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Peter Wawerzinek: «Das Kind das ich war»
«Es kam eine Zeit, in welcher das Kind, das ich nicht werden wollte, sich ausmalte, wie das Kind, welches die Mutter sich zur Seite wünschte, aussehen sollte»: Vom Standpunkt des Erwachsenen aus ist das Kind, an das der Erzähler sich erinnert, so fremd wie die Dörfer der Kindheit, in denen er nicht mehr zu Hause ist. Als ein «Heimkind» und dann nach verschiedenen missglückten Adoptionsversuchen schliesslich als ein «Elternkind»; als ein «Schulkind», als ein «Maskenkind» oder als ein «Winterkind» tritt es auf und verschwindet wieder. Das «Kind das ich war» stellt sich neben den «jungen Mann der ich wurde». Die Relativsätze, die den Erzähler in der Vergangenheit situieren, werden nicht durch Kommas abgetrennt; die jeweils in den Blick genommene Entwicklungsstufe ist nicht ein bestimmter Aspekt, sondern das, was an dieser Stelle des Berichts einzig gilt.
So läuft ein «miteilendes Kind» vor dem Autor her und wird zu seiner Figur wie die «Ziehmutter» oder wie die entschlossen subversive «Oma Piesche» in ihren Latzhosen. Über das, was im Kind vorgeht, bekommt man keine Auskunft. Die Dinge seiner Umgebung werden ihm zugeordnet: «Hässliche Viecher» oder «ein mysteriöses Wrack» oder «ein Fernheizwerk», das sich «zur Skyline» auswächst. Das Kind steht im Zentrum einer Welt, die geographisch als Mecklenburg definiert ist und politisch als die DDR. Die Wahrnehmung des Kindes beschränkt den Kreis des Wahrgenommenen. Aber sie taucht die Welt nicht in ein kindliches Licht. «Die Kühe schienen was gegen die Zeiten zu haben»: So spricht nur jemand, der schon verschiedene Zeiten gesehen hat; der dem «Druck der Norm entronnen» ist, wie es einmal heisst, und darüber nachdenkt, was die «Zeiten» waren und was sie jetzt sind.
Wer ist nun aber das Ich, das im eigenen Namen sagt: «Ich bin ein Liebhaber von geborgenen Feuern» oder: «Ich bin ein grosser Wolkengucker» oder, gleich danach: «Ich wurde geboren . . .» und: «Ich wuchs auf . . .»? Es gibt nicht nur den Bruch zwischen der Kindheit und dem Jetzt, sondern auch eine Kontinuität. Der, der sich erinnert, gibt hin und wieder Einblick in den Prozess, in dem der Stoff seiner Erinnerung gewoben wurde. Oder eingefärbt: «Mädchen, die noch erröteten, wenn man ihnen selbstgeschossene Papierblumen überreichte», bestimmen «jene zarte bis tiefere Röte» der «Backsteine des Nordens, aus denen die gedrungenen Kirchen, die Schornsteine ringsum bestanden». Unscheinbar wie Backsteine sind auch viele der Sätze, aus denen sich mit sichtbaren Fugen der Erinnerungsbericht aufbaut. «Da woher ich komme sind die Häuser aus dunkelrotem Stein gebacken»: auch die Geschichten, die von diesem Herkommen sprechen. Die Back- oder Bausteine haben mehr oder weniger scharfe Konturen, und es verändert sich ihre Farbe. Je nach Licht.
«Ich erinnere mich grell. Wir waren unter Buchen giftige Pilze verfluchen und bei den Linden den Pfifferling nicht finden»: Es gibt hier ein Wort das andere wie im Kinderreim. Aber der, der so spricht, misstraut dem Zauber, dem er sich sprechend, dabei ihn leise parodierend, überlässt. «Dort, wo die zukunftsweisenden Zauberworte Melioration und Rinderoffenställe waren», wo «Kinder des Staates, wie wir es waren», sich von «Worten wie Massen und Kund und Gebung» ernährten, hat er früh erfahren, dass die Worte, die man zur Darstellung der eigenen Sicht einsetzen möchte, nicht die eigenen sind und dass die eigene Stimme nicht leicht aufkommt gegen das, was bestimmt wird.
Das Ich wird denn auch in der Erinnerung oft zum «wir» oder zum «man». Wenn es sich in der Bemühung um eine ihm entsprechende Sprache sprechend aus dem Kollektiv heraushebt, tut es das zum Beispiel, indem es gegebene Wendungen sachte umbiegt. Von einem, «der sich gehen liess und nicht eigentlich ging», ist zum Beispiel die Rede. An anderer Stelle heisst es von den Söhnen der Bauern: «Nichts Verwerfliches war ihnen fremd.»
Wenn doch einmal eine Prägung in funkelnder Neuheit ins Auge springt die «funkmündlichen Wunderfuhren» zum Beispiel , enthält sie ein Modewort, das den Leser vom Wunder wieder zur Tagesordnung zurückruft, oder sie wird wie der «Beutebeutel» dem zugeschrieben, der sie geprägt hat. Die sogenannte Originalität, die sich in Kindheitsschilderungen so oft breitmacht, hält sich zurück. Oder sie weist sich aus. So ist der «breite blaue Regenbogen», zu dem sich einmal ein kindliches «Tagewerk» ausspannt, nicht eine beliebige Metapher, sondern er ergibt sich aus dem Spiel «mit Tauwerk und Donnerkeilen»; aus dem Gespräch mit Dünen und mit «bemuschelten Steinen». In ihm wird für eine Weile der Himmel zum Ereignis. Dann sinkt er wieder in seine selbstverständliche Alltäglichkeit zurück. Aber da ist bereits wieder etwas anderes vor die Augen getreten. Die Übergänge vom einen zum andern werden nicht erzählt. Es wird nur festgestellt. Nichts wird erklärt.
«Das Kind das ich war» ist ein Buch für geduldige Leser. «Meine Muttersprache wohnt in der Gesichtsfarbe der wetterfesten Bauern» heisst es gleich zu Anfang: die Wörter dieser Muttersprache, die sich in dem formal durch Wiederholungen und Leitmotive gegliederten Bericht in Form von knappen Schilderungen aneinanderreihen, sind nicht in einen Klartext zu übersetzen. Weil sie in einem gewissen Sinn ohne das Geheimnis der Kindheit zu verraten bereits Klartext sind? Die Dinge, die Ereignisse sprechen für sich selbst, und sie sprechen dadurch an, dass sie sich dem deutenden Zugriff entziehen. Sieht nicht so ungedeutet und nicht verfügbar das Kind in uns die Welt? Eleonore Frey -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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