die meisten krimis bieten ein ähnliches strickmuster: (mindestens) ein mord passiert, ein/e kommissar/in taucht auf und arbeitet verbissen an der aufklärung, der täter wird gefasst (oder auch nicht).
nicht so hier: der leser zieht am beginn des buches als bewohner eines gründerzeithauses in die handlung ein. er erfährt mitlebend und in rückerinnerungen der bewohner des hauses, was in deren leben die zentralen erfahrungsachsen bildet, die sich naturgemäß mit den anderen bewohnerachsen auf manigfaltige weise verknüpfen. anne goldmann schildert mit liebender zuneigung und viel klarer genauigkeit jeden einzelnen von ihnen. egal, ob es sich um einen pubertierenden bub, seine ihr leben neu ausrichtende mutter (die es, in wien unfassbar genug: schafft, sich aus dem verpuppungsstadium der hausmeisterei herauszuarbeiten), die alte dame mit dem hund, den briefträger und seinen mit ihm verfeindeten nachbarn handelt: alle werden sie von goldmann ernst genommen und trotz all ihrer unrundheiten und schwächen umfassend abgebildet.
bestechend bei all dem ist ihre klare sprache. bisweilen wird die sprache der figuren selbst verwendet und angedeutet, um eine perspektivänderung nachvollziehbar zu machen, doch auch dann bleibt alles knapp genug, um nichts offenzulassen und offen genug, um die fantasie des lesers nicht einzuschränken. zwischen all diesen ereignissen aus den unterschiedlichsten blickwinkeln bildet sich zwischen den vignettenhaften absätzen eine musikalische spannung, die als spannungsbogen sehr subtil durch das buch führt. ein bisschen erinnert diese spannung an die oberflächenspannung des wassers, in dessen struktur sich alles mit allem vernetzt, wie in diesem haus, das den hintergrund der handlung bildet.
die bezeichnung "krimi" passt meineserachtens nicht optimal, da die gewohnten chiffren des kriminalromans kaum zu erkennen sind und von der nahezu ständig nahe am kriminal schrammenden oberfläche des lebens selbst überdeckt werden; wenn in dieser in sich stimmigen umgebung ein mord geschieht (und der kommt schon auch vor!), dann passt sich auch dieser wie von selbst in die umgebung ein, mit all seiner bedeutung, mit all seinen auswirkungen, mit all seinen kreisen, die er zieht... wie ein stein, den man ins wasser wirft, wellen macht.
verlage und der buchmarkt brauchen genres: dieses buch benötigt nichts mehr, weil es schon alles hat.
also daher eine vollkommene leseempfehlung - nicht nur für krimifreunde, sondern auch für menschen, die einfach gute literatur schätzen, die mit der schilderung der oberfläche nicht zufrieden bleibt.