Der englische Schriftsteller Salman Rushdie bereist im Jahre 1986 Nicaragua. Sieben Jahre nach der Revolution durch die Sandinisten berichtet er aus dem mittelamerikanischen Land, dessen Bevölkerung immer noch voller Hoffnung ist, trotz der allgegenwärtigen Schwierigkeiten.
"Eine Schöne aus Nicragua ritt lächelnd einst auf einem Jaguar. In den Wald ging`s zu zwei`n, doch heraus kam einer allein, und wer lächelte war der Jaguar." Das Gedicht eines unbekannten Lyrikers stellt Rushdie an den Anfang seiner Reiseerlebnisse durch Nicaragua im Jahre 1986. Der Autor lässt zwei Interpretationsmöglichkeiten für dieses Gedicht. Zum einen kann man das Mädchen als das Land Nicaragua nach der Revolution durch die Sandinisten sehen und den Jaguar als die Vereinigten Staaten von Amerika. Zum anderen kann es genau umgekehrt sein. Salman Rushdie erzählt nicht, für welche Version er sich entscheidet, das kann jeder Leser selber für sich bestimmen.
Dreiundvierzig Jahre herrschte die Familie Somoza - Anastasio Somoza Garcia kam 1932 durch einen Militärputsch an die Macht, der letzte Herrscher in der Ahnenfolge war Anastasio Somoza Debayle - diktatorisch in dem mittelamerikanischen Land. Doch immer wurde die Diktatur durch die Vereinigten Staaten unterstützt, auch weil das Land sich im zweiten Weltkrieg auf die Seite der Alliierten stellte. Die Opposition unter Führung von Augusto Sandino, der 1934 ermordet wurde, wurden von den Vereinigten Staaten stets bekämpft, da als kommunistisch angesehen. Als die Sandinisten 1979 Somoza vertreiben konnten, verhängten die USA ein Handelsembargo gegen Nicaragua, welches die Wirtschaft schädigte. Die Vereinten Nationen verurteilten daraufhin die USA zu einer Schadensersatzzahlungen in Höhe von 2,4 Milliarden Dollar. Eine Summe, die die Vereinigten Staaten bis heute nicht bezahlt haben.
Das war die Situation als Salman Rushdie, der 1947 in Bombay geboren wurde, selber ein Kind der Revolte gegen eine Großmacht - Am fünfzehnten August 1947 wurde Indien von Großbritannien in die Unabhängigkeit entlassen - in das Land zwischen Honduras und und Costa Rica bereiste. Der Autor räumt ein, dass er sich zu dem mittelamerikanischen Land hingezogen fühlte, auch aufgrund der Geschichte seines Heimatlandes. Doch trotz aller Sympathien behält Rushdie einen neutralen Blick für seinen Reisebericht.
Die frei gewählte Regierung Nicaraguas unter Führung von Daniel Ortega plante das Land zu modernisieren und wollte ein friedliches und demokratisches Programm einzuführen, doch durch das Handelsembargo und durch die ständigen Angriffe, der von den USA finanzierten Contras, konnten die Pläne nur unzureichend ausgeführt werden.
Rushdie erlebt Nicaragua als ein Land "der großen aber auch kleinen Tragödien." Die großen Tragödien sind die Weltpolitik und die kleinen Tragödien schildert Rushdie in seinem Bericht. Viele Straßen sind vermint, es gibt kaum Verbindungen zwischen den Landesteilen an der Atlantikküste und der Pazifikküste. Durch die Angriffe der Contras sterben jeden Tag Menschen. Es gib immer noch kein gut funktionierendes Gesundheits- oder Bildungssystem und es gibt keine Pressefreiheit. Sie wird von der Regierung Ortegas als reine Kosmetik beschrieben. Das Land Nicaragua im Jahre 1986, wie es Salman Rushdie in seinem stets lesenswerten und voller historischer Tatsachen gespickten Reisebericht schildert, ist ein Land voller Regen, Dichter, atemberaubender Landschaften und hoffnungsvoller Menschen, doch "Hinter der Schönheit verbarg sich oft das Schreckliche."