«Schlagt eure Zelte weit voneinander auf, aber nähert eure Herzen», mit diesem arabischen Sprichwort im Sinn versucht der Rezensent (der nicht im Zelt der orthodoxen Muslime wohnt), sich dem Menschen Muhammad «mit dem Herzen zu nähern». Ibn Ishaqs Biographie des Propheten kommt ihm da gerade recht, war doch der Autor ein begeisterter Geschichtsschreiber, dem es um objektive unverfälschte Darstellung ging! Zu seiner Zeit war das freilich keineswegs selbstverständlich und folgerichtig wurde sein Werk auch den orthodoxen Theologen verdächtig. Leider ist die Biographie nicht unmittelbar überliefert, sondern nur in der Bearbeitung von Ibn Isham (gest. 830), der u.a. Berichte, «über die es keine koranischen Offenbarungen gibt», sowie «Nachrichten, über die zu sprechen widerwärtig ist», einfach weggelassen hat. Die erstgenannte Zensur ist besonders schmerzlich, denn gerade die Berichte über die außerkoranischen Sprüche des Propheten (über die sogenannten Hadithe) hätten zur Prüfung der Authentizität manch zweifelhafter Teile der Sunna herangezogen werden können. Und Muhammads esoterische Seite, die sich besonders in den sogenannten «hadith qudsi» zeigt und ein hochbedeutendes inneres Wissen offenbart, wird ganz und gar ausgeblendet. Das Schwergewicht liegt auf den äußeren kriegerischen Ereignissen. Dabei hat Ibn Isham einige Stellen mit Rücksicht auf die zu seiner Zeit herrschenden Abbasiden (also im Sinne anti-umayyadischer Propaganda) bearbeitet. Die Übersetzung von Gernot Rotter ist ganz vorzüglich und mit Anmerkungen, einem sehr aufschlussreichen Personenregister und kompetenten Literaturhinweisen ausgestattet.
Ein schönes Beispiel für die Wahrheitsliebe von Ibn Ishaq sind die beiden Kapitel über die Himmelsreise des Propheten, wo er (ohne sie zu kommentieren) verschiedene Versionen der Geschichte, die zum Teil einander widersprechen, nebeneinander stellt. - Gerade die Teile, die Muhammad in einem menschlich unvollkommenen Licht zeigen, bezeugen die Authentizität des Textes. Wir erleben Muhammad u.a. als gerissenen Feldherrn in der Grabenschlacht («... versuche Zwietracht unter unsere Feinde zu säen! Krieg ist nun einmal Betrug»), aber auch wankelmütig und beeinflussbar (beim Kampf am Brunnen von Ma'una, der ein kurios-unglückliches Ende nimmt). Wahrhaft erschütternd ist das Kapitel über die Schlacht von Uhud: Muhammad erlebt seine schwärzeste Stunde. Zutiefst gedemütigt, verwundet, entstellt (er verliert einen Schneidezahn), lässt er sich in seiner Verbitterung dazu hinreißen, «[bei einem Rachefeldzug] dreißig Männer [der Quraish] verstümmeln [zu wollen]», was ihm die Offenbarung der Verse 16:126 des Koran sogleich wieder ausreden muss. (Die von Ibn Ishaq zitierten Koransuren werden übrigens stets im Zusammenhang ihrer konkreten Veranlassung angeführt, was ihrer Verständlichkeit sehr zuträglich ist.) Ja, und dann das Massaker an den jüdischen Banu Quraiza, für das Muhammad zuerst die Verantwortung auf Sa'd ibn Mu'adh abschiebt, um es dann gleichwohl, anscheinend ungerührt, selbst durchzuführen. Mögen die frommen Muslime diesen Vorfall als jenseits von Gut und Böse ansehen, dem Rezensenten lief es beim Lesen eiskalt den Rücken hinunter! Und mit einem Mal wurde er sehr, sehr traurig... Kann man sich dieser Seite des Propheten wirklich «mit dem Herzen nähern»?
Die besiegten Banu Mustaliq andererseits hatten Glück: Muhammad verliebt sich spontan (unter den Augen der eifersüchtigen Aisha) in die Tochter des Stammesfürsten und heiratet sie auf der Stelle, was sämtlichen Gefangenen dieses Stammes die Freilassung einbringt! Ist es Zufall, dass unmittelbar danach das Gerücht von Aishas Seitensprung mit Safwan ibn Mu'attal auftaucht? Neben der schillernden Aisha gibt es weitere hochinteressante Nebenfiguren, den streitbaren Umar, der nach seiner Bekehrung zum 150 %-igen Muslim wird und keine Gelegenheit auslässt kundzutun, wie gerne er «jedem Ungläubigen den Kopf abschlagen würde», den sanften Abu Bakr, die dämonische Hind usw. Merkwürdigerweise sind aber Fatima und Ali fast überhaupt nicht präsent (ist womöglich auch hier politische Zensur am Werk gewesen?).
In den beiden Schlusskapiteln beschleunigt sich das Geschehen dramatisch: Muhammad beneidet die Toten auf dem Friedhof, denn er sieht die kommenden Bürgerkriege unter den Muslimen «wie Fetzen der finsteren Nacht» herannahen und entscheidet sich ganz bewusst - zu sterben! Seine religiöse Mission ist erfüllt, die politische gescheitert, es gibt für ihn nichts mehr zu tun... Umar verdrängt Muhammads Tod, er verkündet öffentlich, der Prophet werde zurückkehren und werde «denjenigen Hände und Füße abschlagen, die behauptet haben, er sei gestorben». Doch Abu Bakr, der von den Muslimen der Aufrichtige (al-Siddiq) genannt wird, entgegnet darauf schlicht: «Oh ihr Menschen! Wenn jemand Muhammad anbetet, Muhammad ist tot! Wenn [aber] jemand Gott anbetet, Gott lebt und wird nie sterben!»