Wer sich für römische Geschichte und insbesondere für die römische Kaiserzeit interessiert, hat mehrere Möglichkeiten, an Informationen zu gelangen: Man kann sich aktuellen Autoren von Geschichtsbüchern widmen und enthält darin meist einen chronologischen und gerafften Überblick von Schlachten und besonderen Leistungen der großen Kaiser und die auf genauer Analyse der Quellen zur vorliegenden Zeit beruhen. Oder man schaut in diese Quellen selbst und erhält dadurch einen viel direkteren, viel unmittelbareren und vielschichtigeren Eindruck von der damaligen Zeit und den Menschen, die in ihr lebten.
Letzteres liegt mit dem vorliegenden Buch vor. Sueton (oder Gaius Suetonius Tranquillus wie er mit vollständigem Namen hieß) war ein römischer Biograph und Gelehrter, der ca. 70 n. Chr. geboren wurde, also in unmittelbarer zeitlicher Nähe zu den Ereignissen, die er in seinem Werk "Das Leben der römischen Kaiser" beschreibt. Und nicht nur sein unmittelbarer Bezug, sondern auch seine Stellung als Leiter der kaiserlichen Archive unter dem Kaiser Hadrian, durch die er Zugriff auf allerhand öffentliche und private Dokumente vergangener Kaiser hatte, zeichnet ihn deutlich als einen Mann vom Fach aus, der durchaus verlässliche Informationen besitzt, die er mit dem Leser teilen kann.
Die Kaiserbiographien dieses Sueton liegen hier in ihrer deutschen Übersetzung komplett vor und umfassen damit die detaillierten Biographien von insgesamt 12 Kaisern (namentlich Julius Caesar (der zwar noch nicht Kaiser war, allerdings den Grundstein zum folgenden Kaisertum und auch der Begründer der julisch-claudischen Herrscherdynastie ist), Augustus, Tiberius, Caligula, Claudius, Nero, Galba, Otho, Vitellius, Vespasian, Titus und Domitian), aufgeteilt in 8 Bücher. Dabei weicht Sueton deutlich vom chronologischen Stil eines Historikers ab, indem er seine Darstellungen in einem Kategorieschema strukturiert: Mit leichten Variationen in der Reihenfolge schildert er separat Jugendzeit des Kaisers, frühe staatliche Betätigungen, Feldzüge, Veranstaltungen, errichtete Bauwerke, körperliches Erscheinungsbild, die Umstände ihres Todes usw.
Dabei erscheinen die römischen Kaiser, über die er einiges zu berichten weiß, nicht nur als historische Figuren mit überragenden Leistungen, sondern auch ganz privat. Der biographische Ansatz Suetons will nämlich nicht historische Chronologien und Tatenberichte entwickeln oder gar Lobreden verfassen, sondern die Kaiser vor dem Auge des Lesers quasi neu aufleben lassen, das heißt sie so darstellen, wie sie auch tatsächlich waren. Und so finden sich weniger Informationen über bedeutende Feldzüge (der berühmt-berüchtigte gallische Krieg des Julius Caesar oder auch der Jüdische Krieg der flavischen Kaiser findet nur am Rande Erwähnung), sondern vielmehr Schilderungen, die die Kaiser ganz privat beschreiben. Wie sie sich vor Gericht verhielten oder wie sie mit öffentlichem Spott umgingen, wie sie gegenüber Familienmitgliedern und Freunden auftraten, wie sie ihr Privatleben gestalteten... all diese Informationen, die die Kaiser wahrhaft als Menschen und weniger als historische Figuren erscheinen lassen, findet sich hier.
Und dabei ist mehr als genug Raum für allerhand Witziges und Bizarres: Julius Caesar und Domitian litten sehr unter ihrem lichter werdenen Kopfhaar, sodass Caesar liebend gerne den Lorbeerkranz trug, um diesen Fakt zu verschleiern, Domitian für sich zum Trost gar ein Werk namens "Die Haarpflege" verfasste. Caligua versteckte sich bei Gewitter unter seinem Bett und plante, sein Pferd zum Konsul zu ernennen. Vespasian wurde bei einem Aufstand mit Rüben beworfen. Vespasian fällt bei Nero in Ungnade, da er bei dessen Gesängen oft einschläft. All diese lustigen Anekdoten machen Suetons Kaiserbiographien zu einer sehr vergnüglichen Lektüre.
Doch auch an Schockierendem hapert es nicht: So schildert Sueton unzensiert Grausamkeiten und experimentelle Foltermethoden sowie die perversesten sexuellen Vorlieben der Kaiser, die doch allerhand Ekel hervorrufen können. Besonders die Kaiser Tiberius und Caligula aber auch Domitian sorgen hier für allerhand Material.
Gegen Ende hin werden Suetons in allen Bereichen sehr detaillierten Schilderungen (Julius Caesars und Augustus' Biographien sind äußerst umfangreich) allerdings immer unspezifischer und kürzer, sodass die letzten 6 Kaiser von Galba bis Domitian nur in recht kleinen Abschnitten beleuchtet werden, allerdings tut das der vergnüglichen Lesbarkeit keinen Abbruch.
Und nebenher entsteht ein genauer Einblick in das römische Staatenwesen der ausgehenden Republik und des Kaiserreichs, in politische, diplomatische und religiöse Verfahrensweisen. Gerade in Bezug auf die Deutung von Vorzeichen weiß Sueton einiges zu sagen und so ist jede seiner Biographien gefüllt mit der Listung zahlreicher (teils ebenfalls recht unterhaltsamer und bizarrer) Vorzeichen, die nahelegen, dass Herrschaftsantritt der Kaiser, Todesort und -datum, Sieg oder Niederlage in Schlachten alles vorherbestimmt und absehbar war... was man davon halten mag, sei mal hintangestellt.
Natürlich darf man auch Sueton nicht unkritisch lesen, auf keinen Fall alles, was er schreibt, als historischen Fakt hinnehmen. Obwohl er nämlich versucht, sowohl gute als auch schlechte Eigenschaften der Kaiser nebeneinander zu stellen und so eine gewisse Objektivität zu erzeugen, erlaubt sich Sueton doch auch eine gewisse wertende Tendenz, wenn er über die einzelnen Kaiser schreibt, jedoch ist diese nicht so explizit wie in anderen Geschichtswerken und Biographien aus römischer Zeit...
Noch ein Wort zur vorliegenden Fassung: Sie enthält wirklich NUR die Basics: nämlich den deutschen Übersetzungstext von Hans Martinet sowie jeweils eine Büsten- oder Münzendarstellung des betreffenden Kaisers - sonst nichts. Keine lateinische Sprachausgabe, keine Begriffserklärungen, keine historische Karte, keine Begleittexte, nicht einmal die für das wissenschaftliche Arbeiten so unerlässlichen Abschnittsnummerierungen. Daher ist das vorliegende Buch für Geschichtsstudenten oder Historiker, die mit diesem Buch wissenschaflich arbeiten möchten, nur bedingt zu empfehlen. Und auch für Menschen ohne Vorkenntnisse über römische Ämter und Verfahrensweisen ist es recht schwer, sich mit all den Bezeichnungen wie Aedile, Praetoren, Konsuln, Queastoren und den zahlreichen Institutionen, Personenverhältnissen und Ortsbezeichnungen zurechtzufinden, denn Sueton, der für ein römisches Publikum schrieb, musste sich nicht die Mühe machen, diese zu erklären. Gehört man zu diesem Personenkreis, sollte man sich vielleicht einer anderen Version widmen. Der Geschichtsinteressierte, der sich ein bisschen mit römischer Geschichte und Kultur auskennt, findet hier jedoch ein lehrreiches und unterhaltsames Werk für die private Lesefreude, dazu zu einem guten Preis.
5 von 5 unheilvollen Vorzeichen.