Erik Fosnes Hansen Das Löwenmädchen
Kiepenheuer&Witsch ISBN 3462039733
Ruth Arctander bekommt in einer kalten Nacht nach einem Sturz auf einer winterlich glatten Strasse verfrüht ihre Tochter und stirbt dabei.
Zum Entsetzen aller Anwesenden, die sich um die Gebärende kümmern, ist das Kind über und über mit Haaren bedeckt.
Denkt man zunächst noch an eine vorübergehende Erscheinung, die sich geben wird, stellt sich allmählich heraus, dass das Kind an einem sehr seltenen Gendefekt leidet, der unabänderlich ist.
Kann man sich vorstellen wie es dem armen Vater nach der Geburt und dem Verlust seiner Frau geht? Gleich zwei schwere Schicksalsschläge muß er hinnehmen.
Er war ein alter Hagestolz. Niemand rechnete damit, dass er noch eine junge Frau finden und heiraten würde. Nun hat er sein kurzes Glück verloren und sieht sich mit einem seltsamen Kind konfrontiert.
Mit einer Vorstellung wie in einem Circus beginnt die sonderbare Geschichte von dem Mädchen, das den Namen Eva erhält. Wie in einem Circus fühlt sie sich, wenn sie unter Menschen kommt. Von Fremden wird sie angestarrt, von Kindern bei Gelegenheit verhöhnt; die Presse bringt ihre Geschichte und die Wissenschaft ist ob der Seltenheit der Erscheinung aufs höchste interessiert.
Zu der Geschichte gehört die Welt um 1912 in einem Dorf in Norwegen. Arctander ist Stationsmeister, korrekt und streng.
Zu seinen Mitarbeitern gehört ein Funker, der Nachrichten auffängt und bei Bedarf in die Welt schickt. Bei ihm, der ohne Vorurteile ist, lernt Eva das Morsen und beginnt, ein wenig von der Weite der Welt zu ahnen.
Erik Fosnes Hansen hat sich eines ungewöhnlichen Themas angenommen. Dabei ist die Geburtsanomalie die Folie, auf der uns der Autor ein Leben als Außenseiter spiegelt.
Wie mag sich ein Mensch fühlen, der verurteilt ist, abgeschottet von Gleichaltrigen zu leben? Ein Kind noch, das seine eigene Innenwelt entwickelt, aus der es die Außenwelt betrachtet. Exemplarisch läßt der Autor die Einsamkeit fühlbar werden und spiegelt den Zorn, wenn das Alleinsein zur Qual wird! Uns macht befangen und nachdenklich, die eigene Unzulänglichkeit zu spüren, mit der wir Außenseitern begegnen.
Hansen fängt die Atmosphäre eines Dorfes mit Arzt, Apotheker und der Kirche ein. Jeder kennt jeden, und eine freundliche kleine Welt wird uns beschrieben. Der Mirkokosmos ist perfekt. Dass die Frau des Apothekers und der Arzt sich des Witwers und seiner Tochter helfend annehmen, zeugt von dem wohlwollenden Klima der Menschen. Eva jedoch muß sich den Weg in die Freiheit erst noch bahnen! Wie eine Frau sich in der Welt zurechtfindet, in der sie von allen Seiten alleine gelassen bleibt, das schildert dieser Roman vorbildlich.
Ohne eine gewisse Beklemmung liest man das Buch nicht.
Gleichnisse aus der Bibel werden eingeschoben, und die Icherzählerin spricht einmal in der Ichform, um dann wieder einem Erzähler zu weichen, der sich über die Protagonistin auslässt. Vom Circus, der außergewöhnliche Menschen zur Schau stellt, bis zum Zoo werden Beispiele zitiert, in denen Lebewesen, welcher Art auch immer, ihrer Würde beraubt in herabsetzender Weise behandelt werden.
Verlogenheit der Wissenschaften, Verführung und Eigennutz sind allenthalben spürbar. Die Hilflosigkeit eines Vaters mit einer Situation, die ihn überfordert, wird feinfühlig abgebildet.
Hansen ist mit vorbildlichem Einfühlungsvermögen an ein schwieriges Thema herangegangen. Er nimmt sich Themen von außergewöhnlicher Brisanz an.
In Zeiten der Globalisierung und der im Wandel befindlichen Annäherung von verschiedenen Arten der Spezies Mensch ist das Löwenmädchen als exemplarisches Beispiel abgehandelt worden. Der aufmerksame Leser wird anhand dieser Lektüre über Toleranz nachdenken.
Fosnes Hansen wurde berühmt mit seinem Buch < Choral am Ende der Reise>, einer Hommage an die Musiker der Titanic, mit der sie 1914 untergingen.