Peter Paulig zählt zu den bekanntesten Vertretern der Montessori-Pädagogik. Umso erstaunlicher ist es, dass er seine lesenswerten Gedanken über Erziehung so asinnlich verpacken lässt. Sieht man vom Buchumschlag ab, auf dem lediglich der dumme Untertitel "Alles, was Eltern wissen wollen" leicht irritiert, wird im Innern nichts für das Auge geboten. Dabei meine ich nicht einmal, Verlag und Autor hätten sich irgendwelche Bildrechte kaufen müssen. Es hätte schon genügt, nach einem schöneren Schriftsatz Ausschau zu halten und einen Gestalter damit zu beauftragen, dem Inhalt eine Form zu geben, die visuell ansprechender wäre. Das Auge isst nicht nur mit, sondern liest auch mit. Auch wenn Paulig keinen so dicken Wälzer wie die Schwedin Anna Wahlgren verfasste, müssen auch 350 Seiten zuerst mal verdaut werden.
Eingeteilt ist Pauligs Versteher-Buch in zwei Kapitel mit 17 beziehungsweise 18 Unterkapiteln. Bis Seite 180 stehen die Kinder im Mittelpunkt, danach die Eltern. Und durch das Ganze führen die zehn Gebote, die wir gleich zu Beginn erfahren. Um den Ansatz von Peter Paulig besser zu verstehen und gleich ein Zusammenfassung zu bieten, liste ich diese Gebote im Folgenden auf.
1. Gebot: Bring deinem Kind beständige, gleichmäßige Liebe und Fürsorge entgegen!
2. Gebot: Sei großzügig mit deiner Zeit!
3. Gebot: Ermögliche deinem Kind neue Erfahrungen und hülle es von früh auf in Sprache!
4. Gebot: Ermuntere deine Kinder zum Spiel in jeder Form, für sich und mit anderen Kindern, zum Forschen, Nachahmen, Bauen und schöpferischen Gestalten
5. Gebot: Lobe Anstrengungen mehr als Leistungen!
6. Gebot: Übertrage dem Kind stetig wachsende Verantwortung!
7. Denke daran, dass jedes Kind einzigartig ist!
8. Gebot: Zeige Missbilligung auf eine Weise, die das Alter, die Persönlichkeit und das Verständnis des Kindes nicht überfordert!
9. Gebot: Drohe niemals mit Liebesentzug oder damit, dein Kind wegzugeben!
10. Gebot: Erwarte keine Dankbarkeit!
Bei dem Aufforderungscharakter und den Erinnerungen an all die Schwierigkeiten, die Kindererziehung mit sich bringen, kann sich beim Leser auch Entmutigung breit machen. Das weiß auch der Autor und geht daher auch immer wieder auf die reale Praxis ein, sei es mit Beispielen aus dem eigenen Erfahrungsschatz oder mit Verweisen auf andere Autoren. Dennoch meine ich, dass es auch Peter Paulig nicht immer glückt, dem Problem stabiler Verhaltensmuster genügend Rechnung zu tragen. Und Eltern könnte es manchmal beruhigen, wenn ihnen von Forschungsergebnissen erzählt würde, welche die Möglichkeiten und Grenzen der eigenen Einflussnahme aufzeigen. Aber da es in diesem Buch vor allem um die Erziehung vor dem Eintritt der Pubertät geht, kann ich es verstehen, wenn Peter Paulig die Abgabe solcher Beruhigungspillen verweigert. Dennoch befremdete mich die stiefväterliche Behandlung von Verhaltensstörungen, die neurologische Ursachen haben und durch richtige Erziehungsmassnahmen nicht einfach aus der Welt zu schaffen sind.
Mein Fazit: Unter den vielen Erziehungsbüchern sicher eines, das einen Ansatz verfolgt, der nicht auf populären und allzu einfachen Vorstellungen von Disziplin beruht. Aber auch Peter Paulig kann mit seinen vielen Aufforderungen ungewollt dazu beitragen, dass sich Eltern noch mehr überfordert fühlen, als sie es ohnehin schon sind. Denn er geht zu wenig darauf ein, wie man sich verhalten soll, wenn alle guten Ratschläge nichts nützen.