Emotional, eingängig und äußerst aufwendig produziert: Voltaire spielen wieder Indie-Rock fürs große Parkett.
Vor gut drei Jahren veröffentlichten Voltaire ihr Debüt-Album "Heute Ist Jeder Tag" und eroberten die Ohren und Herzen des Indie-Publikums. Dem Major Universal schien die Quote dennoch nicht zu stimmen und so nimmt sich nun das Label Pias der Bonner Jungs an. Einen musikalischen Neuanfang der Band muss man aber deswegen nicht erwarten. Es bleibt aufwendig arrangierte und produzierte Indie-Musik.
So baut sich "Ganz Normal" behutsam auf, um gen Ende erst mit intensiveren Gitarrenriffs auszubrechen. Die Stimme vom Frontmann ist sauber und klar. Hämmernde Klavierklänge stehen (nicht nur) bei dem Song "Die Gute Art" im Mittelpunkt und machen ordentlich Druck. Dass man dabei nicht nur emotional unter die Haut kriechen will, verdeutlichen die Zeilen: "Manchmal fühl ich mich so voll, von Dingen gegen die ich mich wehr, ich würde kotzen, wenn ich könnte, wenn’s nicht längst verdaut und ein Teil von mir wär."
Leichtfüßig werden Voltaire auch bei den sanfteren akustischen Stücken nicht. Beispielsweise thematisiert die verträumte Ballade "Hier" das Ausbrechen aus der Routine. Bei "Wenn du gehst" wird so intensiv der Melancholie gefrönt, bis sie in Wut übergeht und das Ganze durch aggressive Instrumentierung musikalisch kommentiert wird.
Voltaire bieten dem Hörer eine gesunde Mischung aus Indie-Rock, Pop und Singer-Songwriter Stücken. Solide, streckenweise etwas überproduzierte Titel reihen sich aneinander, dass es schwer wird, echte Highlights zu benennen. Das macht jedoch das Album nicht weniger hörenswert, denn die Band beherrscht alle Facetten des großen Indie-Rocks.
Sebastian Wiczak
Kurzbeschreibung
Nach dem vielbeachteten und von der Presse hoch gelobten Debütalbum "Heute ist jeder Tag" veröffentlichen Voltaire endlich ihr zweites Album.
Roland Meyer de Voltaire, der Mann mit der "Wahnsinnsstimme", gönnte sich einen Tapetenwechsel von Bonn nach Köln, gleich um die Ecke vom Gitarristen Marian Menge. Auf diesem neuen Album entwickelte sich Roland Meyer de Voltaire zum Songschreiber. "Ich begann zu begreifen, dass ich Songs und kein Buch schreibe. Lieder können ein impulsives, emotionales Gefühl vermitteln, da ist kein Platz für Diskussion. Ich fing an, mehr und direkter zu sagen, was ich fühle. Ich betrachtete plötzlich Veränderungen als Antrieb. Man muss loslassen können, um weiterzukommen, und das habe ich auf uns bezogen: Alte Konzepte über Bord werfen und nur an Sachen festhalten, die einen weiter bringen." So gab es wesentlich weniger Vorgaben, weder bandintern, noch von außen, denn das neue Album wurde nun erst produziert und dann Plattenfirmen angeboten. "Fast alle Lieder sind aus gemeinschaftlichen Jams entstanden." Erster Ansprechpartner, wenn es um den Austausch einer Idee ging, blieb immer Marian, der nie aufhörte an Voltaire zu glauben. Hedda, der Keyboarder, brachte schließlich immer noch eine besondere Note hinein. Auch der Schlagzeuger David war initial an Songideen beteiligt. Es gab eine neue Entwicklung, die jeder mit viel Talent und Glauben an die Sache vorantrieb.
Zusammen mit Philipp Gosch (Lichter), neu am Bass, ging es im Sommer 2008 ins Ratinger Soundstation Studio. Nach der positiven Resonanz auf die neusten Demoaufnahmen, nahm diesmal unter Mitwirkung verschiedener Tontechniker Roland das komplette Album als Produzent selbst auf.
Zum Abschluss der Produktion bekam Roland Hilfe von Jem (Lindenberg, Madsen), der das Album abmischte. "Jem war sofort von unseren Ideen begeistert, hatte allerdings in Sachen Klang und Ästhetik viel mehr Kompetenz und Erfahrung. Er hat das, was ich vorgemischt habe, auf den Punkt gebracht."
"Das letzte bisschen Etikette" unterscheidet sich vom Vorgänger nicht nur durch mehr Klangebenen, mehr Feinheiten und neue lyrische Perspektiven, es ist auch in sich geschlossener. "Es ging bei der Produktion nie um den einzelnen Musiker, sondern immer um das Gesamtbild." So macht das erste Stück die Tür zu einem Raum auf, in dem sich alles andere abspielt - und den man anschließend betritt.