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Sie nimmt überaus kritisch Stellung zum nachrevolutionären Frankreich sowie dessen Umgang mit Louis Charles und fördert somit ein dunkles und verdrängtes Kapitel französischer Geschichte zu Tage. Die Haupthandlung konzentriert sich auf die Lebensgeschichte, sowie auf das Umfeld des jungen Gefangenen. So wird die nahezu exponentiell steigende Einengung und Verschlechterung seiner Lebensbedingungen nach 1793 in aller Ausführlichkeit dargestellt. Zunächst wohnt Louis-Charles noch zusammen mit seiner Familie in einem Zimmer, besitzt Bücher, Spielzeug und vor Allem Aufmerksamkeit. Doch nach der Ausrottung seiner Familie durch die Revolution wird er ohne Erklärung und Beistand in ein verriegeltes und strengstens bewachtes Appartement im „Temple" gesperrt.
Die Einrichtung umfasst nur das Nötigste, die Hygiene ist menschenunwürdig (Käfer, Ameisen, Schimmel) und ein Verlassen der Räume ausgeschlossen. Schließlich wird sein Lebensraum auf ein einziges Zimmer beschränkt, die übrigen werden versperrt. Zunächst vom alten Ehepaar Antoine zumindest physisch betreut hat er nach einem Jahr überhaupt keine Gesellschaft mehr. Louis-Charles verliert jeglichen Lebenssinn und verfällt in eine krankhafte Apathie. Die Wirren ständig wechselnder Terrorregimes bemerkt er nur anhand von ebenso schnell wechselnden Kommissaren, Wächtern und Ärzten. Unter ständiger Beschimpfung seiner Person und seiner Eltern wird er als Relikt des „Ancien Régime" wie ein lebloses Staatsgeheimnis verwahrt. Francoise Chandernagor gelingt die Psychostudie des jungen Gefangenen ausgezeichnet. Die Darstellung der Tätigkeits- und Alltagsbeschreibungen, der Jahreszeitenwechsel oder der akribischen Beobachtung des kleinen Zimmers ist beklemmend und legt das unmenschliche Leben des Kindes schonungslos offen. So wird beispielsweise beschrieben, wie der Junge versucht den Schnee auf den Fensterscheiben mit seinem Atem zu erwärmen, um zumindest auf diese Weise mit der Außenwelt zu kommunizieren. Er lauscht dem Kratzen seiner Fingernägel oder zerquetscht braune Käfer, um die Langeweile aus seinem Leben zu vertreiben.
Zudem fügt die Autorin stets aussagekräftige Rückblenden aus dem bewegten Leben des Königssohns ein. Mal sind es Szenen seiner prunkvollen Kindheit, mal die Schrecken der Revolution oder Gespräche mit seinen Eltern. Es handelt sich um gut recherchierte, passende und glaubwürdige Einblicke in die alte und die neue Welt des jungen Thronfolgers.
Der Tod Louis-Charles im dritten Jahr seiner Gefangenschaft ist angesichts seiner Haftbedingungen kaum verwunderlich. Zwar wird ihm mit dem Abflachen des Terrors immer mehr Aufmerksamkeit geschenkt, jedoch reagiert er kaum mehr auf Annäherungsversuche. Er isoliert sich von allen um ihn herum stattfindenden Prozessen. Die drastische Verschlechterung seines Gesundheitszustandes führt zu einem deutlichen Umdenken bei den Verantwortlichen, doch selbst die Verlegung in ein luxuriöses Zimmer und eine ausgedehnte medizinische und gesellschaftliche Betreuung können den Tod des Jungen nicht verhindert. Er stirbt am 08. Juni 1795 an den Folgen einer Bauchfellentzündung. Sein Herz wird vom Arzt Pelletan entnommen und konserviert.
Dieser Haupthandlungsstrang alleine wäre wohl zu zäh und zu erdrückend. Aus diesem Grund ergänzt ihn die Autorin mit Nebenhandlungen, die dem Leser die Umstände und die Denkweise der damaligen Zeit nahe bringen. So wird deutlich, wie es überhaupt zu solch einem verantwortungslosen Umgang mit einem scheinbar unschuldigen Kind kommen kann. Chandernagor wählt dabei eine ungewöhnliche Perspektive. Sie stellt sich selbst als Richterin dar und nimmt die damaligen Verantwortlichen, Erzieher, Kommissare und Ärzte in eine Art fiktives Kreuzverhör. Dabei prangert sie die moralische Dekadenz des nachrevolutionären Frankreich an und setzt ihre „Angeklagten" unter Druck. Als Ergebnis erhält sie abenteuerliche Ausflüchte, Angst, Verfolgung, politische Machtspiele und maßlose Selbstsucht. Durch diese direkt inszenierten Gespräche scheint das damalige Lebensgefühl, die Mentalität zwischen Guillotine und Menschenrecht greifbar. Es ist für geschichtlich interessierte Leser äußerst spannend die Gedankengänge dieser von enormen Umbrüchen gebeutelten Menschen zu verfolgen. Sie besitzen scheinbar die Eigenschaften eines Chamäleons, ständig der aktuellen politischen Situation angepasst, ohne eigene Meinung, ohne Widerstand. Zu Zeiten als Arbeitskollegen und Nachbarn sich gegenseitig denunzieren will niemand auffallen, Verantwortung übernehmen und Missstände anprangern. So bleibt Louis-Charles ein Opfer seiner Zeit, ein Ausgestoßener, der in der neuen Gesellschaft keinen Platz findet und angesichts der bis ins Mark verängstigten Bevölkerung keine Unterstützung erwarten kann.
Durch die Nebenhandlungen wird Chandernagors Kritik an der Französischen Revolution deutlich. Eine ihrer zentralen Fragen bezieht sich auf die Erklärung der Menschenrechte. Sind denn nicht alle Menschen von Geburt an gleich? Wie kann es dann gerechtfertigt werden, dass einem achtjähriger Jungen ausgerechnet aufgrund seiner Herkunft die Freiheit genommen wird? Eine begründete Antwort bleiben die Verantwortlichen schuldig, aber die Autorin rüttelt auf. Frei nach dem Motto „Es ist nicht alles Gold, was glänzt" verschließt sie nicht die Augen vor den Schattenseiten der französischen Geschichte.
Doch sie beschränkt sich nicht nur auf das Mittel des Kreuzverhörs, sondern verbindet die Geschichte des Gefangenen mit Einzelschicksalen aus der Bevölkerung. So wird beispielsweise der monotone Alltag einer Wäscherin beschrieben, die anhand ihrer Wäsche den Lebensweg ihrer Kunden nachvollzieht. Ihr fällt auf, dass sie von jenem kleinen Jungen, der sonst immer Berge von Kleidungsstücken einschickte, immer seltener und stets weniger Wäsche erhält. Generell fragt sie sich warum immer mehr Menschen plötzlich von ihrer kleinen, beschränkten Bildfläche verschwinden...
Chandernagor bildet auf der Grundlage des genannten Konzeptes ein Geflecht von Eindrücken der damaligen Zeit, das vielseitig informiert, jedoch stets auf das eine „Kind im Turm" ausgerichtet ist. So beleuchtet sie die Persönlichkeit wie die Epoche gleichermaßen.
Streckenweise etwas zäh zu lesen und von einigen zu sprunghaften Perspektivwechseln durchzogen ist Francoise Chandernagors Roman dennoch ein spannender und vielseitiger Roman, der äußerst aufschlussreiche und detaillierte Einblicke in die Wirren des nachrevolutionären Frankreich eröffnet. Das Schicksal der tragischen Figur Louis-Charles wirkt überzeugend und bewegend, da die Charakterzeichnung ebenso glaubwürdig ist wie die Darstellung der politischen und sozialen Veränderungen. Die Idee des Kreuzverhörs ist kreativ und wirkungsvoll zugleich, denn sie legt die begangenen Verbrechen unmittelbar offen und konfrontiert die Franzosen mit einer dunklen Episode ihrer Vergangenheit. In Frankreich war das Buch ein großer Erfolg. Es weckte in vielen Teilen der Bevölkerung das Interesse an der eigenen Geschichte, besonders anlässlich der Beisetzung des Herzens Ludwigs XVII (der Königstitel Louis-Charles, obwohl er nie regiert hat) in der Basilika von Saint-Denis. Doch nicht nur für Franzosen ist dieser Roman empfehlenswert. Wer an geschichtlichen Ereignissen interessiert ist, wird seine Freude an diesem ausführlichen und lebendigen Epochenporträt haben. Ein gewisses historisches Grundwissen ist jedoch notwendig, da ansonsten die Feinheiten und Details, die den Charme des Buches ausmachen ihre Wirkung nicht entfalten können.