"Das Leben der Tiere" - wie es sein sollte... J. M. Coetzee verpackt seinen Apell an einen angemessenen Respekt und ein entsprechendes Verhalten den Tieren dieser Welt (egal ob Nutztier oder Begleiter des Menschen) gegenüber in eine kleine Geschichte. Der Erzähler hadert mit den Ansichten seiner Mutter zum Thema Mensch und Tier. Die Komplexität dieses kleinen Bandes ist verblüffend, denn das eigentliche "Plädoyer" wird unterschwellig vermittelt über Poetologie, Öko-Management, allgemeine Ehtik und Fragen der inneren Einstellung der Menschen dieser Zeit. Erst im Zusammenspiel von vielen Einzelaspekten wird die Brisanz des Themas (Das Leben der Tiere) deutlich: Rahmenhandlung (Ankunft der Mutter = Problem aufgrund streitbarer Lebenseinstellung), Vortragsthema der Mutter, Dimension öffentlicher Verhandlung und kompromißloser Rechtfertigung einer seltenen Weltanschauung und nicht zuletzt der anschließenden Kafka-Erzählung "Ein Bericht für eine Akademie", die im Anschluß an die einfühlsame Darstellung sehr brutal wirkt, auch, oder gerade, wenn man sie schon vorher gelesen hat. Durch Coetzees Plädoyer wird die Aktualität von Kafkas Erzählung deutlich und es erscheint dringlicher als jemals zuvor, den Tieren wieder ihren würdigen Platz in der Schöpfung einzuräumen. Nicht irgendeinen Verschlag, sondern einen ihrer Natur entsprechenden würdigen Ort. Die Argumentationslinie Coetzees ist so diffizil, daß sie immer aufs Neue überrascht und die gewünschte Aufmerksamkeit der Leser nicht in Stammtischmanier, sondern über viele inhaltliche und erzählerische Aspekte aufrechterhält. Es erfolgt eine Einfühlung in die Situation der Tiere, die (wie von selbst) Antworten liefert, die zwar offensichtlich und logisch sind, aber selten vom Menschen in einen würdigen Umgang mit Tieren umgesetzt werden. Coetzee liefert ein "leises" Plädoyer für die Tiere, dessen Botschaft unmerklich -wie von selbst- laut und lauter wird.