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Warum eigentlich finden Uma-Thurman-Filme in letzter Zeit so wenig Beachtung? Gerade dachte man, die Zeiten, in denen die nicht mehr superjungen Frauen Besetzungsprobleme bekamen, waren vorbei - aber seit Thurman auf die 40 zuging, zündeten ihre Filme nicht mehr so recht. "Das Leben vor meinen Augen" kam gar nicht erst in die Kinos. Weil Thurman aber für mich eine der ausdrucksstärksten Darstellerinnen unserer Zeit ist, die selbst Mittelmäßiges wie "Couchgeflüster" noch erheblich adeln kann, bin ich zu einem Film mit ihr auch dann bereit, wenn ich über ihn nur weiß, dass sie mitspielt. Was im Falle von "Das Leben vor meinen Augen" zu einer sehr erfreulichen Überraschung geführt hat, sodass ich versuche, gegen das Vergessen dieses kleinen feinen Films anzuschreiben.
Er erzählt das Leben von Diana in zwei Zeitebenen, die fünfzehn Jahre auseinanderliegen: Als Teenager wird sie von Evan Rachel Wood gespielt, als erwachsene Ehefrau und Mutter von Uma Thurman. Diana war ein relativ normales Highschool Girl gewesen, sieht man einmal davon ab, dass sie ganz gern mal über die Stränge schlug und gewisse hedonistische Neigungen hatte. Eines Tages veranstaltet ein Mitschüler einen Amoklauf - wir sehen und hören dies zunächst nur aus der Perspektive von Diana und ihrer besten Freundin Maureen, die gerade gemeinsam im Waschraum stehen. Dann dringt der Täter zu ihnen ein und kündigt an, eine der beiden zu erschießen. Schnitt auf die Uma-Thurman-Ebene. Währen die junge Diana eine ganz und gar Furchtlose gewesen zu sein scheint (es heißt einmal, sie habe vor nichts Angst, sie wird mit Raubkatzen in Verbindung gebracht und sie ist auch angesichts des Amokschützen gefasster als Maureen), kommt uns die ältere Diana unsicher vor. Und viel braver als alles, was Diana sich einmal erträumt hatte. Sie ist nie aus der Kleinstadt herausgekommen, sie hat einen braven Professor geheiratet, das obligatorische schicke Haus mit Garten und eine Tochter. Sie sieht immer noch super aus (klar, ist ja auch Uma Thurman), aber gerade wenn ihre Figur besonders zur Geltung kommt, verknüpft der Film das mit Bildern drohenden Unheils und seelischer Belastung: Der Wald, in dem Diana joggt, sieht ein wenig zu düster aus, fast mystisch wie im Märchen. Dianas Herz scheint ein dunkler Wald zu sein, zumal sich demnächst der fünfzehnte Jahrestag des Attentats nähert. Und wir wissen ja immer noch nicht, was damals wirklich geschehen ist, im Waschraum. In guter alter Filmtradition kommt "Das Leben vor meinen Augen" immer mal wieder auf die alles entscheidende Szene zurück und enthüllt uns scheibchenweise jedes Mal ein bißchen mehr. Liegt Dianas Unsicherheit etwa auch daran, dass sie damals Schuld auf sich geladen hatte? Maureen hatte gesagt, wenn schon eine sterben müsse, dann würde sie sich opfern. Und was hat Diana dazu gesagt?
Der Film schafft es meistens, dass wir uns für die Beantwortung dieser Frage wirklich interessieren. Dies gelingt ihm vor allem, weil er in vielen kleinen Aufmerksamkeiten, Doppelungen und Koinzidenzen zwischen den beiden Zeitebenen Verbindungen schafft wie beim Zusammensetzen von Puzzleteilen. Oftmals geschieht dies sehr subtil und auch mit kaum merklichen Schwenks ins Irreale - kann es z.B. wirklich sein, dass die junge Diana in einem markanten Moment schon das Haus erblickt, in dem die ältere Diana einmal wohnen wird? Vieles davon merkt man kaum, oder man wird erst durch den Audiokommentar darauf gebracht, sodass wir es größtenteils mit einem Film zu tun haben, in dem das Wechseln der Zeitebenen in Wahrheit ein Interagieren ist, ohne dass wir mit dem Holzhammer darauf gestoßen werden. Und wenn uns die schiere Vielzahl der Zeichen nicht mehr entgehen kann, wissen wir immer noch nicht genau, was sie bedeuten, weil sie so clever konstruiert sind, dass sie immer auch das Gegenteil von dem meinen könnten, was uns gerade in den Sinn kommt.
Leider hält der Film sein hohes Niveau nicht immer und hat mitunter eine Neigung zum Aufdringlichen und Wiederholten. Müssen wir ca. viermal sehen, wie die junge Diana in Zeitlupe in einen Pool springt? Müssen wir mindestens ebenso oft auf die Bedeutung des Gewissens hingewiesen werden, oder darauf, dass "das Herz der stärkste Muskel des Körpers ist", wie Dianas Biologielehrer einmal sagt? Die Bedeutung ist gleichwohl stimmig: Es ist nicht klar, ob die junge Diana mit dem Wasser (in dem sie übrigens auch einmal Sex hat) noch alle Verantwortung von sich wird abwaschen können (in diesem Sinne wird auch im Finale das Wasser-Motiv noch einmal aufgegriffen). Und es wird sich erweisen, ob sie ihrem Gewissen und ihrem Herzen mit Stärke folgen konnte oder ob sie umgekehrt etwas martert, was ihr Herz an den verwunschenen, höllischen Ort zieht, für den der Wald steht. Aber der Film überstrapaziert seine Metaphern in Bild und Wort gelegentlich und wirkt mitunter aufdringlich. Das hätte er eigentlich nicht nötig gehabt angesichts der überwiegend subtilen Hinweise (achten Sie z.B. einmal auf die Parallele von Schusswunden und einer abgerissenen Kette am Ende). Man kann nur Vermutungen anstellen, warum er sich nicht beherrschen konnte. Vielleicht wegen des ungeschriebenen Gesetzes, dass ein Film nicht allzu kurz sein darf. Dieser hier dauert effektiv 80 Minuten bis zum nicht mehr bebilderten Abspann. Hätte man ihn meinen Kritikpunkten entsprechend geschnitten, wäre er noch ein Stück kürzer - und das ist eben heutzutage selten geworden. Warum bloß? Man sollte sich trauen, einen 70-Minuten-Film ins Kino zu bringen, wenn seine Geschichte eben nur 70 Minuten dauert! Wird er dadurch überzeugender, so dürfte sich das Publikum kaum betrogen fühlen, weil die Lichter im Kino so schnell wieder angehen! Aber dies scheint die Befürchtung der Studiobosse zu sein (laut Harald Mühlbeyer verlangen viele Studioverträge daher eine Mindestlänge von 95 Minuten).
Wie dem auch sei, gelegentliche Längen stören nur unwesentlich und lassen nicht über einen weitgehend faszinierenden und vielschichtigen Film hinwegsehen. Er verfügt neben dem Genannten über hervorragende schauspielerische Leistungen. Gerade die verunsicherte Uma Thurman ist merklich gealtert, hat Falten und Augenringe - und sieht damit besser aus denn je, nicht wie Superwoman und ein künstliches Produkt, sondern wie ein Mensch - der Mensch, den sie eben auch spielt. Sieht man diese Augen mit den Falten und den Ringen in Großaufnahme, so glaubt man sofort, dass sich vor ihnen gerade ein ganzes Leben abspielt.