Dem französischen Historiker Robert Fossier geht es in diesem 500-seitigen Werk weniger um die Darstellung von Zahlen und historischen Begebenheiten, sondern um den "einfachen" Menschen und sein ganz alltägliches Leben. Der Autor beleuchtet Krankheiten und Nöte, das Verhältnis von Mann und Frau, Kinder, die Bedeutung von Familie, Verwandtschaft, das Leben im Alter, Natur, Wetter, Sexualität, Arbeit, Unterbringung, Bodenerträge, Wald, Tiere u.v.m. Der Autor bezieht sich dabei auf mittelalterliche Darstellungen in Bildern, Handschriften, Buchmalerei, Erzählungen, Versepen, Zunftstatuten etc.
Ich möchte auf die Themen Frauen und Sexualität etwas näher eingehen: Frauen im Mittelalter hatten keine Stimme. Da überwiegend Kirchenväter - und dies widerum ledige Männer - schriftliche Aufzeichnungen führten und diese (Männer) kein Interesse an einer Darstellung aus weiblicher Sicht hatten, fehlen hier weitgehend die Quellen. Dennoch vertritt Fossier im Gegensatz zu anderen Historikern die These, dass es den Frauen im Mittelalter materiell besser ging, als hinlänglich angenommen wird, während er den rechtlichen Status der Frau als miserabel ansieht. Voranstellen muss man, dass der Einzelmensch praktisch verloren war und dass das mittelalterliche Leben ein Leben in der Gemeinschaft ausmacht. Den Begriff "Individuum" gab es noch nicht. Die Ehe setzte sich als Keimzelle der Familie durch. Die Rolle der Frau in der Ehe war es, dem Mann bedingungslosen Gehorsam zu schulden. Sie musste ihm Nachwuchs gebären, für seine Gesundheit sorgen und seine sexuellen Wünsche befriedigen. Eine Frau war jedes zweite Jahr schwanger. Viele starben im Kindbett. Der Altersunterschied zwischen Mann und Frau betrug meist 10-15 Jahre, was zu Bevormundungen und Seitensprüngen führen konnte. Ein "gehörnter Ehemann" sei allerdings in der Literatur stets als lächerliche und sogar verabscheuungswürdige Figur dargestellt. Frauenarbeiten waren scheren und kämmen, spinnen und nähen, flechten und weben. Frauen dominierten das Geschäft der Leder-, Filz- und Stoffverarbeitung. Die vielen Schwangerschaften und die Erfordernis von besonderer Körperkraft schränkten jedoch die Erwerbstätigkeit ein.
Der biblische Imperativ "Seid fruchtbar und mehret euch", steht seit dem Mittelalter der kirchlichen Verehrung der Jungfrau Maria als Ideal der Weiblichkeit gegenüber. Der Geschlechtsakt war nur statthaft, wenn er der Zeugung diente. Die Frau war dabei nur ein Gefäß, in das der Samen hineingegossen wurde. Sexuelle Symbole bildeten das Haar und die Arme. Mit dem christlichen Denken änderte sich das Verhalten gegenüber früherem Sexualverhalten: Masturbation, Pädophilie, Analverkehr und Homosexualität wurden bestraft (im Altertum war dies nur die Pädophilie). Die Prostitution wirkte im Mittelalter wie ein gesellschaftlicher Regulator, der die öffentliche Ordnung aufrechterhalten half. Es herrschten ungewöhnlich freizügige Sitten, was sich aus der hohen Zahl an Strafen, die verhängt wurden, schließen lässt. Die Kirche versuchte akribisch, Wollust als Gefahr für die Seele darzustellen, konnte sich damit nur nicht so ganz durchsetzen.
Robert Fossier beleuchtet alle diese Themen sehr ausführlich und gekonnt. Es ist klar, dass er dieses Werk mit einem umfassenden Hintergrund geschrieben hat. M.E liest es sich nicht unbedingt wie ein Krimi, ist aber gut für den Laien verständlich. Ich hätte es besser gefunden, wenn den Kapitelüberschriften im Inhaltsverzeichnis auch noch die Unterüberschriften mit Seitenzahlen hinzugefügt wären. Für den Wissenschaftler fehlt ein Quellenverzeichnis. Dass es Fossier um den "einfachen Menschen" geht, finde ich sehr gut.