...hinterlässt sie einen fahlen Nachgeschmack.
"Das Leben hat täglich Geburtstag- Gedichte, Märchen und Gedanken" - so der Titel des Buches von Hans Kruppa. Die Gedichte und Gedanken sind voller Poesie, beleuchten die Hintergründigkeit des Lebens in leichter, gewandter und bildhafter Sprache, ein echter Lesegenuss.
Die Märchen dagegen blieben mir wie ein stacheliger Kloß im Hals stecken. Da sträubte sich etwas in mir gegen die moralinsaure Schwarz-weiß-Malerei, die süßlichen Kitsch mit belehrend-bekehrenden Unterton vermengt. Beispiel: Das Herz eines Engels, S. 105:
"Wir schließen die Tür unseres Hauses nicht ab. Von der nächsten Woche an muß Amila jeden Morgen in die Schule der Stadt gehen, in der die Menschen die Türen ihrer Häuser verriegeln... Sie wird Stunden mit Kindern verbringen, die von ihren Eltern zu wenig oder vielleicht sogar gar keine Liebe bekommen haben. Wir sollten Amila darauf vorbereiten." "Das habe ich mir auch schon oft gesagt", gab Keno zur Antwort, "aber ich weiß nicht, wie wir es tun sollen, welche Worte wir wählen müssen. Amila bricht ja schon fast in Tränen aus, wenn sie sieht, dass ein anderes Kind einen Blumenstrauß pflückt. Wollen wir ihr erklären, dass es in der Stadt Kinder gibt, die Katzen und Hunde quälen, dass es Jungen gibt, die sich prügeln und treten? Dass es Mädchen gibt, die sich gegenseitig kratzen, beißen und an den Haaren ziehen? Wir könnten damit die Reinheit ihrer Seele trüben, ich fürchte, ich würde es nicht übers Herz bringen." "Aber wenn das Verhalten der Kinder in der Stadt sie bestürzt und entsetzt, wird sie zurecht fragen, warum wir sie nicht gewarnt haben", gab Sina zu bedenken. Keno seufzte tief: "Ja, aber sie ist kein gewöhnliches Kind, und das macht unsere Aufgabe so schwierig."
Das außergewöhnliche, engelsgleiche, mildtätige, glanzumwobene, zarte, überirdische Mädchen besucht genau zwei Wochen lang die unerträgliche Schule, bis sie schließlich die Rettung in Fieber und Tod findet....
Bei allem verständlichen Wunsch nach einer heilen, liebevollen Welt sind derart übersteuerte Wertbilder mit haarscharfer Trennung in "rein" und "verachtenswert" lebensfremd und als Maßstab wenig hilfreich, die Geschichten beim Lesen darüberhinaus auch schlichtweg langweilig. Schade.