Alles beginnt mit Beobachten. Wie sehr dies in Vergessenheit geriet, sehen wir nicht nur in den Bildungsinstitutionen, sondern auch in der Ratgeberliteratur. Doch der englische Entwicklungspsychologe und Dozent für Psychologie, Charles Fernyhough, orientiert sich an Jean Piaget und vertraut zuerst auf das, was er sieht, bevor er wissenschaftliche Thesen entwirft. Und weil er seine Beobachtungen vor allem an seiner Tochter Athena macht, ist sein Buch ein sehr persönliches. Das unterscheidet es auch vom Bestseller des Schweizerischen Kinderarztes Remo H. Largo. Ein eigenes Konzept verfolgt Charles Fernyhough aber auch, weil er seine Beobachtungen in die Erkenntnisse der Neurowissenschaftler einbettet. Hätte er dem Buch am Schluss noch ein Glossar angefügt, wäre dieses Konzept voll aufgegangen. Aber ohne eine solche Hilfe werden Leser ohne Vorwissen nicht jede Erklärung verstehen. Es sei denn, sie googeln während der Lektüre oder haben ein Fachlexikon zur Seite.
Trotz dieses Schönheitsfehlers bin ich von Fernyhoughs Buch begeistert. Denn der Klappentexter hat natürlich recht, wenn er schreibt, dem Autor sei "eine einzigartige Mischung aus Biographie und neurowissenschaftlicher und philosophischer Beobachtung" gelungen. Der englische Originaltitel trifft den Inhalt allerdings genauer, weil er nicht von der Entstehung des Bewusstseins spricht, sondern nur von der kindlichen Welt der ersten drei Lebensjahre. Die beginnt bei Athena jedoch schon vor der Geburt, werden doch auch Beobachtungen während der Schwangerschaft registriert und festgehalten. Und gerade diese Passagen machen auf eine weitere Qualität dieses Buches aufmerksam: Sein Autor unterscheidet sorgfältig zwischen persönlichen Annahmen und wissenschaftlich gut belegten Thesen.
Da sich das menschliche Gehirn in den ersten Lebensjahren so ungemein schnell entwickelt und ein Baby oder Kind so viel lernen muss, entgehen den Eltern viele Kleinigkeiten, die für die spätere Entwicklung wesentlich sind. Aber Charles Fernyhough will seine Leser nicht dazu anhalten, dauernd in einem Ratgeber nachzuschauen, ob nun auch alles nach Plan läuft. Das ist weder möglich, noch ratsam. Vielmehr will er sie dazu ermuntern, an der Entwicklung ihres Kindes teilzuhaben, zu staunen und nicht gleich in Panik zu verfallen, wenn ihr Sonnenschein am Tag X weniger weit krabbelt oder weniger Wörter kennt als das Nachbarskind. Und er macht auf kleine Hilfen aufmerksam, die sie ihrem Kind bieten können, damit es sich in der Welt besser zurechtfindet. Da viele Tipps in den erzählten Geschichten verborgen sind, kommen sie nicht im moralischen Gewand daher. Zudem werden sie vielleicht leichter befolgt, wenn sie den wissenschaftlichen Segen der Neurologen erhalten.
Mein Fazit: Ein Buch für Eltern, die mehr über die Entwicklung ihres Kindes während der ersten drei Jahre wissen möchten und lieber auf eigene Beobachtungen als auf trockene Ratgeber setzen. Um alle wissenschaftlichen Einbettungen der unzähligen kleinen und großen Lernschritte zu verstehen, wäre ein Glossar allerdings von großem Nutzen. Aber man kann sich ja auch ein weiteres Buch gönnen, das diesen Anspruch erfüllt und das Konzept von Charles Fernyhough ergänzt.