zu betrachten. Und natürlich kommt man auch oft ins Grübeln, ob eine gewohntes Verhaltensmuster noch immer sinnvoll sein.
Mein Fazit: Kein Lexikon im klassischen Sinn, sondern eine unterhaltsame Vorstellung von 59 Ritualen und Gewohnheiten, die uns prägen und unseren Alltag strukturieren. Und weil es die beiden Autoren mit Leichtigkeit schaffen, auch scheinbar Verschrobenem etwas abzugewinnen, bedauern wir sogar das Verschwinden von Ritualen, die wir eigentlich nicht mochten.