Ein körperbehinderter Leibarzt erzählt die tragische Geschichte eines intellektuell behinderten, unter dem Leistungsdruck des Vaters und einer Züchtigung zerbrechenden Jugendlichen. Wem? Dem Sonnenkönig und seiner Altersfavoritin. Und Ludwig XIV. und Frau von Maintenon hören angerührt zu, der König sich darin sonnend, daß die Geschichte wie alle in dieser Zeit in Versailles immer wieder um ihn kreist, starr und unbeeinflußbar in seiner grundsätzlichen Haltung zu sich selbst. Und wie öfter bei Meyer gibt ein innerhalb einer kirchlichen Organisation, hier der Pariser Jesuitenschule, begangenes Unrecht den äußeren Anlaß zu einer engagierten, attackenreichen Darstellung.
Neben der Tatsache, daß eine moderne, von tiefschürfendem Wissen um die Psyche von Menschen mit Handicaps, speziell Jugendlichen, geprägte Studie dabei herausgekommen ist, entwickelt die nicht lange, aber sehr komplexe Novelle Porträts, die so verführerisch sind, daß man glauben möchte: so war der Sonnenkönig privat, so war er im Kern, so war seine letzte Frau.
Wir können den Wahrheitsgehalt dieser Porträts nicht beurteilen. Sicher aber hat Conrad Ferdinand Meyer stellvertretend im König die Position und Haltung eines Herrschers diskutieren wollen. Kann ein Staatenlenker sich vom Einzelschicksal über den Augenblick hinaus beeindrucken lassen? Kann er Positionen aufgeben, weil diese neben Recht auch Unrecht erzeugen? Darf er einzelnes Unrecht übergehen, um den Anschein der Gerechtigkeit im allgemeinen und seiner Position als Garant des Rechtes im besonderen zu bewahren? Kann er seine Personalpolitik ändern, weil ein Berater menschlich gefehlt haben soll?
Ludwig kommt nicht unbedingt sympathisch rüber. Aber vielleicht handelt er im Sinne der Staatsführung klug und - ungeachtet der Wahl des schurkischen Beraters - in den wichtigen Grundzügen richtig. Neben dem menschlich anrührenden Teil, der die Geschichten des lernbehinderten Julian Bouffleur und des verwachsenen Arztes Fagon vermittelt, enthält die als Rahmenerzählung angelegte Novelle einen provokanten Diskussionsbeitrag zum Thema Staatsräson, in einer geschliffenen Sprache, die mehrere Lösungen offenhält.