Germain sagt das, was er denkt, mit den Wörtern, die ihm zur Verfügung stehen. Und das sind nicht so viele, da er nicht der Schlauste ist. Germain, ein Hüne und etwas einfältig, lernt beim Tauben zählen im Park die kultivierte und feinsinnige alte Dame Margueritte kennen. Obwohl die beiden nicht unterschiedlicher sein könnten, freunden sie sich an. Bisher stand Germain nicht auf der Sonnenseite des Lebens, doch Margueritte bringt ihm die Anerkennung entgegen, die Germain noch nie erfahren durfte, sie begeistert ihn für die Welt der Bücher und verändert dadurch sein Leben.
Wenn man glaubt, das Buch ist lediglich eine nette Erzählung mit einem ungebildeten, einfachen Kerl als Hauptperson, der nicht einmal in der Lage ist, einen anständigen Satz zu bilden, ohne daß ein Haufen schmutziger Wörter darinsteckt, dann irrt man sich gewaltig. >Das Labyrinth der Wörter< hat viel mehr Tiefgang, als es vermuten läßt.
Es ist eine zarte Geschichte voller Menschlichkeit, Zuneigung und Gefühl erfrischend humorvoll erzählt. Eine Prise Nachdenkliches ist eingewebt, um die Lebensumstände von Germain zu erklären. Doch dieses ist niemals schwer, sondern erzeugt sprachliche Bilder vom Platz in der Gesellschaft und schließlich davon, dass man nur mit dem Herzen richtig sieht.
Der bodenständige Germain mit seinen frechen Aussagen, seiner nachvollziehbar klaren Denke und seiner sensiblen Seele wirkt ansteckend lebendig und liebenswert.
(Eine meiner Lieblingsaussagen von ihm: "Überlegen hilft mir beim Denken.")
Fesselnd ist dieses Buch, das mit seiner herrlich direkten Sprache und den knappen, aussagekräftigen Kapiteln den Zeitgeist trifft. Und man stellt fest, dass es so oft im Leben ums Zuhören und die Wertschätzung geht.
>Das Labyrinth der Wörter< ist eine Geschichte, die zu Herzen geht. Aus meiner Sicht uneingeschränkt empfehlenswert für alle, die an die Macht der Worte glauben.