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Stets haben gefährliche Großraubtiere wie Löwen oder Tiger den Menschen in gleicher Weise abgestoßen wie angezogen. Nicht erst seit Der weiße Hai oder anderen Filmen über Tiermonster haben wir Angst vor dunklen Wäldern, Gebirgen und tiefen undurchschaubaren Wassern. Doch die Bevölkerungsexplosion und damit verbundene Einengung und Zerstörung naturbelassenen tierischen Lebensraumes können dazu führen, daß es vielleicht nur acht Generationen später Mitte des 22. Jahrhunderts in freier Wildbahn keine menschenfressenden Raubtiere mehr gibt. Wie wird sich der Verlust dieser sogenannten Carnivora auf die Psyche der Menschen auswirken? Welche Folgen wird er auf die zurückbleibende Fauna und Flora haben?
Ausgehend von vier dieser Menschenfresser wie dem indischen Löwen, dem australischen Salzwasserkrokodil, dem rumänischen Braunbären und dem sibirischen Tiger untersucht Quammen die komplexen Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Raubtier sowie Natur und Raubtier. Er zeigt die vielfältigen, damit verbundenen Konflikte auf und verdeutlicht das hochempfindliche Gleichgewicht einer Koexistenz, die die Daseinsgrundlage von Mensch und Tier sichert. Denn das Aussterben von Tiger und Konsorten ist letztlich das Resultat einer unheilvollen Entwicklung und Zeichen eines unwiederbringlichen Verlustes.
In seit dem 'Gesang des Dodo' (seinem preisgekrönten Erstlingswerk) bewährter Manier mischt Quammen auf höchst unterhaltsame Weise die Schilderung von Exkursionen und Befragungen einheimischer Wissensträger mit der lebendigen Darstellung wissenschaftlicher Untersuchungen über die genannten Gipfelräuber. Doch das Buch enthält mehr. Quammen wäre nicht Quammen, würde er nicht etwa nach Ausführungen über schicksalhafte nordaustralische Zusammenstöße zwischen Mensch und Crocodylus porosus einen mehrseitigen hochinteressanten Exkurs über den Widerstand der Yolngu Aborigenes innerhalb des Arnhemland-Reservats gegen Verletzungen ihrer Menschen- und Landrechte durch die weiße australische Regierung im Jahre 1963 einschieben. Ein Lesegenuß sind auch die kulturhistorischen und -politischen Ausführungen über ein Rumänien unter Ceaucescu oder die Besiedlung von Rußlands fernem Osten.
Fazit: Das neue erneut bei Claasen verlegte, 514 seitige Buch des Wissenschaftsjournalisten aus Montana füllt eine Lücke zwischen Populär- und Wissenschaftsliteratur. Ausgehend von einem bewegenden Abgesang auf einige Gipfelräuber in all ihrer Anmut und Stärke, Pracht und Erbarmungslosigkeit, ohne die die Welt ärmer wäre, verbindet es in einzigartiger Weise Natur- und Kulturgeschichte. In welch anderem Werk des naturwissenschaftlichen Journalismus findet man schon eine luzide Kurzabhandlung der Gilgamesch- und Beowulf - Epen. Den erfreulichen Gesamteindruck runden der geschmackvolle Einband, ein Anmerkungsapparat, in dem allerdings knapp 20 im laufenden Text des 2. Kapitels markierte Anmerkungen fehlen, eine 11 seitige Bibliographie und ein instruktiver in Englisch gehaltener 6 seitiger Kartenteil ab.
Eine interessante Theorie im Buch besagt, daß die gefährlichen Wildtiere doch noch eine Überlebenschance haben, wenn ihre Erhaltung für die Einheimischen mit finanziellen Vorteilen verbunden sind.
David Quammen schreibt bunt und anschaulich über sein Thema und geizt auch nicht mit historischen und neueren Anekdoten dazu. Er geht auch dem psychologischen Hintergrund unserer Urangst auf den Grund und analysiert alte Legenden und Heldensagen über menschenfressende Ungeheuer.
Wer gerne naturwissenschaftliche Bücher liest, wird auch David Quammens neueste Arbeit mögen. Der Titel des Buches ist allerdings irreführend, so daß manche Leser womöglich einen Roman erwarten und enttäuscht werden. Quammen-Fans hingegen kommen wieder voll auf ihre Kosten.
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