Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Wann sollte man besser aufhören zu wünschen?, 13. September 2009
Thomas Glavinic hat mit "Das Leben der Wünsche" einen meiner neuen Lieblinge geschrieben. Das Buch verläuft zwar in ganz anderen Bahnen als man erwarten würde, ist aber trotzdem auf seine eigenartige Art und Weise gut!
Jonas ein Werbetexter, der mehr Zeit an der Luft als im Büro zu verbringen scheint, trifft einen eher zwielichten Mann im Park. Dieser nicht gerade märchenhafte Dschinn, der aber trotzdem sehr blau zu sein scheint, verspricht ihm spontan drei Wünsche. Nach einigem hin und her äußert Jonas dann auch drei Wünsche. Zuerst passiert noch nichts, doch plötzlich beginnen seine geheimen Wünsche und Verwünschungen sich selbstständig zu machen. Auf Jonas Wegen passieren sonderbare Dinge, seine Frau stirbt und macht Platz für die Geliebte, ein nerviger Fußgänger wird prompt überfahren und sogar die Aktienkurse steigen nach Wunsch. Doch hier müsste Jonas schon auffallen, dass langsam alles aus dem Ruder gerät, denn er wird durch seine Wünsche nicht glücklicher, im Gegenteil er wird immer ruheloser und apathischer bis er sich schließlich und letztendlich selbst ins Verderben stürtzt.
Man darf hier nicht mit einem Thriller rechnen, es ist keiner. Vielmehr rührt das Buch in dem Leser, nach den eigenen Wünschen. Was würde passieren, wenn all unsere Unbedachten Wünsche plötzlich wahr würden? Würden wir dann etwa in einer Wunscheuphorie ersticken? Würden wir vorsichtig wünschen? Was würden wir uns wünschen?
Durch die intelligente und komplexe Sprache baut der Autor eine Analyse der Gesellschaft auf, eine Welt in der Fantastik und Realität zu nah beieinander liegen. Gefährlich ist es für den Menschen in dieser Welt sich leichtfertig etwas zu wünschen, doch auch lernen tut er nichts.
Unser Protagonist scheitert am eigenen Glück, er wird krank vor Glück, jeder Wunsch macht ihn kränker.
Das Buch würde von mir alle Sterne bekommen, wenn ein paar Fragen geklärt werden würden und das Ende nicht ganz so abstrus wäre. Auch den Wunschverteiler hätte ich gerne noch einmal getroffen, über ihn erfahren wir Leser leider nichts mehr, man lässt uns alleine und grübelnd zurück. Noch nach der letzten Seite muss man über dieses Buch nachdenken und weiß nicht recht woran man ist und genau das macht es ja auch aus!
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34 von 49 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Unsere Vorstellungen von der Wirklichkeit oder Wissen ist besser als schätzen, 17. August 2009
"Der Wunsch ist ein Begehren oder Verlangen nach einer Sache oder einer Fähigkeit, ein Streben oder zumindest die Hoffnung auf eine Veränderung der Realität oder das Erreichen eines Zieles für sich selbst oder für einen anderen." So nüchtern ist es in der freien Enzyklopädie Wikipedia nachzulesen. Viele Philosophen, Psychologen und Literaten, aber auch die Religionen haben sich mit diesem menschlichen Phänomen auseinandergesetzt.
In der Literatur und ganz besonders im Märchen wird dem Wünschen oft ein magischer Charakter zuteil. Meist hat der Protagonist drei Wünsche frei, deren Erfüllung ihm zugesichert und gewährt wird. So beginnt auch Thomas Glavinic' neuer Roman. Der fünfunddreißigjährige Familienvater Jonas, Texter in einer etwas chaotischen Werbeagentur, wird in seiner Mittagspause von einem diffusen Typen auf der Straße angesprochen, der ihn offensichtlich sehr gut zu kennen scheint. Zumindest weiß er viele - inklusive pikante - Details aus seinem Leben aufzuzählen, zu denen auch die intensive außereheliche Liaison mit der Flugbegleiterin Marie zählt. Widerwillig lässt sich Jonas von dem eigenartigen Mann mit Goldkettchen, weißem Anzug und Bierfahne überreden, auf einer Parkbank Platz zu nehmen. Dort überrascht ihn jener mit der lächerlich erscheinenden Aussage: "Ich bin keine Fee, und das hier ist kein Märchen. Ich erfülle Ihnen drei Wünsche. Nennen Sie sie!"
Jonas, der an einen Scherz seiner Kollegen glaubt oder an einen Erpresser, der mit dem Wissen um seine private Situation einen Vorteil herausschlagen will, tut diese ungewöhnliche Aussage als Lächerlichkeit ab. Mehr in Gedanken als bewusst sinniert Jonas über die potentielle Erfüllung seiner Träume und Begehrlichkeiten: "Ich könnte mir wünschen zu erfahren, ob das Leben einen Sinn hat. [...] Ich hätte gern mehr über den Tod gewusst, ehe ich sterbe [...] Aktiver zu sein, neugieriger, lebendiger. Neues auszuprobieren! [...] In Zukunft und Vergangenheit schauen. [...] Vor allem möchte ich verstehen! Ich will die Dinge und Verhältnisse verstehen, wenigstens ein wenig, [...] Größe könnte ich mir in meinem Leben wünschen, Dramatik und Besonderheit [...] Ich könnte mir einen sinnvollen Tod wünschen, damit er besser zu ertragen ist..."
Diese spinnerten Gedankengänge sollen sich im Laufe der Geschichte einstellen, mehr langsam als plötzlich, mehr unbewusst als klar erkennbar. Jonas' bis dato eher dahinplätscherndes und bequem eingerichtetes Leben nimmt einen radikal anderen Verlauf. Die zu Beginn beschmunzelte, ja zweifelhafte Begegnung mit der "zauberhaften Fee" weicht einer erschreckend realistischen Wirklichkeit. Deren märchenhafte Versprechungen scheinen ungeheuerliche Wahrheit zu werden. Schon bald schiebt sich eine große Wolke vor das sonnige Leben des Protagonisten, deren dunkle Schatten nicht nur Jonas, sondern auch den Leser mit hinab in den Abgrund reißen, den die Hauptperson unbeirrt ansteuert.
Gleichzeitig offenbart die Handlung eine wunderschöne Liebesgeschichte, bar jedweden Pathos und Tand. Ein märchenhaftes Happy End darf jedoch nicht erwartet werden. Das hat der österreichische Autor schon in "Die Arbeit der Nacht" verweigert. "Das Leben der Wünsche" ist auf nahezu unheimliche Art und Weise mit jenem Roman verwoben und eine Lektüre des 2006 erschienenen Buches nahezu ein Muss. Schon allein deshalb, um den imposant-brillant gespannten Bogen, der beide Werke verbindet - obwohl jedes Buch für sich steht -, zu verinnerlichen und fasziniert zu betreten. Ein Hinüberwechseln von A nach B ist auf jedwede Manier möglich, egal welchen Text man zuerst liest.
Wie ein Sog zieht das Geschehen den Leser ins Buch. Alles verschwimmt, schiebt sich ineinander, weich und kräftig, diffus und klar, imaginär und wahrhaftig, "durchtanzt von Farben und Geräuschen und Bewegungen". Gefühle werden ausgelöst und an die Oberfläche gezogen. Am Ende wird man nur mühsam aus dem Text, der - ganz Thomas Glavinic - viele Fragen offen lässt, auftauchen. Und es braucht gewiss einige Zeit, die suggestive Gefangennahme, die faszinierende Ergriffenheit, aber auch irritierende Verstörtheit abzuschütteln und sich aus dem Netz zu befreien, dass der Schriftsteller unmerklich um den Leser legt. Ja, es braucht Zeit, um wieder am realen Leben teilhaben.
Fazit:
In einer nüchternen und beschreibenden, keineswegs jedoch unverständlich-avantgardistischen, sondern stets gut lesbaren Sprache, ist Thomas Glavinic ein Wurf auf literarisch und stilistisch allerhöchstem Niveau gelungen.
Die Textpassage aus Roberto Bolaños (1953-2003, chilenischer Schriftsteller) "Der unerträgliche Gaucho", die der österreichische Autor seinem Roman vorangestellt hat, trifft den Inhalt des vorliegenden Buches aufs Vortrefflichste: "Ich nehme an, ich will sagen, dass Kafka begriff, dass Reisen, Sexualität und Bücher Wege sind, die nirgendwohin führen, auf die man sich aber dennoch begeben muss, um sich zu verirren und wiederzufinden oder um etwas zu finden, was auch immer, ein Buch, eine Geste, einen verlorenen Gegenstand, irgend etwas, vielleicht eine Methode, mit etwas Glück: das Neue, das, was immer schon da war."
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6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Anders als erwartet, aber gut..., 19. August 2009
"Erzähler erzählen Geschichten, Erzähler von Rang wie Thomas Glavinic erschaffen Welten, in denen wir uns verlieren". Diese Äußerung, die der Journalist Ulrich Weinzierl über ein frühres Buch von Thomas Glavinic "Die Arbeit der Nacht" gemacht hat, beschreibt auch sehr trefflich das neue Werk des Autors "Das Leben der Wünsche".
Thomas Glavinic erschafft die neue Welt. Die Welt des Jonas. Jonas, ein Mittdreißiger, der zwischen seinem nicht besonders glücklichem Familienleben, der langweiligen Arbeitsstelle und der neuen bezaubernden Geliebten Marie vegetiert, und aus dieser Situation das Beste zu machen versucht, trifft eines Tages auf einem merkwürdigen Unbekannten, der ihm anbietet drei Wünsche zu erfüllen. Obwohl sehr skeptisch und eher amüsiert als ernsthaft wünscht sich der Jonas gleich als erstes, dass alle seine Wünsche in Erfüllung gehen. Er möchte sein Leben verändern, er möchte alles erfahren und alles wissen und glaubt dabei nicht im Geringsten daran, dass ihm der komische Mann die Wahrheit erzählt.
Zuerst geschieht auch nichts. Laut ausgesprochene Wünsche bleiben einfach unbeachtet. Er vergisst den seltsamen Fremden und macht wie bisher weiter. Erst nach und nach verändert sich sein bislang unspektakuläres Leben. Der Protagonist gewinnt dank seinen Aktien ziemlich viel Geld, er entgeht nur um Haaresbreite dem Tode und einer seiner kleinen Söhne fängt endlich, seinem Alter gerecht, zu wachsen. Doch dann passieren auch diese merkwürdigen und oft sehr gruseligen Sachen. Der erste Schock kommt mit dem plötzlichen Tod seiner Ehefrau Helen. Außerdem wird Jonas ein Zeuge eines Überfalls, muss mit Überflutungen und Geistern kämpfen und verfällt immer wieder in den sonderbaren Zustand der Nichtigkeit. Auch das Glücklichsein mit Marie lässt auf sich warten.
Leser, die eine Geschichte mit dem Dschinn und der Wunderlampe erwarten, werden sicher enttäuscht. Es kommt keiner, der dem Jonas hinterher läuft und alle seine Wünsche sofort befriedigt. Was er jedoch in dem Gespräch mit dem Unbekannten verlangt hat, bekommt er auch. Es ist alles drin: der Tod, das Leben, die Trauer, die Liebe, die Angst und die Lust. Ob die alle Ereignisse nur eine Folge des Zufalls oder der innigsten Wünschen des Jonas waren, ob alles wirklich so passiert ist oder ob der Jonas uns nur die Bilder seiner Fantasie erzählt hat, bleibt am Ende offen.
Hat er, Jonas, der schon immer den Drang zu Katastrophen und Gruseligkeiten verspürt hat, der aber nie im Leben jemanden offen und ernsthaft den Tod wünschen würde, es wirklich durch sein inneres Verlangen geschafft einen Menschen umzubringen? Das wird man spätestens dann erfahren, wenn eine neue Geliebte auf dem Horizont steht und die alte Partnerin dann wieder mal ganz plötzlich von der Oberfläche verschwindet. Nur eins ist in diesem Buch sicher, hier regiert der Jonas. Es sind seine Gedanken, seine tiefe Wünsche und es ist seine unglaubliche Welt. Da bleibt nur die Frage offen, angenommen es gebe diesen unbekannten Wünscheerfüller, wie würde unsere Welt denn aussehen?
Thomas Glavinic verbindet eine sehr gute Idee und einen ungewöhnlichen Stil zu einer spannenden, bewegenden und zugleich zum Nachdenken anregenden Geschichte. Obwohl ich, nach dem Lesen der Leseprobe von dem Inhalt her, etwas ganz anderes erwartet habe, wurde ich nicht enttäuscht. Die Geschichte ist kein Märchen. Sie zeigt die Gefahren, die sich in den menschlichen Gedanken verbergen. Sie zeigt wie groß das Risiko ist, das wir jedes Mal erzeugen, in dem wir einer anderen Person auf der Geburtstagskarte "mögen sich alle deine Wünsche erfüllen" schreiben.
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