Dies eiskalte Wörtchen
Javier Marías' Glossen und Halbporträts
Auf der Foto aus Javier Marías' imposanter privater Dichterporträtsammlung, abgedruckt in dem Band «Geschriebenes Leben» , sieht Rainer Maria Rilke, den der Spanier (deswegen?) für den zweifellos grössten Dichter des Jahrhunderts hält, mit seinem länglichen Profil, den dunklen Augen und dem dünnen Schnauzbart ausgesprochen spanisch aus. Marías nennt den Gesamteindruck «mongolenhaft» und fasst zusammen: «Er könnte ein visionärer Arzt sein, der in seinem Labor auf das Ergebnis eines infamen Experiments wartet.» (Stimmt. Oder eben ein Matador beim Meditationstraining.) Der Aufsatz «Vollendete Künstler» damit sind tote gemeint , in dem der Autor die schönen Porträts seiner geliebtesten (oder gehasstesten) Kollegen interpretiert, gehört zum Besten des Bandes. Mit dem Instrumentarium einer ausgefuchsten Photographologie rückt Marías den Idolen nicht nur auf die Pelle, sondern auch unter dieselbe und stülpt das Innerste erbarmungslos nach aussen.
Über den jungen André Gide «mit Bart, Cape und Hut»: «eine ordentliche Portion Imponiergehabe . . . er sieht beinahe aus wie ein professioneller Duellant.» Über Oscar Wilde: Er «sehnt sich sichtlich danach, ein gut aussehender Mann zu sein, und blickt so drein, als wäre er es tatsächlich». Über Nietzsche: «Es ist, als wäre seine ganze Haltung nur notdürftig mit Nadeln festgesteckt.» Nabokov: «ein Komiker, der dies nicht offen zugeben will». Über T. S. Eliot: «Es macht ihm überhaupt nichts aus, dass seine Segelohren durch das plattgedrückte Haar noch betont werden, denn er ist sich darüber im Klaren, dass sie es sind, die seinen Kopf einzigartig machen.»
Dass Schriftsteller so eitel sind wie andere Menschen auch, ist nur ein Topos; aber der Photographologe Marías arbeitet die Nuancen der Selbstdarstellung heraus, die deutlich machen, dass es selbst auf dem Olymp nicht anders zugeht als auf dem Schulhof: Die einen haben es nötiger als die anderen. Die einen drängeln und schubsen sich in der ersten Reihe herum, die anderen warten gelassen ab, dass man ihnen freundlich sein Ohr leiht. Marías' Sympathie gehört Letzteren; also nicht dem sich effekthascherisch in kurzen Hosen auf einen Schmetterling stürzenden Nabokov (obwohl er ihn als Schriftsteller weit mehr schätzt als etwa Thomas Mann), sondern dem fast «hilflos» wirkenden Borges, dem intelligent dreinblickenden Henry James, dessen Gesicht «aus einem Guss» ist, oder Laurence Sterne mit seinem «Lächeln von boshafter Liebenswürdigkeit» «einer der wachsten Blicke in einem Jahrhundert voll wacher Blicke». (Hier handelt es sich natürlich um ein photographiertes Gemälde.)
Die ironischen Halbporträts, die der Hauptteil des Bandes versammelt, kommen nicht ohne das Element des Anekdotischen und Klatschhaften aus, das auch jede Künstlerbiographie würzt; nur würzt Marías extrascharf, denn seine Halbporträts verhalten sich zu herkömmlichen Monographien wie Kurzgeschichten zu Romanen, die verwendete Menge Salz, Pfeffer und Paprika ist aber die gleiche. Recht so, und ebenso recht, dass er seine Porträts nach besonderen Vorkommnissen sortiert; denn wer sich keine Liebschaften, keine Prügeleien, keine Delirien und auch kein Harakiri leistet was in Teufels Namen sollte man über so einen verzweifelten Langweiler zu Papier bringen? Umgekehrt proportional zu ihrer Wertschätzung werden dem Autor also diejenigen Exemplare der Gattung spürbar interessanter, die sich durch ihre Eskapaden hervortun, wie z. B. Yukio Mishima, der das Harakiri als die «definitive Masturbation» bezeichnet, zu ihrer Ausführung aber gleichwohl eines oder gar zweier Assistenten bedarf. Oder natürlich Oscar Wilde, dessen luxuriöse Arbeitsmoral morgens «ein Komma» zu entfernen, um es nachmittags wieder einzufügen der hochproduktive Marías offensichtlich für lausig hält. Wildes spätes Schicksal (das Zuchthaus und die Folgen) kommentiert der strenge Spanier denn auch mit ziemlich kaltem Herzen.
Wen oder was aber bewundert er? Er bewundert Nabokov, der als Torwart in Cambridge allem Anschein nach «sogar unhaltbare Tore» hielt (gemeint sind sicher Torschüsse); Turgenjews aristokratische Traurigkeit; Stevensons heroischen Verzicht auf Tabak, Wein und Freunde, denn der Schotte war mit einer Frau verheiratet, deren «herrische, ja sauertöpfische Miene offen gestanden etwas Unsympathisches hat». (Marías besitzt nicht nur eine erklärte Abneigung gegen das Adjektiv «tödlich» oder das Verb «frönen», sondern auch eine Vorliebe für die Wendung «offen gestanden», selbst dann, wenn es gar nicht um Geständnisse geht.) Und er bewundert die correctness eines Henry James, der es partout nicht ausstehen konnte, wenn ihn jemand in schlampigem Outfit empfing, und von Flauberts Büchern deswegen allein «Madame Bovary» gelten liess, die der Kollege «vermutlich im Jackett geschrieben hatte».
Den Poetologen Javier Marías näher kennen zu lernen, gibt auch das Bändchen «Das Leben der Gespenster» Gelegenheit, in dessen acht Aufsätzen der Romancier eine Lanze bricht wider den Utilitarismus in der Literatur. Nicht auf die stringente Verknüpfung der einzelnen Teile der Fabel komme es an, vielmehr bevorzugten die Schöpfer des modernen Romans (Rabelais, Cervantes, Sterne) üppig wuchernde Nebenhandlungen. «Das Wichtige bei einem Roman ist sein Verlauf und nicht sein Ende.» Selbst bei einem Kriminalschriftsteller wie Dashiell Hammett werde die Auflösung «zu etwas vollkommen Zweitrangigem»; und da Marías die Kritiker für ausgemachte Utilitaristen und Lustfeinde hält, merkt er noch an, genau das, was viele Rezensenten für entbehrlich hielten, bleibe ihm stets nachhaltig in Erinnerung: «die Atmosphäre, die Charakterisierung der Figuren, der schnelle und geschliffene Dialog, das ungewöhnliche, eisig präzise Adjektiv, das Detail . . .»
Javier Marías kennt übrigens sieben Gründe gegen das Romanschreiben und nur einen dafür. Unter ersteren sticht das Argument, man könne damit nur «unerhebliche Beträge» verdienen, «die nicht ausreichen, um sich damit zur Ruhe zu setzen», gerade in seinem Fall eher unangenehm kokett hervor; an sämtlichen Haaren herbeigezogen sind aber auch die übrigen sechs. Nein, richtig ist und der passionierte Leser Javier Marías wird das bestätigen: Es gibt mindestens sieben gute Gründe dafür, Romane zu lesen, und nur einen dagegen. (Der dagegen liegt auf der Hand: Es kostet Zeit, sogar dann, wenn der Roman kurz ist.) Um gelesen werden zu können, müssen sie aber erst einmal geschrieben werden.
Martin Krumbholz
Acht Stücke, die den Blick freigeben auf die Vorlieben und Leidenschaften, die Obsessionen und Abneigungen eines berühmten Autors.
Javier Marias verabredet sich mit literarischen Gespenstern, schreibt über berühmte Kollegen und sinkt vor seinem Lieblingsfilm in die Knie.
"Sportliche und Schwindelfreie trachten vielleicht beim Bungee-Jumping oder Tandemspringen nach Grenzerfahrungen. Den Stubenhockern und blassen Bücherwürmern hingegen öffnet die Fabulierkunst von Marias den Abgrund unter den Füßen."
Evita Bauer, Süddeutsche ZeitungJavier Marias, 1951 in Madrid geboren, ist einer der bedeutentsten und der am meisten übersetzte Gegenwartsautor Spaniens. Seit seinem Welterfolg "Mein Herz so weiß" ist er mit zahlreichen international wichtigen Preisen ausgezeichnet worden.