Kennen Sie Robin of Waringham?
Vermutlich nicht, aber er war eine der entscheidenden Figuren des 14. Jahrhunderts. Er hat englische Könige beraten, Verräter entlarvt, sich mit Räubern, Ketzern und Aufrührern geplagt und eine spannende Karriere vom Stallknecht zum Earl gemacht, mit mehreren Aufenthalten in diversen englischen und französischen Kerkern. Er kannte den Dichter Chaucer, den Bauernführer Wat Tyler und auch dutzende von ganz normalen Rittern, Bauern und Handwerkern. Er pflegte überaus moderne Ansichten über Frauen, die Rolle des "kleinen Mannes", die Gleichheit der Menschen und die Verlogenheit der Kirche.
Es hat ihn auch nie gegeben, Robin ist eine Erfindung. Rebecca Gablé läßt uns durch ihn das 14. Jahrhundert miterleben, in all seiner Größe und in all seinem Elend. Höfische Feste, Hochzeiten und Liebesglück fehlen ebensowenig wie die Pest, der Hundertjährige Krieg, die Adelsintrigen und die Bauernunterdrückung. Es war, sagen wir es freundlich, eine bewegte und interessante Zeit.
Rebecca Gablés Roman-Erstling ist spannend und unterhaltsam, ufert aber zuweilen aus. Sie hat ihre Hausaufgaben gründlich gemacht, "Das Lächeln der Fortuna" ist erheblich besser recherchiert als die Mehrzahl der ähnlichen Romane. Leider findet sich sehr viel dieses Materials im Buch wieder, Robin stolpert in so ziemlich jede überlieferte Begebenheit und begegnet fast jeder damaligen Berühmtheit. Ihre späteren Werke, wie "Das zweite Königreich", wirken geschlossener und weniger überfrachtet. (Ein Handlungsfaden mußte aus dem Buch gestrichen werden, weil es sonst kaum noch hätte gebunden werden können, und wird demnächst in überarbeiteter Form als eigenständiges Buch auf den Markt kommen.)
Dennoch ist "Das Lächeln der Fortuna" ein weit überdurchschnittlicher, spannender und gut lesbarer Mittelalter-Roman, den ich nur wärmstens empfehlen kann