"Das Leben der Wünsche" setzt Glavinics früheres Werk "Die Arbeit der Nacht" thematisch fort. Jonas ist verheiratet, liebt seine zwei kleinen Söhne abgöttisch und ist dennoch mit seinem Leben unzufrieden. Er wünscht sich aktiver zu sein, mehr zu erleben und mehr vom Sinn des Lebens zu verstehen. Er betrügt seine Frau Helen mit der verheirateten Marie, die er am liebesten ganz für sich alleine haben möchte. Er arbeitet mehr schlecht als recht in einer Werbeagentur, in der scheinbar alle Kollegen noch weniger motiviert als er selbst sind, dennoch bekommt er nur die Routineaufgaben übertragen.
In dieser Situation wird Jonas von einem Fremden in der Mittagspause abgepaßt. Der Fremde (mit Goldkettchen behangen und nach Alkohol riechend) weiß über Jonas Leben bescheid und bietet Jonas an, ihm seine Wünsche zu erfüllen.
Jonas körperlich etwas zurückgebliebener Sohn beginnt zu wachsen und die Entwicklung seines Aktiendepots kennt nur noch eine Richtung. Jonas Leben wird spannender, er erlebt eine Mord an einer Tankstelle. Jonas wird draufgängerischer. Jonas wird interessanter, die Presse reißt sich um ihn, nachdem er nur knapp einem Flugzeugabsturz entgangen ist.
Erst als sich seine privaten Verstrickungen zu entspinnen beginnen, wird für Jonas auf dramatische Weise deutlich, dass die Erfüllung seiner Wünsche für sein Umfeld schlimme Folgen haben kann. Seine Frau stirbt, und wenig später hat er auch Marie für sich alleine. Es ereignen sich zunehmend abstrusere Vorkommnisse. Naturkatastrophen brechen über sein Umfeld herein und ein befreundetes Ehepaar bittet Jonas zum Sex zu dritt. Jonas beginnt zu ahnen, dass nicht nur seine bewußten, sondern auch seine unterbewußten Wünsche sich zu erfüllen beginnen. Er bekommt Angst davor, welche Wünsche er eventuell noch vor seinem Bewußtsein geheim hält.
Glavinic hat ein kluges und hintergründiges Buch geschrieben. Was passiert wenn alle Wünsche wahr werden? Nähert sich Jonas seinem Glück oder ist sein Leben dem Untergang geweiht, wenn im übertragenen Sinne alles zu Gold wird, was er anfaßt? Eine fast schon klassisch-griechische Kernfrage der Philosophie. Schnell stellt sich dem Leser die Frage, was sich Jonas eigentlich wirklich wünscht. Wird ihm Geld und Sex ausreichen oder wieviel Leid wird er seinen Mitmenschen zumuten? Ist sein erster Reflex noch der Wunsch nach Weltfrieden gewesen, sprechen die wahrwerdenden Wünsche schnell eine weniger friedfertige Sprache. Welche dunklen Abgründe werden sich auftun?
Wie immer bei Glavinic besticht der Roman durch eine minimalistische Sprache. Die Sätze sind zumeist kurz, die Dialoge prägnant. Für den Leser besteht dadurch die Gefahr, das Buch sehr schnell zu lesen und so mit dem Nachdenken über das Geschrieben (und vor allem das Nichtgeschriebene) nicht hinterherzukommen.
Dennoch vergebe ich nur 4 von 5 Sternen und habe sogar über eine noch niedrigere Bewertung nachgedacht. Glavinic läuft meiner Meinung nach Gefahr, es sich zu einfach zu machen. Seine Bücher leben zunehmend davon, in Andeutungen und im Ungewissen zu verharren. Er arbeitet mit bedeutungsschweren aber surrealen Vorkommnissen. Die eigentliche "Arbeit" überläßt er nicht der "Nacht", sondern dem Leser. Dem Leser bleibt es überlassen, die zwischen den Zeilen versteckten Fragen und Gedanken auszusprechen und zu überdenken. Eigentlich spielt in Glavinics Büchern die Handlung nur noch eine untergeordnete Rolle. Dass es keine Happy-Ends gibt, ist dabei nebensächlich. Das Ende seiner Bücher ist insgesamt sogar egal, da das Ende seiner Bücher ja im Kopf der Leser nach dem Wegleben des Romans stattfinden soll. Somit wird auch jeder individuelle Leser, "Das Leben der Wünsche" anders lesen (und verstehen). Glavinic spielt mit dem Hype um seine eigene Person und vertraut darauf, dass dieser Hype ihm erlaubt erzählerisch minimalistische Bücher zu schreiben. Er versucht dieses auszugleichen, indem er verwirrende Elemente in seine Romane einflechtet. Bewußt läßt Glavinic Personen in der Handlung auftreten, deren Beziehung zu Jonas erst viel später im Roman aufgeklärt werden. An anderer Stelle wird ein lateinischer Sinnspruch eingeflochten, der sich sehr vielseitig übersetzen läßt. Es besteht der Verdacht, dass die literarische Nebelkanone eingesetzt wird, um die Schlichtheit des erzählerischen Bühnenbildes zu kaschieren.
Glavinic war noch nie ein Autor, der für seine Bücher recherchieren mußte. Seine Bücher entsprechen eher einem Gedankenexperiment. Am Anfang steht eine Idee. Was wäre, wenn. Die für mich zunehmend interessante Frage ist, was gewesen wäre, wenn dieses Buch von einem No Name Autor verfaßt worden wäre? Wäre die öffentliche Perzeption ähnlich positiv?
In vielen der Beurteilungen zu Glavinic Romanen ist zu lesen, dass man seine Bücher mehrfach lesen müsse, um sie voll zu ergründen. Dieser Beurteilung liegt vermutlich zugrunde, dass viele Leser am Ende seiner Bücher zunächst ein Gefühl der Enttäuschung verspüren: Das war schon alles? Mir ging es bei "Das Leben der Wünsche" ähnlich. Daher werde ich nun tatsächlich das Experiment wagen und "Die Arbeit der Nacht" (im Abstand von 18 Monaten) zum zweiten Mal lesen, um herauszufinden, ob diese Wiederholung tatsächlich zu einer veränderten Aufnahme des Gelesenen führt.
Insgesamt bleibe ich dennoch bei 4 Sternen, da "Das Leben der Wünsche" eine Buch ist, welches zum Denken anregt und die Grundidee des Romans nicht nur kreativ, sondern auch ungewöhnlich ist.