An einem Schriftsteller mit Weltruhm kommen auch die offiziellen Literaturkritiker nicht vorbei. Aber sie tun sich schwer mit dem französischen Musiker, Philosophen und Bestsellerautor. Dabei wäre es so einfach. Hat er uns etwas zu sagen? Sagt er es ihn einer Form, die wir annehmen können? Ist diese Form kunstvoll und leicht zugleich? Auf alle drei Fragen kann ich als ehemaliges Mitglied der Kritikerzunft nur mit Ja antworten. Aber das liegt vielleicht auch daran, dass ich es aufgegeben habe, bei einer gut erzählten Geschichte nach kleinen Fehlerlein zu suchen.
Die Geschichte vom siebenjährigen jüdischen Jungen während der deutschen Besatzung Frankreichs setzt das Versöhnungswerk des Autors vor. Doch die Vermittlung zwischen den grossen Religionen ist nur die eine Ebene. Wer Monsieur Ibrahim und die Blumen des Korans gelesen oder gesehen hat, sich auch Oskar und die Dame in Rosa nicht entgehen liess und seine Gefühlswelt nicht hermetisch abschottet, entdeckt in Schmitts Erzählungen immer wieder seine eigene Kindheit, seine eigenen Wünsche, Sehnsüchte, Ängste und Verletzungen. Immer geht es bei Schmitt auch um überzeitliche Werte wie Freundschaft, Achtung, Aufmerksamkeit.
Heute wissen wir, dass menschliche Werte nicht durch sozialpädagogische Papiere und politische Statements vermittelt werden, sondern durch gelebte Beispiele und Geschichten, die uns bewegen, in unsere Seelen eindringen. Das sind zwar nur Metaphern für Vorgänge in unserem Gehirn, denen Wissenschaftler langsam auf die Spur kommen. Aber Schmitt zeigt mit seinen Erzählungen, dass wir Bildhaftes mehr mögen als abstrakte Bildung. Und das ist gut so.
Eric-Emmanuel Schmitt zu lesen, tut mir gut. Nicht weil er menschlichen Alltag mit Zuckerguss überzieht, das wäre billig, sondern weil er mich bei den Gefühlen abholt und mich ahnen lässt, dass Glaube, Liebe, Hoffnung mehr sind als leere Worthülsen. Wenn das die offiziellen Religionen nicht mehr schaffen, dann braucht es eben Philosophen, Musiker und Schriftsteller wie Eric-Emmanuel Schmitt. 139 Seiten fürs eigene Gemüt, zum Verschenken und - ganz kitschig - für eine bessere Welt.