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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
11 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Applaus für den Dichter,
Von
Rezension bezieht sich auf: Das Leben ist anderswo: Roman (Taschenbuch)
Jaromil ist ein Dichter. Glaubt seine Mutter, seitdem er die ersten Worte spricht. Er selbst glaubt es auch, und vielleicht würde es ihm gelingen - Talent, Phantasie und Sprachgefühl besitzt er - wäre er nicht ein Muttersöhnchen.Kundera erzählt in diesem Buch die Geschichte von Jaromil, einem jungen Mann, der nicht erwachsen wird. Als Kind sonnt er sich in der uneingeschränkten Bewunderung seiner Mutter, die, selbst schon nicht beziehungsfähig, eine innige Symbiose mit dem Sohn eingeht, den sie als Stück ihrer selbst empfindet. Sie schüttet ihn zu mit ungeteilter Aufmerksamkeit, besitzergreifender Liebe und endloser Bewunderung. Streng bewacht sie ihn und ordnet ihm jedes eigene Interesse unter. Ob sie damit ihre Schuldgefühle kompensiert, denn Jaromil war ein ungewolltes Kind, das sie in die Ehe mit einem ungeliebten Mann zwang, lässt der Autor offen. Im Verlauf von Jaromils Kindheit spielt der Vater keine Rolle, zumal er früh stirbt. Jaromil wird als Heranwachsender von zweierlei getrieben: Der Suche nach Liebe und der Sucht nach Anerkennung. Liebe bedeutet für ihn jedoch Ausschließlichkeit. Das Objekt seiner Zuwendung und Begierde hat allein für ihn dazusein, hat seine familiären Bande zu zerschneiden und darf, außer für ihn, keinerlei Gedanken oder Gefühle hegen. Dabei treibt ihn seine Eifersucht sogar zum Verrat: Lieber verliert er die Geliebte ganz als dass er ein Quentchen ihres Herzens einem anderen überlässt. Seine Sucht nach Anerkennung und Applaus treibt ihn dazu, sorgfältig diejenigen zu studieren, die anerkannt, beliebt und wortführend sind. Er kopiert deren Sätze, Gesten und Aussagen, um sie publikumswirksam bei passenden Gelegenheiten als eigene Gedanken zu präsentieren. Sobald er hinterfragt wird, widerlegt oder nur geringe Beachtung erfährt, stürzt er in ein Loch aus Verzweiflung. Zwar weist er mehr und mehr die Kontrolle durch seine Mutter zurück, setzt sich selbst aber an deren Stelle und versucht, durch genaue Planung, Vorausdenken und Ausschalten möglicher Zufälle, die Situationen und Ereignisse schon im Vorfeld in den Griff zu bekommen. Der ständige Druck, sich auf dem in gemeinsamer Arbeit mit der Mutter errichteten Sockel zu halten, bestimmt sein Leben. Jaromil wäre gern ein selbstständiger Denker und Vorreiter neuer umwälzender Ideen, doch auch sein politisches Engagement versickert in Mitläufertum und endet, wenn er nicht umjubelt wird. Das Verhalten seines Protagonisten öffnet Kundera die Pforte zur Kritik an der Politik seines Heimatlandes. Er bewertet nicht, er zeigt nicht mit dem Finger, er prangert nicht an; er lässt nur Jaromil agieren. Was aber reichte, um dem Roman in der ehemaligen Tschechoslowakei nicht veröffentlichen zu dürfen. Der Autor versteht es glänzend, hinter seinem leicht süffisanten bis satirischen Erzählton die Tragödie des Dichters Jaromil darzustellen, ihn gleichzeitig als angeberischen Egozentrikern und bedauernswertes Opfer zu zeigen, dessen Leben ein Buhlen um die Blicke anderer Menschen ist, der mit dem zu beeindrucken versucht, was nicht aus ihm selbst kommt, und der niemals versucht, unabhängig zu werden und eigene Stärke zu entwickeln. "Wenn ein Henker tötet, dann ist das mehr oder weniger normal; wenn aber ein Dichter (...) dazu singt, dann gerät unser ganzes Wertesystem, ..., ins Wanken", beschreibt Kundera im Nachwort sein Trauma, aus dem die Idee zu diesem Roman geboren wurde. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Tolles Buch, hohes Niveau,
Von Kohana "Takara" (Hinter den Eichen) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Das Leben ist anderswo: Roman (Taschenbuch)
Dieses Buch ist, genau wie "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" von Kundera ein echtes Meisterwerk. Man findet schnell in das Geschehen rein. Was mir besonders gefallen hat, ist, dass nur der Dichter einen spezifischen Namen hat und die anderen Figuren nur mit "Die Mutter" oder "Die Rothaarige" angesprochen werden und keinen wirklichen Charakter haben. Anfangs konnte man mit der Mutter sehr gut mitfühlen, auch wenn man noch keine Kinder hat, jedoch wurde die Situation Jaromils dann besser beschrieben und es wurde klar, was für eine Bindung die Mutter vergebens aufbauen will.Kundera's Sichtweisen auf die Welt und die Verstrickung in seinen Romanen sind ein Genuss für alle, die auf etwas höherem Niveau ein Buch lesen wollen, nicht bloß, um unterhalten zu werden (was man hier auf jeden Fall wird), sondern auch, um die grauen Zellen anzustrengen und den Satzbau und den eigenen Wortschatz zu verbessern. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Ein Meisterwerk wie Tisch und Stuhl,
Von Timo Brandt "Ways are, there you go" (Quickborn) - Alle meine Rezensionen ansehen (TOP 500 REZENSENT) (REAL NAME)
Rezension bezieht sich auf: Das Leben ist anderswo: Roman (Taschenbuch)
"Das Leben ist anderswo", der berühmte Ausspruch Rimbauds, ein Traumruf, der wohl nie verhallen wird, Bestandteil von André Bretons Surrealismus-Manifest und auch Titel von Milan Kunderas Roman über Dichtung und Jugend.Man muss zuerst zwei Sachen über dieses Buch sagen: 1. Es ist ein Meisterwerk, ein Konzept, eine Arbeit von höchster Stärke und Wandlungs-, wie Wendungsmöglichkeit. 2. Auf seine Art ist es pures Gift. Jaromil ist ein sensibler Junge mit einer dominanten Mutter. Er wächst in den Wirren des zweiten Weltkriegs auf und seine Jugend und Berufung zum Dichter ereignen sich genau zu der Zeit, als Dichter dringend gebraucht werden ' zu Zeiten von der sowjetisch eingeleiteten Sozialismusrevolution in Tschechien, sucht man Leute, die mit ihrer neuen Kunst das Staatsystem stützen können und die entartete Kunst hinter sich lassen. Jaromil, ein durch und durch seinen Stimmungsschwankungen unterworfener Sonderling, der schon immer bereit war sich für etwas zu begeistern (auch für den Surrealismus), solange es ihn ins rechte Licht rückte und ihm scheinbar die Chance auf ein erwachsenes Leben verspricht, lässt sich gerne einspannen. Wie ein heinrichmannscher Untertan, schwingt er sich zum eisenharten Kämpfer für seine Bewegung auf. Milan Kunderas Buch ist ein mehrdimensionales Werk. Obwohl der Autor selbst eine halbwegs klare und dennoch verwirrende Nachwortaussage macht, dahingehend, dass es nicht um die Zeit gehe, in der Jaromil lebe und auch nicht wirklich um Dichtung, sondern um Jugend und in Verbindung mit der Jugend um die Dichtung und ihr damaliger, schrecklicher Ethikwandlung unter dem sozialistischen Regime, wird man das Gefühl nicht los, dass es eigentlich um etwas ganz anderes geht: Um das Monster in jedem Menschen. Denn so wie Kundera Jaromil beschreibt, lässt er nicht ein einziges gutes Haar an ihm. Auch wenn er betont Jaromil sei kein schlechter Dichter und dass dies sei eine zu einfache Erklärung seines Scheiterns sei und Jaromils Fehler, Pannen und Sensibeleien durchaus menschliche Züge tragen, so bleibt doch am Ende die Heftigkeit der Dämonisierung im Gedächtnis und im Wesentlichen eine Frage offen: Wie kann man so misanthropisch an ein Thema herangehen, dass zwar oft zu sehr von der hellen, aber in diesem Buch doch allzu sehr von der zerstörerischen Seite gezeigt wird: Jugend. Kundera webt sich ein in eine Idee vom Fanatismus und Despotismus, der Jaromil und seiner Mutter so ureigen ist, wie dann wohl dem Rest der Menschheit auch. Leidenschaftlich zerstören sich Mutter und Sohn selbst und gegenseitig ihr Leben und ihre Beziehungen, zwar vernünftig und sicherlich auch ähnlich schon oft gesehen, jedoch ohne einen Funken Reflektion. Und zwischendurch legt Kundera auch noch süffisant all ihre Schwächen gegen sie aus. Das ist natürlich nicht die ganze Wahrheit, auch dieses Buch hat seine poetischen Momente und klugen wichtigen Einsichten. Nach Kundera ist ein Roman nur dann etwas wert, wenn er einen neuen Blickwinkel auf die Existenz oder gar eine neue Art der Existenz wirft. Nun Kunderas Roman ist etwas wert - die Frage ist nur, ob er auch realistisch ist; ob er die Realität und den Kern seines Existenzprojektes "Jugend" nicht trotz großartiger Sprache und Konzeption verfehlt hat. Es fällt schwer einen Schlussstrich unter das Buch zu ziehen, man müsste es eigentlich noch mal von vorne lesen, man müsste ihm 5 und doch nur einen Stern geben; man müsste die Wahrheit darin suchen und sie nicht einfach aus jedem Satz nehmen. Man kann es auch ganz "einfach" formulieren: Die Ambivalenz dieses Werkes ist nahezu unüberblickbar. Es ist großartig konstruiert; es ist grausam und zweifelhaft; poetisch und einfach; erfassend und pedantisch. Es ist ein Leseabenteuer, denn Kundera hat die Gabe, echtes Leben zu schreiben. Aber vielleicht ist das Leben trotzdem anderswo. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
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