Neue Zürcher Zeitung
Graciáns «Kritikon» in einer funkelnd neuen Übersetzung
Von Kersten Knipp
Kulturpessimisten kann man Entwarnung geben: Die Welt geht zwar vor die Hunde aber das, seitdem sie laufen lernte. Dass die vergangenen Zeiten die besseren waren, ist der wohl dienstälteste und beliebteste Topos aller Mahner und Schwarzseher, und auch der spanische Moralist Baltasar Gracián verschreibt sich ihm mit Leidenschaft. Denn auch seine Welt, das Spanien des 17. Jahrhunderts, marschiert geradewegs in Richtung einer finsteren, jedenfalls wenig glanzvollen Zukunft. Die Neue Welt ist längst erobert. Ihre Reichtümer fliessen zwar noch, aber doch schon spürbar spärlicher. Das «Siglo de Oro» neigt sich seinem Ende zu, bald wird man wieder rechnen müssen.
Es gibt also Anlass zur Klage und in Baltasar Gracián hat die Klage ihren Meister gefunden. Er hebt sie aus dem Historischen ins Grundsätzliche, weitet die Missstände der Zeit zu Zeugnissen zeitloser Verkommenheit. «Gracián bringt den Jammer unseres Daseins uns mit den schwärzesten Farben vor Augen», notierte sein Leser und Übersetzer Arthur Schopenhauer, und wirklich hat der Pinsel dieses spanischen Moralisten ganze Staffagen mit Panoramen der Finsternis gefüllt. Die Welt ist gut aber nur, wenn sie frei von Menschen ist. Den locus amoenus , den Ort bukolischer Beschaulichkeit, zeichnet Gracián in dem ganzen Buch darum nur ein einziges Mal: ganz am Anfang, als der schiffbrüchige Abenteurer Critilo auf der Insel St. Helena deren einzigem Bewohner, dem Jüngling Andrenio, begegnet, der dort einsam und verlassen die ersten Jahre seines Lebens verbrachte. Der Vernunftmensch trifft auf das Sinnenwesen; und diesem stillen Paar zeigt die Welt, was sie eigentlich ist: «abgestimmte Ordnung», «Einklang im Zwiespalt», Ort ungestörter «Harmonie» durcheinander gebracht einzig durch die Menschen, die, «wilder als die wilden Tiere», «von deren Grausamkeit noch lernen können».
Critilo und Andrenio wären also gut beraten, auf der Insel für alle Zeiten Urlaub vom Leben zu machen. Doch eben dieses ruft mit Macht, denn Critilo ist auf der Suche nach Felisinda, seiner entschwundenen Frau, die sich überraschenderweise auch als Mutter Andrenios erweisen wird. Unter der Hand wandelt sich die Fahndung nach der Vermissten zur «Lebenswanderung», an deren Ende eine ganz andere Verheissung winkt: die nämlich, zu «Personen», will sagen: zum weisen, desillusionierten Menschen, zu werden. Indes führen längst nicht alle Wege zum Tempel der Weisheit. Engaño und desengaño , «Täuschung» und «Ent-Täuschung», heisst das grosse Thema der spanischen Barockliteratur, und zwischen diesen beiden Polen schlingert auch der Pfad der beiden «Lebenspilger». Kein Wunder darum, dass die Wanderung Zeit in Anspruch nimmt, sich von der «Kindheit und Jugend» über den «Herbst des Mannesalters» bis zum «Winter des Alters» erstreckt die drei Lebensalter, die den drei Teilen des zwischen 1651 und 1657 erschienenen Bandes auch ihre Namen geben.
Allegorische Dichtung neigt zur Belehrung bei Baltasar Gracián wächst sie aus zum funkelnden Gesamtkunstwerk. So absehbar der Pfad, auf dem die beiden Suchenden schreiten, so bunt, so plastisch und lebendig seine einzelnen Stationen. Wenn Gracián ein Moralist ist, dann vor allem in dem Sinn, dass er die mores, die Sitten, vor allem aber die Unsitten wie kaum ein Zweiter kennt. Mit einer Schärfe ohnegleichen zieht er den Menschen die Masken vom Gesicht, lässt hinter tugendhaften Mienen die abstossendsten Fratzen sichtbar werden. Mit finsterer Lust entblösst er die Schwächen und Laster der Menschen bis in ihre feinsten Verästelungen, malt die Finsternis der Seele in tausendfach schillerndem Farbenspiel. Heraus kommt ein schier endloses Panoptikum menschlicher Idiotien und Eitelkeiten. «Dumm sind alle, die so aussehen, und die Hälfte derer, die nicht so aussehen», doziert der Erzähler; wenig später vermisst er beim Menschen den «Schornstein oben im Kopf», durch den «der viele Dunst abziehen könnte, welcher sich beständig in seinem Hirn bildet».
Für den nicht spanischsprachigen Leser steht und fällt die Eleganz des Gracián'schen Witzes mit der Kunst des Übersetzers. In Hartmut Köhler, der den Text zum ersten Mal in seiner Gesamtheit ins Deutsche übertrug, hat sie ihren Meister gefunden. Seine Übersetzung besser sollte man wohl sagen: Nachdichtung wird ihresgleichen wohl noch lange suchen. In einer «editorischen Nachbemerkung» berichtet er, wie er den Wort- und Sprachwitz des Originals zu erhalten suchte. So hat er die Wortspiele, wo denn möglich, nachgeahmt oder, «wo der Einfall ausblieb», durch Überzeichnung des Originals an anderer Stelle ausgeglichen. Seine Entscheidung, idiolektische Wendungen des Originals im Kursivdruck in den deutschen Text einzubinden und im unmittelbaren Anschluss daran eine «semantisch angenäherte Wiedergabe» zu leisten, dürfte in Übersetzerkreisen Schule machen.
Zum Herzstück der Ausgabe gehört der kompetent gearbeitete Anmerkungsapparat. Erfreulicherweise ist er nicht an den Schluss des Buches verbannt, sondern begleitet und kommentiert den Erzähltext diskret am unteren Seitenrand. Wer will, kann sich so einer doppelten Lektüre hingeben, hinter dem eigentlichen Text auch seinen kultur-, sprach- und politikgeschichtlichen Kontext zur Kenntnis nehmen und sich einen Eindruck von der Vielzahl der Quellen und Textsorten verschaffen, deren sich der Autor bei der Niederschrift des «Kritikons» bediente. Sie reichen von den antiken Autoren bis zu denen des Barock, von den Klassikern der Philosophie bis zu volkstümlichen Sentenzen und Sprichwörtern. Doch nur wenige finden Graciáns Gefallen: Zu viele sind es, die, «um gelehrt zu reden, dunkel reden».
So wird der Leser Zeuge eines intertextuellen Wettstreits, dessen einzelne Gefechte hochgradig amüsant sind. Für Graciáns Protagonisten sind sie freilich viel mehr: weitere Stationen auf dem Weg zum desengaño . Und auch wenn sie am Schluss ihrer Reise wieder auf einer Insel landen, der «Insel der Unsterblichkeit», zu deuten entweder als himmlisches Jenseits oder Pantheon ewigen Ruhms: Der zeitgenössische Leser wird weniger den Trost dieses glücklich ausgehenden Lebensweges schätzen als Graciáns hoch entwickelten Sinn für die Schlechtigkeit der Welt. Und die ist bekanntlich zeitlos: «Leben, leben! Lockere Tugend, Moral von heut?!»