Was versteht man unter einem Lexikon? Ein Nachschlagewerk mit Sachinformationen geordnet nach Lemmata (Personen, Begriffen, Orten etc.), die in dazugehörigen Artikeln zunächst einleitend definiert und/oder erklärt und dann näher objektiv beschrieben werden.
Die Autorin Puhle ist Dr. der Philosophie und so würde man eigentlich eine entsprechend professionell-sachliche Vorgehensweise nach diesem Schema erwarten. Stattdessen lesen sich viele Artikel mehr wie persönlich gefärbte Essays, bei denen die Inhalte mitunter auch vom Thema abschweifen, weil die Autorin eine eigene Betrachtung dazustellt oder beliebige Anekdoten erzählt, die das eigentlich Thema aber nicht erhellen. Viele Einträge klingen mehr nach Antworten nach dem Schema: Frau Puhle, was denken Sie über...? als nach Lexikoneinträgen. So verwendet die Autorin auch gern Stilmittel wie rhetorische Fragen, die in einem Lexikon einfach unangebracht sind.
Beispielsweise beginnt der Eintrag über "Todesengel" so: "Wann ist ein Engel nötiger als im Moment des Sterbens? Dies mag wie Wunschdenken erscheinen, ist aber eine sehr alte Erfahrung." Es folgen Spekulationen, wie dieser Engel aussehen könnte. Kein Verweis auf religiöse, psychologische, philosophisch-spirituelle oder auch nur esoterische Hintergründe.
Über den berühmten Harry Price weiß die Autorin einleitend zu verkünden: "Unter den britischen Geisterforschern ist der Autor Harry Price (1881-1948) eine schillernde Persönlichkeit. Ohne ihn wäre Borley Rectory niemals zu Englands Spukhaus Nummer eins geworden." Bei wikipedia käme jetzt zu Recht der Einwand: "Wertung (POV) und Theoriefindung." Man erfährt nichts über Prices interessanten Werdegang und seine Methoden, sowie seine Kritiker.
Oft sind es die kürzeren Einträge, die am ehesten überzeugen, weil sie tatsächlich sachliche Information liefern. Längere Artikel lesen sich fast durchweg wie spontan verfasste Aufsätze im lockeren Plauderstil. So enttäuscht der Abschnitt über Schamanen schon im ersten Satz: "Schamanen sind ganz alt und immer noch sehr gefragt." Später folgen Sätze wie: "Es ist eine große Sache, wenn ein Schamane oder eine Schamanin auf eine Reise geht."
Ich frage mich leider immer wieder bei Büchern mit esoterischen Themen, warum selbst offensichtlich gut ausgebildete Autoren meinen, ihre Texte ein bisschen wie Kinderliteratur klingen lassen zu müssen. (Erlkönig: "Wir kennen ihn alle, den Vater, der mit seinen Sohn wie der Wind durch den Wald reitet". Ja, Frau Lehrerin ;-)) Das wirkt betulich und nimmt dem Thema die Seriösität, die von den Autoren zugleich aber eingefordert wird. (Immer wieder wird geklagt, die "moderne Wissenschaft" nähme Parapsychologie nicht ernst genug. Warum wohl?)
Ein weiteres Manko ist das Fehlen von Artikeln zu Geisterphänomenen, die weltweit Beachtung fanden, z.B. die Gesichter von Belmez, Glamis-Castle in Schottland und der Spuk von Amityville in den USA.
Drei Sterne für die Idee eines Lexikons an sich und die guten, kleineren Einträge.
Unterm Strich ein Bedauern, dass es gute Geisterliteratur und -forschung weiterhin nur im angelsächsischen Sprachraum gibt, siehe u.a. Peter Haining, Simon Marsden, Houdini etc.